«Big Mick» macht Sturm
In Grossbritannien scheint nun offensichtlich Schluss damit zu sein, dass Diaspora-Juden sich ein freiwilliges Schweigegebot auferlegen, wenn das Gesprächsthema die israelische Politik ist, egal, ob nun ihre Meinung persönlicher oder offizieller Natur ist. So äusserte sich Mick Davis, Vorsitzender des United Jewish Israel Appeal (UJIA) in einem kürzlichen Podiumsgespräch zu vier wichtigen Punkten folgendermassen: Er kritisierte Premierminister Binyamin Netanyahu, forderte die Juden auf, ihre ethischen und moralischen Bedenken betreffend israelisischer Politik laut werden zu lassen und warnte, dass Israel sich zu einem Apartheid-Staat entwickeln würde, falls eine Zweistaatenlösung nicht bald in greifbare Nähe rücke. Ausserdem, meinte Davis, gehe Israels Politik nicht nur seine israelischen Bürger an, sondern auch die Diaspora-Juden.
«Rich Mick» sorgt für Kontroversen
Die dadurch ausgelöste Furore hat die hiesige Gemeinde und Presse, aber nicht die israelische Botschaft aus der Fassung gebracht. Mick Davis ist Vorstehender des UJlA und steht mit seinem auf viele Millionen Pfund geschätzten Vermögen hoch auf der «Times Rich List». Mit einem jährlichen Gehalt von 15 Millionen Pfund sei er der bestbezahlte CEO Grossbritanniens. Er stammt aus Südafrika und ist Vorsitzender von XStrata, die mit Sitz in Zug, eine der fünf grössten Minen- und Metallgruppen der Welt darstellt. Seit Jahren setzt sich Davis unermüdlich und lautstark für Israel ein.
Wie so oft lassen lautstarke Kommentatoren nicht lange auf sich warten. Was die jetztige Debatte anbelangt, kann man diese in eine Anzahl deutlich unterschiedliche Lager einordnen. Zunächst diejenigen, die sich voll und ganz hinter Davis stellen, prominente Namen, die in jüdischen und Geschäftskreisen bekannt sind, aber auch allgemein als grosszügige Unterstützer Israels gelten. Dann die Gruppe, die Davis als
einen Glaubensgenossen verurteilt, der «öffentlich schmutzige Wäsche wäscht», seines Posten enthoben werden soll und den hiesigen Juden einen sehr schlechten Dienst erwiesen habe. Er sei ein Feind Israels und habe Kritikern Israels in die Hand gespielt. Eine weitere Gruppe, hinter die sich auch ehemalige UJIA-Vorsitzende und zionistische Jugendgruppen stellen, ist der Ansicht, Davis habe nichts anderes als sein demokratisches Rederecht ausgeübt. Ob er nun in persönlicher oder offizieller Rolle gesprochen habe, sei unwichtig. Vielleicht erweise er Israel gar einen Dienst und sporne die Friedensgespräche an.
Kritik und Zustimmung
Jüdische Politiker, darunter auch Lord Janner, der seinerzeit in der Schweizer Holocaust-Gold-Debatte stark involviert war, meinen, dass Israel auf die «roten Linien» aufmerksam gemacht werden müsse, welche das Land zu überschreiten drohen. Man könne nicht ein stillschweigender Zuschauer sein, wenn der Frieden durch Passivität bedroht werde. Auch die konservativen Masorti-Rabbiner äusserten sich wohlwollend zu Mick Davis und beharren auf den ethischen Prinzipien, die Israel aufrecht zu erhalten habe. Die Befragten dieser Gruppe beharrten jedoch auch auf ihrer grundlegenden Liebe zu Israel, ihrem kompromisslosen Bekenntnis zum jüdischen Staat sowie auf Israels Recht, sich gegen Feinde zu wehren. Sie beteuern, auch künftig Israel mit Spenden und Unterstützung beizustehen. Eine weitere Gruppe gibt Davis wohl Recht, wirft ihm, der doch eine so hohe Position im jüdischen Gemeindeleben innehalte, aber vor, in die Hand von Israels Kritikern zu spielen und Feuer zu schüren. Er hätte sich nur in privater Kapazität äussern sollen. Zu dieser Gruppe zählen vor allem jüdische Gemeindeführer, die in Grossstädten ausserhalb Londons leben. Zuletzt gibt es auch die Gruppe, die Davis als Aushängeschild dazu benützt, dem britischen Publikum zu beweisen, dass «selbst die Juden, auch diese, die einen öffentlichen Posten bekleiden, nicht hinter Israel stehen».
Der ehemalige jüdische Aussenminister David Milliband, dessen Bruder heute der Leader des Labour-Schattenkabinetts und nicht besonders gut auf Israel zu sprechen ist, begrüsste die Äusserungen von Davis als «besonders tapfer und willkommen», während Oberrabbiner Lord Jonathan Sacks seinen Gemeindemitgliedern wohl eine offene und aufrichtige Debatte zugesteht, unter der Bedingung aber, dass ihre Hingabe zu Israel, zum Staat und seinen Bürgern, nicht zur Debatte steht.


