Ursprung und Bedeutung des Chanukkageldes
Der grosse jiddischsprachige Schriftsteller Scholem Alejchem (1859–1916) beginnt seine Kindererzählung «Chanike-Geld» (1900) folgendermassen: «Treft, Kinder, vosser Jontef is der bester fun alle Jomim Toivim? Chanike!» (Ratet, Kinder, welcher Feiertag ist der beste von allen Feiertagen? Chanukka!). «Acht Tog keseder nischt gehn in Cheder, essen Latkes mit Schmalz, schpiln in Drejdl un bekummen fun alle Saiten Chanike-Geld – nu, bedarf man noch a besseren Jontef?»
Geld und Spiele
Alejchem zählt vier Bräuche auf, die das Lichterfest zweifellos zum Lieblingsfest der Kinder machten: Man muss acht Tage nicht in den Cheder gehen, man darf ölige Latkes essen, mit dem Kreisel spielen und dazu bekommt man noch von allen Seiten Chanukkageld. Wir wollen in der Folge den beiden letztgenannten Bräuchen, dem Spielen sowie dem Geldverteilen an die Kinder, auf den Grund gehen.
Bereits im Talmud wird Geld im Kontext der Chanukkagesetze erwähnt: «Es ist verboten, vor dem Chanukkalicht Geld zu zählen» (Schabbat 22a). Der Grund für diese Weisung kommt im «Hanerot halalu»-Lied, welches nach dem Lichteranzünden und vor der «Maos zur»-Hymne gesungen oder gesprochen wird, zum Ausdruck: «An allen acht Chanukkatagen sind diese Lichter heilig, es ist uns nicht erlaubt, sie zu benützen, sondern nur, sie anzuschauen, damit wir deinem grossen Namen danken für deine Wunder, deine Hilfe und deine wunderbaren Taten.» Die Chanukkalichter sind also ausschliesslich zum Anschauen da, zur Erinnerung an die Wunder, die Gott vollbracht hat, und dürfen nicht für einen anderen Zweck verwendet werden, zum Beispiel um in ihrem Licht ein Buch zu lesen oder Geld zu zählen. Manche schliessen daraus, dass hier der Brauch des Geldverteilens an die Kinder wurzelt, da die Väter den Kleinen das Verbot des Lichterbenutzens veranschaulichen wollten, indem sie ihnen Geld gaben, jedoch mit der Bemerkung: «Diese Geldmünzen sind für euren Nutzen, ihr dürft sie aber nicht im Lichte der Chanukkakerzen zählen, weil diese heilig sind.» Die Basis dieses Brauchs soll also didaktischer Natur sein.
Verschiedene Erklärungen
Eine andere Meinung greift bei der Suche nach der Wurzel des Chanukkageldes gar noch weiter in die Geschichte zurück: Nach dem 25-jährigen Krieg zwischen den Seleukiden und den Makkabäern, bei welchem unter anderem die Brüder Elasar, Judah und Jonathan ihr Leben liessen, brachte der verbliebene Makkabäer-Bruder Simon im Jahre 142 v. d. Z. Judäa die lang ersehnte Unabhängigkeit. Der syrische König Antiochus VII. Sidetes verkündete in einem Schreiben an «Simon, den Priester und Fürsten der Juden»: «Hiermit gestatte ich dir, eigene Münzen für dein Land zu prägen. Jerusalem und das Heiligtum sollen frei sein» (1 Makkabäer 15:6–7). Das muss ein aufregender Moment für die jüdische Bevölkerung im heiligen Land gewesen sein, war doch das Prägen von Münzen in der Antike das ultimative Symbol für nationale Eigenständigkeit. Wenn auch historisch nicht erwiesen ist, ob Simon in seinen Tagen tatsächlich eigene Münzen prägen liess, so fanden sich beispielsweise Münzen aus der Zeit des letzten Herrschers der Hasmonäerdynastie Antigonos Mattathias (40–37 v. d. Z.), auf welchen der siebenarmige Leuchter auf der einen und die Schaubrote des Tempels auf der anderen Seite abgebildet sind. Es mag sein, dass man in den letzten Jahren der Hasmonäerzeit versucht war, durch diese Münzen den schwindenden jüdischen Nationalstolz mit national-religiösen Symbolen aufzupäppeln und gerade bei Kindern wachzurufen. Inspiriert durch diese Quellen brachte der Staat Israel 1958, ein Jahrzent nach seiner Gründung, eine spezielle Serie von Münzen zur spezifischen Nutzung als Chanukkageld heraus, was die ideologische Verbundenheit des modernen jüdischen Staates mit den makkabäischen Unabhängigkeitskämpfern unterstreicht.
Es leuchtet jedoch ein, dass der Ursprung des Chanukkageldes kaum so weit zurückreichen kann. Nach der Meinung gewisser Historiker begann dieser Brauch erst im 16. Jahrhundert in Osteuropa, wobei seine Bedeutung unter den Rabbinern nach wie vor umstritten ist. Bei einigen wird argumentiert, dass die Seleukiden bekanntlich den jüdischen Geist bezwingen wollten und deshalb an Chanukka das Thoralernen von besonderer Bedeutung sei. Man wollte Kinder zum Lernen der jüdischen Lehre animieren, indem man ihnen kleine Preise oder Geldsummen zusteckte. Andere sagen, dass an Chanukka verschiedene Rabbiner Geld für ihre Jeschiwot sammelten, als Inbegriff des Kampfes gegen den Hellenismus. Da man jedoch die Bittsteller nicht beschämen wollte, hätten Kinder für sie Geld gesammelt – und schliesslich sei von diesem Usus nur noch übrig geblieben, dass man den Kindern an Chanukka Geld gibt. Nach einer weiteren Meinung ist diese Praxis darauf zurückzuführen, dass man die Kinder mit dem Gebot der «zedaka», der Wohltätigkeit, vertraut machen wollte, besitze doch der Ausdruck Chanukka den selben Wortstamm wie «chinuch» («Erziehung»). Schliesslich gibt es eine Ansicht, welche den Brauch mit den Gesetzen des Chanukkafestes selbst in Verbindung zu setzen versucht: Da sämtliche Familienmitglieder die brennenden Chanukkakerzen betrachten sollten, habe man den Kindern Chanukkageld verteilt, um sie bis zu später Stunde wachzuhalten.
