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Beilage Luxus, 26. November 2010, Ausgabe 47, 10. Jahrgang Ausgabe: Nr. 47 » November 26, 2010

Stradivari der Flügel

Von Katja Behling, November 26, 2010
Steinway und Bechstein gehören zu den traditionsreichsten und berühmtesten Klavierbaufirmen der Welt. Jüdische Familien gehören traditionell zu den Kunden – und zu den erfolgreichsten Produzenten von Instrumenten der Spitzenklasse.
CARL BECHSTEIN Das Tasteninstrument erlebte durch den Instrumentenbauer eine
revolutionäre Perfektionierung.

Namen wie Steinway und Bechstein stehen nicht nur für Klaviere der Spitzenklasse, sondern mit ihren Geschichten und Köpfen auch für Musikgeschichte – und Unternehmergeist. Unter den Klavierbauern haben sich einige jüdische Hersteller einen Namen gemacht. Nicht nur Steinway und Bechstein. Diese Namen versprechen Manufaktur auf höchstem Niveau. Die «Stradivari der Flügel», nannte der berühmte Violinist Pablo de Sarasate die Tasteninstrumente der Firma Bechstein. Nach schwierigen Jahren für die Branche ist der Berliner Klavierbauer, der Klaviere und Flügel der Marken C. Bechstein, Bechstein Academy und W. Hoffmann herstellt, in die Gewinnzone zurückgekehrt. Die C. Bechstein Pianoforte-Fabrik erzielte 2009 bei 29,3 Millionen Euro Umsatz einen Konzerngewinn von 326 000 Euro, wie das Unternehmen Mitte Juni bei Vorlage seiner Bilanz mitteilte. Noch 2008 hatte Bechstein Verluste geschrieben. Dabei profitiert das Unternehmen auch von einer Renaissance der Hausmusik und einer allgemeinen Rückbesinnung auf bildungsbürgerliche Tugenden. Im letzten Jahrzehnt wuchs das Interesse an klassischer Hausmusik, und auch das Bedürfnis vieler Eltern, ihre Kinder diesbezüglich zu fördern und zu begeistern. Zudem macht die Stabilität der Qualitätsmarke die traditionsreichen Instrumente zu einer dauerhaften Kapitalanlage.



Ikonen der Musikkultur

Die Erfolgsgeschichte der Firma Bechstein begann Mitte des 19. Jahrhunderts. Ab 1853 entwickelte Carl Bechstein Flügel und Klaviere und kooperierte dabei eng mit den berühmtesten Künstlern seiner Zeit. Sein Verständnis für die Bedürfnisse zeitgenössischer Musiker bewog ihn, Instrumente in neuer Qualität zu bauen und weiterzuentwickeln. 1853 eröffnete er in Berlin seine eigene Klaviermanufaktur C. Bechstein. Das Tasteninstrument erlebte durch Bechstein eine revolutionäre Perfektionierung, indem nunmehr die ganze pianistische Vielfalt vom virtuosen bis zum zarten Klavierspiel umgesetzt werden konnte. Berühmte Komponisten und Pianisten spielten Instrumente von C. Bechstein. 1857, schon wenige Jahre nach der Gründung, begann Hans von Bülow, später erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, Bechstein zu fördern. 1862 behauptete sich der Berliner Klavierbauer auf der Londoner Industrieausstellung erfolgreich gegen die übermächtige ausländische Konkurrenz. In der Folge wuchsen Produktion und Export enorm. 1885 gründete Bechstein eine Londoner Filiale. Auch in St. Petersburg und Paris gab es erfolgreiche Niederlassungen. Und wie die Londoner wurde auch die Pariser Zweigstelle im Ersten Weltkrieg enteignet.
Bereits vor der Jahrhundertwende eroberte Bechstein die internationalen Konzertbühnen.  Johannes Brahms und Anton Rubinstein schworen auf Instrumente des Meisters. Nach dem Tode des Gründers im Jahre 1900 übernahmen dessen drei Söhne die Geschäftsleitung. Sie leiteten eine neue Ära ein: Ab 1901 bot die prachtvolle Bechstein Hall in der Nähe der Verkaufsräume in der Londoner Wigmore Street zwischen Alabaster und Marmorwänden 500 Zuhörern Platz. Der Ausbruch des Krieges 1914 rief Ressentiments gegen deutsche Firmen hervor, so auch gegen das Haus Bechstein. Als die Opernprimadonna Nellie Melba, die Maria Callas ihrer Zeit, die englische Hymne «Hope and Glory» sang und die Begleitmusik dazu auf einem Bechstein gespielt wurde, gab es massive Kritik. 1916 ging das Gesamtunternehmen zu einem Spottpreis an Debenhams. 1917 wurde das ehrwürdige Konzerthaus in Wigmore Hall umbenannt.

