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3. Dezember 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 48 Ausgabe: Nr. 48 » December 3, 2010

Im Bewusstsein der Differenz leben

Von Fabio Luks, December 3, 2010
Ende November kam der britische Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks nach Basel. Am Vorabend des Dies academicus hielt er den traditionellen Vortrag und bekam die Ehrendoktorwürde verliehen. Am vergangenen Schabbat war er zu Gast in der Israelitischen Gemeinde Basel.
FEIERLICHE ÜBERGABE Oberrabbiner Jonathan Sacks empfängt von Alfred Bodenheimer die Urkunde zur Ehrendoktorwürde

Vor der Verleihung der Ehrendoktorwürde am Donnerstagnachmittag traf sich Jonathan Sacks  (vgl. tachles 46/10) im Basler Institut für Jüdische Studien mit Studenten und Vertretern der Gruppe Zelt Abrahams. Es ging um Beziehungen zwischen Religionen, zwischen Menschen. Dabei unterscheidet Jonathan Sacks zwischen Beziehungen «von Angesicht zu Angesicht», wo jeder im Gespräch seine persönlichen Anliegen einbringt und den Beziehungen «Seite an Seite», in denen gemeinsam an einem Projekt gearbeitet wird und das persönliche Interesse nicht im Vordergrund steht. Letztere Art von Beziehung wünscht er sich denn auch für die drei grossen monotheistischen Religionen Islam, Judentum, Christentum.



Austausch mit Atheisten

Doch nicht nur der Dialog unter religiösen Menschen interessiert ihn, auch der Austausch mit Atheisten. So berichtete er von der Diskussion mit drei Atheisten (Ho­ward Jacobson, Alain de Botton, Lisa Jar­dine) im Rahmen seiner einmal jährlich stattfindenden Fernsehshow bei der BBC und über sein Buch, welches nächstes Jahr erscheint und eine Antwort auf den radikalen Atheisten Richard Dawkins («Der Gotteswahn») sein wird. Für Jonathan Sacks sind Religion und Wissenschaft zwei verschiedene Bezugnahmen zur Wirklichkeit. Das Religionsbewusstsein, welches in der rechten Hirnhälfte verortet werde, würde die  Dinge zusammenbringen, während die Wissenschaft mit der linken Hirnhälfte operierend die Dinge separiere und analysiere. Es gelte, beide Hemisphären gleichermassen zu nutzen und das Rationale mit dem Umfassenden zusammenzubringen. «Wie bringt ihr übrigens am besten verschiedene Menschen zusammen?», wollte Jonathan Sacks noch von den Anwesenden wissen. Seine lakonische wie einleuchtende Antwort war: «Mit Musik und Essen.»

Verleihung des Ehrendoktortitels

Knapp anderthalb Stunden nach dem Gespräch am Institut für Jüdische Studien stand der Oberrabbiner des Commonwealth am Rednerpult im grossen Hörsaal des Kollegiengebäudes vor vollen Rängen zum traditionellen Vortrag am Vorabend des Dies academicus. Alfred Bodenheimer, Leiter des Instituts für Jüdische Studien und Dekan der Theologischen Fakultät, übergab in feierlichem Talar Jonathan Sacks die Urkunde zur Ehrendoktorwürde und sprach einige einleitenden Worte. «Chanukka und Weihnachten stehen vor der Tür. Beides sind Feste des Lichts und bringen der Welt schlicht mehr Licht», begann Jonathan Sacks seinen energiegeladenen Vortrag. Was folgte, war eine Abhandlung über Bibel, Philosophiegeschichte bis hin zu Ökonomietheorien. Nachfolgend werden einige Kernthesen skizziert: Warum ist die Religion im 21. Jahrhundert zurückgekehrt? Das 20. Jahrhundert war die Zeit der Ideologien, während es im 21. Jahrhundert um Fragen der Identität geht. Wer bin ich und zu welcher Gruppe gehöre ich? An diesem Punkt kommt die Religion ins Spiel, indem sie ein «Wir» definiert, welches Identität stiftet. Die Kehrseite des «Wir» ist, dass es sich von den anderen «Wir», also anderen religiösen Gruppen, abgrenzt. Zur Überwindung dieser Abgrenzung wäre dann wieder eine Beziehung «Seite an Seite» denkbar. Im Zentrum dieser Überlegungen von Jonathan Sacks steht die Würde der Differenz, so auch der gleichnamige Titel seines 2002 publizierten Buchs «The Dignity of Difference». Das grosse Wunder sei die Differenz – Biodiversität, Vielfalt des Lebens –, die aus einem einheitlichen, universalistischen Prinzip, einem genetischen Code hervorging. Was wir nun lernen müssten, sei im Bewusstsein der Differenz zu leben. Gott, der die Menschen nach seinem Ebenbild erschuf, wird zuweilen synonym mit «dem ganz Anderen» bezeichnet, und deshalb gelte es auch, Gott im ganz Anderen, im von uns differenten Menschen zu suchen und zu finden. Jonathan Sacks Schlusswort dazu: «Gläubige werden durch an­dere Gläubige gestärkt und nicht geschwächt.» Am Schabbat war Jonathan Sacks zu Gast in der IGB, wo er am Samstagmorgen im Rahmen des Gottesdienstes eine An­sprache hielt und wo ihm zu Ehren ein Kiddusch serviert wurde.   



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