Gegenseitge Beeinflussung
Hinter diesen vielen, teilweise an Fantasie kaum zu übertreffenden Erklärungen zeitgenössischer Rabbiner zum Chanukkageld steht der Versuch, diesen Brauch um jeden Preis aus dem Judentum heraus zu erklären. Umso erfrischender und überzeugender ertönt die Stimme von Rabbiner Yuval Sherlo, einem bekannten zionistisch-orthodoxen Rabbiner aus Israel, der ohne Umschweife sagt: «Ich befürchte, die Quelle dieses Brauchs sind die Weihnachtsgeschenke und der Wille, dass sich die jüdischen Kinder nicht benachteiligt fühlen.» Diese mutige Behauptung Rabbiner Sherlos liegt nicht nur auf der Hand, sondern sie leuchtet auch deshalb ein, weil ein anderer Brauch existiert, welcher den Einfluss von Weihnachten auf die jüdische Praxis dokumentiert: Die Nittelnacht. So wurde im jüdischen Volksmund nach dem Lateinischen «natali domini» der Abend des 24. Dezember genannt. In einigen jüdischen Gemeinden Europas hat sich seit dem Mittelalter der Brauch entwickelt, an diesem Abend keine Thora zu lernen, sondern sich die Zeit mit profanen Dingen, sogar mit Kartenspielen zu vertreiben. Diesem interessanten Brauch werden sowohl historisch soziale als auch spirituelle Motive zugeordnet. Nach der ersten Auffassung fusst diese Gepflogenheit, die heute fast nur noch in gewissen chassidischen Kreisen gepflegt wird, in der Tatsache, dass mancherorts Christen gerade am Heiligen Abend Juden aufgelauert und sie verprügelt hatten. Deshalb hätten die Rabbiner verboten, in dieser Nacht Thora zu lernen, um zu verhindern, dass sich Juden ins Lehrhaus begaben und sich so der Gefahr auf der Strasse aussetzten. Nach der geistigen Erklärung hatten sich die Juden in der Nittelnacht, die in Osteuropa auch «blinde Nacht» genannt wurde, dem Thoralernen entzogen, um der Seele des christlichen Erlösers, unter dessen Symbol Juden im Laufe der Geschichte grenzenlos gelitten haben, keine «metaphysische Erhöhung» durch das Studium der göttlichen Lehre zu bescheren. Es ist durchaus möglich, dass der Brauch des Spielens am Chanukka eine Erweiterung des Spielens während der Nittelnacht darstellt, zumal der Weihnachtstag nicht selten in das achttägige Chanukkafest fällt. Zudem lässt sich die Vermutung aufstellen, dass die kalendarische Nähe mit dem Weihnachtsfest eine gegenseitige Befruchtung der beiden Festtage zur Folge hatte, die beim Geschenkeverteilen an Kinder an Chanukka einerseits und beim Lichtmotiv an Weihnachten andererseits zum Ausdruck kommt.
Diese Theorie entbehrt natürlich nicht einer tiefen Ironie, gilt doch Chanukka als Feiertag schlechthin, der sich die «Bezwingung» äusserer hellenistischer Einflüsse und die Hervorhebung der eigenen, jüdischen Kultur auf sein Banner schreibt. Und nun stellt sich heraus, dass der an Chanukka so hochgelobte Partikularismus in der Realität gar nicht so partikular ist. Ausgerechnet an diesem Feiertag scheinen die Einflüsse anderer Kulturen auf die jüdische Religionspraxis – wie auch umgekehrt – besonders zur Geltung zu kommen. Vielleicht ist dies aber auch ein Spiegel für uns selbst. Jeder Leser und jede Leserin – wie auch der Schreiber – dieser Zeilen ist zu einem gewissen Grade «hellenisiert» und aktiver Teilhaber der modernen westlichen Kultur. Chanukka als «Sieg des Judentums» gegen den Hellenismus darzustellen ist nicht nur oberflächlich, es ist vor allem unehrlich. Man vergesse nicht, dass sich die Hasmonäerdynastie selbst zunehmend hellenisierte. Vielmehr sollen uns die Chanukkatage dazu animieren, uns selbst die Frage von Partikularismus versus Universalismus in unserem Leben zu stellen sowie uns der inneren Spannung und des Wechselspiels zwischen diesen beiden Polen bewusst zu werden. Dabei können gerade die Festtagsbräuche von Chanukka als Inspiration dafür dienen, wie «fremde» Elemente eine solide jüdische Identität posititiv bereichern können. Wie reagierte doch Rabbiner Sherlo auf die Behauptung,
die historische Wurzel des Kreiselspiels liege in einem antiken Glücksspiel, das ursprünglich aus Indien komme: «Auch ich habe davon gehört – na und?»