Krise, Krieg und Neupositionierung

In den zwanziger Jahren machte die Wirtschaftskrise dem Pianoproduzenten zu schaffen. Bechstein, nun eine Aktiengesellschaft, versuchte dem zu trotzen, verlieh Instrumente, feilte am Nimbus der Marke, stattete öffentlichkeitswirksam das Luftschiff Zeppelin sowie grosse Ozeandampfer aus, präsentierte sich auf der Weltausstellung in Barcelona und kooperierte mit Nobelpreisträgern, um die Herstellungstechniken den modernen Zeiten und musikalischen Strömungen anzupassen. Aber es blieb schwierig, auch für Mitbewerber: Die von wirtschaftlichen Schwierigkeiten geplagten Kunden hatten schlicht kein Geld. Die rasche Verbreitung von Radio und Grammofon erschwerte das Geschäft mit Klavieren und Flügeln zusätzlich.
In den frühen dreissiger Jahren beeinträchtigte schliesslich die wiederaufflackernde Deutschfeindlichkeit die internationalen Geschäfte. Und mit der Vertreibung und Ermordung jüdischer Bürger durch die Nationalsozialisten verlor Bechstein einen grossen Teil seiner (potenziellen) Käufer. Das Klavier und die Pflege von Hausmusik fungierten insbesondere seit dem 19. Jahrhundert in bürgerlichen Familien auch als ein Mittel gesellschaftlicher Distinktion. Der Bechstein war auch in den Familien des wohlhabenden jüdischen Bildungsbürgertums traditionell eines der bevorzugten Instrumente gewesen – diese Kunden fehlten nun. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Bechstein-Produktionsanlagen weitgehend und möglicherweise gezielt zerstört. Unter der alliierten Militärverwaltung lag Bechstein im amerikanischen Sektor, so dass die US-Administration das Unternehmen beschlagnahmte.
1953 feierte das Unternehmen C. Bechstein unter Wilhelm Furtwängler und Wilhelm Backhaus in der Berliner Philharmonie seinen 100. Geburtstag. Nach wie vor bevorzugten berühmte Künstler wie Sergiu Celibidache und der legendäre Dirigent und Komponist der «West Side Story» Leonard Bernstein Flügel aus der Berliner Traditionsfirma. Amerikanische Jazzpianisten waren von Bechstein-Klavieren begeistert und Bechstein eroberte sich auch die junge Popmusikszene. Viele Kompositionen etwa der Beatles, der Rolling Stones sowie von Freddy Mercury und Elton John entstanden auf Bechstein-Flügeln. Nach 1968 kämpfte der europäische Klaviermarkt, dem bürgerlichen Werteverfall geschuldet, mit Konjunkturproblemen. In den achtziger Jahren kaufte ein Klavierbaumeister und Unternehmer dem damaligen amerikanischen Eigner Baldwin die Berliner Traditionsmarke wieder ab und reorganisierte das Unternehmen. Der Fall der Berliner Mauer 1989 läutete ein neues Zeitalter mit unerwartet harten wirtschaftlichen Bedingungen für die gesamte Branche ein. 1992 erwarb C. Bechstein die sächsische Pianofortefabrik. Seitdem geht es allmählich wieder bergauf. Zwischen 1999 und 2006 eröffnete das Haus, nun eine AG, repräsentative Geschäfte für Verkauf und Kulturaktivitäten, nun auch wieder in Berlin – und auch wieder beliebt bei zahlreichen jüdischen Kunden.

Eine beispiellose Erfolgsgeschichte

Noch berühmter als Bechstein ist wohl nur der Pianoproduzent Steinway. 1836 baute der deutsch-jüdische Tischlermeister und Klavierbauer Heinrich Engelhard Steinweg in Seesen im Harz seinen ersten Flügel. Im Jahre 1850 wanderte er mit seiner Familie in die Vereinigten Staaten aus. Als Henry E. Steinway gründete der Immigrant 1853 zusammen mit seinen Söhnen in New York das Unternehmen Steinway & Sons. Zwei Jahre später wurde die hohe Qualität der Steinway-Instrumente bereits auf der American Institute Fair im New Yorker Cristal Palace gewürdigt. 1866 eröffnete die
erste Steinway Hall in der 14. Strasse in New York. Der Konzertsaal für 2000 Gäste wurde das Musik- und Kulturzentrum der Stadt am Hudson. Nach dem Tod des Seniors im Jahre 1871 übernahmen dessen Söhne C. F. Theodore und William die Firma. 1875 wurde das Verkaufsgeschäft Steinway Hall London gegründet, 1880 die Hamburger Steinway-Fabrik in der Schanzenstrasse. Ab 1909 gab es auch eine Niederlassung in Berlin. Erfolgreiche Jahrzehnte folgen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, 1953, kaufte CBS Inc. das Unternehmen und integrierte es in die Columbia Group. Ab den späten sechziger Jahren wurde – wie für die Firma Bechstein – für Steinway das Geschäft schwieriger, doch nach der Wende begann auch für Steinway eine neue Ära. Allmählich ging es wieder bergauf. 1996 ging das nun als Steinway Musical Instruments Inc. firmierende Unternehmen an die Börse. In der Folgezeit erwies sich der asiatische Markt als lukrativ. Seit 2001 expandiert das Haus verstärkt wieder auch in Deutschland. Zum 150. Firmenjubiläum von Steinway & Sons im Jahre 2003 fanden in der ganzen Welt Feierlichkeiten statt, Höhepunkt war das Konzertereignis in der New Yorker Carnegie Hall. Im Jahre 2008 verstarb der frühere Präsident des Unternehmens Henry Z. Steinway im Alter von 93 Jahren in New York. Nicht zuletzt er hatte den Namen Steinway unsterblich gemacht.
Doch auch die deutsche Version des Namens lebt fort: Friedrich Grotrian gründete die nun schon sechs Generationen währende Klavierbautradition der Familie Grotrian-Steinweg. Nachdem er als erfolgreicher Musikalienhändler aus Moskau in seine Heimat zurückgekehrt war, traf er auf den genialen Klavierbauer Theodor Steinweg und beteiligte sich zunächst an dessen kleiner, seit 1835 bestehender Pianomanufaktur. Die beiden hatten rasch Erfolg – Clara Schumann etwa spielte bevorzugt auf Klavieren aus dieser Fertigung. Bevor Theodor Steinweg 1865 seinem Vater nach Amerika folgte, verkaufte er seine restlichen Geschäftsanteile an die Familie Grotrian. Diese Familie, der man später den Namen Grotrian-Steinweg verlieh, besitzt das Braunschweiger Unternehmen seither ausschliesslich und ununterbrochen bis heute.   



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