Visionär und Lebemann
Philip Green, geboren am 15. März 1952, wuchs im mittelständischen Hampstead Garden im Norden Londons als Sohn einer traditionell-jüdischen Familie auf. Im Alter von neun Jahren schickten ihn seine Eltern auf das mittlerweile geschlossene jüdische Internat Carmel College in Oxfordshire, das er allerdings aufgrund seiner schlechten schulischen Leistungen nach sechs Jahren ohne Abschluss verlassen musste. Zunächst arbeitete er im elterlichen Betrieb, einem Unternehmen, das Schuhe von China und Hongkong nach England einführte. In den folgenden Jahren sammelte er wertvolle beruflichen Erfahrungen auf seinen zahlreichen Reisen in den USA, Europa und Asien, und er beschloss, sich selbständig zu machen. Zuerst beschaffte er sich ein Darlehen von 20 000 Pfund und importierte Jeans aus Asien, die er dann an Einzelhändler in London verkaufte. Mit 27 Jahren erwarb er aus einer Konkursmasse den gesamten Warenbestand von zehn namhaften Designerlabels zu sehr günstigen Konditionen. Damit er die edlen Stücke profitbringend verkaufen konnte, präsentierte er die gereinigte Ware auf edlen Kleiderbügeln in einer eigens dafür angemieteten Boutique und verdiente so ein kleines Vermögen. Mit dieser Geschäftsidee legte er den Grundstein für sein späteres Detailhandelsimperium.
Die ersten negativen Erfahrungen machte Philip Green elf Jahre später. Nachdem er die Leitung von Amber Day, einem börsennotierten Discounter, übernommen hatte, machten ihn die Aktionäre für den Einbruch der Aktien verantwortlich, und er war gezwungen, die Firma nach vier Jahren wieder zu verlassen. Eine unerfreuliche Wende für den erfolgsverwöhnten Geschäftsmann. Unbeirrt erwarb er schon kurze Zeit später zusammen mit Tom Hunter, dem ersten Milliardär Schottlands, den Sportfachhandel Olympus für die Summe von einem Pfund, plus der Übernahmeschulden von 30 Millionen Pfund. Drei Jahre später verkauften Green und sein Partner das Unternehmen für 550 Millionen Pfund. Einen ähnlichen Handel machte er mit den Barclay-Brüdern, indem er die Sears-Einzelhandelskette für 538 Millionen Pfund übernahm und für 729 Millionen Pfund wieder verkaufte.
Untrüglicher Geschäftssinn
Einer seiner engsten Mitarbeiter sagte einmal: «Philip Green hat glasklare Visionen und glaubt unbeirrt an seine Vorhaben.» Dies war auch der Grund für Greens Übernahme der maroden Einzelhandelskette British Home Stores, einer Warenhauskette, die er 1990 für 200 Millionen Pfund kaufte, als alle anderen Interessenten das Unternehmen als unrettbar zurückwiesen. Er glaubte als einziger an den Erfolg und investierte dafür sogar 50 Millionen Pfund aus seinem Privatvermögen. Innerhalb kurzer Zeit erneuerte er die Unternehmensstruktur von Grund auf und verdreifachte den Jahresgewinn. Heute besitzt das Unternehmen in Grossbritannien 193 Warenhäuser, beschäftigt rund 18 000 Mitarbeiter und hat einen geschätzten Wert von mehr als 1,2 Milliarden Pfund.
Vor acht Jahren gelang Green sein bisher grösster Coup. Er erwarb die Arcadia Group mit den führenden Marken Burton, Dorothy Perkins, Evans, Miss Selfridge, Outfit, Topshop, Topman, Wallis und Etam, welche mit 2500 Läden in ganz England sowie in 30 Ländern Europas, im Nahen und Fernen Osten vertreten ist und unter seiner Leitung einen Jahresgewinn von 380 Millionen Pfund erzielt.
Heute kontrolliert Green rund 12 Prozent des gesamten Detailhandels Englands und ist damit die Nummer zwei im Vereinigten Königreich. Ausserdem belegt er mit einem geschätzten Vermögen von 4,9 Milliarden Pfund Platz 104 auf der aktuellen «Forbes»-Liste.
Pompöse Partys
Während der als hilfsbereit und menschenfreundlich bekannte Philip Green unter der Woche in einem Hotel in London lebt, erholt er sich an den Wochenenden bei seiner südafrikanischen Frau und seinen beiden Kindern Chloe und Brandon, die in Monaco residieren. Vor acht Jahren machte er in der Klatschpresse von sich reden, als er zu seinem 50. Geburtstag einen Airbus A300 für 200 seiner besten Freunde, die an Bord kamen, charterte und ein dreitägiges Fest veranstaltete, bei dem so bekannte Entertainer wie Rod Stewart und Tom Jones auftraten. Als Krönung schenkte ihm seine Gattin ein Monopoly aus purem Gold, bei dem um seine Einzelhandelsübernahmen gespielt wird und nicht um irgendwelche öffentlichen Strassen. Auch die Bar Mizwa seines Sohnes wurde drei Tage lang gebührend an der Côte d’Azur gefeiert und kostete angeblich vier Millionen Pfund.
Der Unternehmer machte aber auch positive Schlagzeilen, als er 2007 für die Ergreifung der Entführer von Madeleine McCann 250 000 Pfund zusicherte und seinen Privatjet zur Verfügung stellte, als die McCanns den Papst in Rom besuchten.
Momentan bemüht sich Green um die Übernahme des in Insolvenz geratenen isländischen Einzelhandelsgiganten Baugur. Ausserdem bewegt er sich erstmals auf einem ihm völlig fremden Terrain: Er will mit dem britischen Fernsehstar Simon Cowell ins TV-Geschäft einsteigen.
Skeptiker befürchten, Green könnte sich irgendwann einmal verspekulieren. Doch seine schon legendäre Vision, sein untrüglicher Geschäftssinn und sein Durchhaltevermögen haben sich bis jetzt noch immer bewährt.


