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3. Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » December 3, 2010

Von menschlichem Abfall und verflüssigter Moderne

Von Daniel Zuber, December 3, 2010
Er gilt als einer der einflussreichsten und bedeutendsten Soziologen unserer Zeit. Ein Blick auf Leben und Werk von Zygmunt Bauman zum Anlass seines 85. Geburtstags.
ZYGMUNT BAUMAN «Die Postmoderne ist jener Zustand der Beliebigkeit, von dem sich nun zeigt, dass er unheilbar ist»

Seine Analysen sind auf dem Hintergrund eines Lebenswegs entstanden, der die Lasten der Moderne als persönliches Schicksal miteinschliesst. «Ich habe in einem langen Leben in den verschiedensten Gesellschaftssystemen mit ihren Hoffnungen und Ängsten gelebt. Vielleicht ist es meine einzige Art von Weisheit, sicher zu sein, dass auf Erden eine gute Gesellschaft nicht existiert», antwortete Zygmunt Bauman im Jahr 2005 einem Reporter der «Zeit» auf die Frage, ob es denn bessere oder schlechtere Staaten als Heimat gäbe. Bauman hat tiefgreifende Erfahrungen mit totalitären Systemen durchlebt und auch das Sein in der «Postmoderne» – ein Konzept, an dessen Ausarbeitung er wesentlich mitbeteiligt war – erfahren.



Ruhelos

1925 in Poznan, Polen, geboren, flüchtete Bauman 1939 zusammen mit seinen Eltern vor den Nazis in die Sowjetunion. Mit 18 Jahren trat er der Ersten Polnischen Armee bei und zog unter sowjetischem Oberbefehl nach Polen. Bauman wurde verwundet, erholte sich aber rechtzeitig, um in der Schlacht um Berlin 1945 mitzukämpfen. Seine Einheit wurde später in das Korps der Inneren Sicherheit (KBW) eingegliedert. In der Armee und im KBW war Bauman Politoffizier, er war Kommunist und trat der Polnischen Arbeiterpartei bei. Zudem nahm er das Studium der Philosophie an der Universität Warschau auf, wo er 1948 seine Frau Janina kennenlernte, welche dem Warschauer Ghetto entronnen war. «Er war der erste ehrenhafte Kommunist, den ich kennenlernte», erzählte Janina Bauman in einem Interview mit der Zeitschrift «Mittelweg» 1993. Bauman machte seinen Magister in Philosophie, promovierte und habilitierte später in Soziologie.
Viele Juden betrachteten die kommunistische Regierung unmittelbar nach dem Krieg als Stütze und Schutz für ihre Zukunft in Polen, weil ausschliesslich sie in dieser Zeit, als antijüdische Stimmungen das Land ergriffen und Gewaltakte gegen Juden immer stärker zunahmen, Schutz und Sicherheit zu bieten schien. 1953 wurde Bauman jedoch «unehrenhaft» aus dem KBW entlassen, weil seine Eltern sich in der israelischen Botschaft in Warschau nach den Möglichkeiten einer Emigration nach Israel erkundigt hatten. Nach dem abrupten Ende seiner militärischen Karriere widmete er sich der Wissenschaft. Schon 1954 übernahm Bauman eine Professur für Soziologie in Warschau und veröffentlichte mehrere Bücher, die auch das kommunistische Parteiprogramm kritisch hinterfragten, womit er in Missgunst bei der Parteiführung fiel. Seine Bücher und Artikel wurden zensiert und er selbst überwacht. Dem Sechstagekrieg 1967 folgte eine antizionistische Kampagne in Polen, welcher letztlich auch Bauman zum Opfer fiel. Er trat aus der Partei aus und wurde nach Studentenunruhen Ende März 1968 gemeinsam mit fünf weiteren jüdischen Professoren der Universität Warschau relegiert. Kurz darauf verliess er mit seiner jungen Familie Polen und übernahm zunächst eine Professur für Soziologie an der Universität Tel Aviv, bevor er 1971 über Umwege schliesslich eine Professur für Soziologie an der Universität Leeds erhielt, wo er bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1990 lehrte.

Die Moderne und der Holocaust

Antisemitismus spielte eine zentrale Rolle in Baumans Werdegang. Dennoch befasste er sich erst relativ spät in seinen wissenschaftlichen Arbeiten mit dem Thema. «Ich war ein Jude, aber niemand hat besonders darauf geachtet. Ich ging in die polnische Armee, kam nach Polen zurück und fühlte mich als Pole. Mein Jüdischsein habe ich erst 1967 wieder bemerkt», so Bauman. Für die jüdische Problematik und die Rolle der Juden in der modernen Kultur habe er sich erst unter dem Einfluss des Buches seiner Frau Janina «Als Mädchen im Warschauer Ghetto» zu interessieren begonnen. «Plötzlich bemerkte ich, dass ich dieses Ereignis überhaupt nicht verstand.»
Was folgte, war eine eindringliche Analyse des Holocaust. Die Möglichkeit des Holocaust stecke im Wesen der modernen Zivilisation, so Bauman. «Der Holocaust wurde inmitten der modernen, rationalen Gesellschaft konzipiert und durchgeführt, in einer hoch entwickelten Zivilisation und im Umfeld aussergewöhnlicher kultureller Leistungen: Er muss daher als Problem dieser Gesellschaft, Zivilisation und Kultur betrachtet werden», lautet die zunächst triviale Aussage seines Werks «Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust». Was dies jedoch letztlich bedeutet, ist, dass der Holocaust kein Rückfall in die Barbarei, kein deutsches Problem, kein rein jüdisches Thema und kein singulärer Vorfall war. Der Fortschritt selbst war vielmehr wesentlicher Teil des Schreckens, der Holocaust ist ein Problem der modernen Zivilisation, ein globales Thema, welches jederzeit und überall wiederholbar ist. Ein «ganz normaler Vorgang», ein «Ausdruck der Moderne».

Fremdheit und Postmoderne

Seine Kritik an der Moderne und die kritische Analyse der Postmoderne stehen auch in späteren Arbeiten im Mittelpunkt. «Die Postmoderne ist jener Zustand der Beliebigkeit, von dem sich nun zeigt, dass er unheilbar ist. Nichts ist unmöglich, geschweige denn unvorstellbar. Alles was ist, ist bis auf Weiteres. Nichts, was war, ist für die Gegenwart verbindlich, während die Gegenwart nur wenig über die Zukunft vermag.»
Bis heute bleibt Bauman ein kritischer Analyst der zeitgenössischen Kultur in all ihren Erscheinungsformen. Gerade Themen wie Fremdheit und Ausschluss beschäftigen ihn immer wieder. So etwa in seinem Werk «Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne», in welchem er von der Produktion einer überschüssigen Menschheit erzählt, welche im Wirtschaftskreislauf schlicht nicht mehr gebraucht wird – «menschlicher Abfall», der «entsorgt» werden muss. Der Umgang mit «Müll», die Entsorgung des Überflüssigen, geraten in Baumans Kritik und die Müllmänner werden zu den «unbesungenen Helden der Moderne», denn ihre Aufgabe ist die tagtägliche Ziehung der Grenzlinie zwischen nützlich und nutzlos, zwischen innen und aussen. «Ich halte Bauman für einen überaus anregenden Denker. Persönlich sprechen mich vor allem seine Thesen zur Macht an», sagt Ueli Mäder, Professor für Soziologie an der Universität Basel. Baumans kritische Reflexionen sind gerade heute überaus aktuell und lesenswert.   



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