Diskreter Luxus aus Neuengland
Vom ehemaligen US-Präsidenten George H. W. Bush wird eine Anekdote überliefert, die tief in die mysteriöse Welt der angelsächsischen Oberschicht der USA führt. Demnach trat Bush, Sohn des Senators Prescott Bush und wie etliche seiner Vorfahren Absolvent der elitären Yale University, dort 1980 bei einer Wahlveranstaltung auf und wurde von Studenten als «noch so ein Republikaner in einem Brooks-Brothers-Anzug» beschimpft. Bush wandte sich dem Störer entrüstet zu und öffnete sein Jackett mit dem Ausruf: «Ich bin ein J.-Press-Mann!» 1818 in New York gegründet, dürfte Brooks Brothers die älteste heute noch existierende Kleidermarke der USA sein.
Wer in den Abendnachrichten amerikanische Politiker oder Bürokraten sieht, kann davon ausgehen, dass viele von ihnen einen der klassischen Anzüge von Brooks Brothers tragen. J. Press wurde dagegen 1902 vom jüdischen Immigranten Jacobi Press in New Haven, Connecticut, gegründet, das vor allem als Sitz der Yale University bekannt ist. Der Herrenschneider Press liess sich an der York Street inmitten der ehrwürdigen, aus Granit gebauten Universitätsgebäude nieder und wurde rasch zur ersten Adresse für «town and gown»: Darunter sind sowohl wohlhabende Geschäftsleute und Freiberufler in der Stadt als auch die Yale-Professoren in ihren Talaren und die damals noch fast ausschliesslich aus der alten, angelsächsischen protestantischen Elite stammende Studentenschaft zu verstehen.
Unerschütterliche Tradition
Heute bildet J. Press zusammen mit Brooks Brothers und der 1938 in New York gegründeten Firma Paul Stuart das Dreigestirn der klassischen amerikanischen Herrenbekleidung. Natürlich finden längst Professoren aus Indien oder Väter chinesischer Studenten in den gediegenen, mit dunklem Holz getäfelten Stammsitz an der York Street. Aber alteingesessene Yankees aus Neuengland bevorzugen J. Press gegenüber den landesweit wesentlich bekannteren Marken Brooks Brothers und Paul Stuart. Dies mag an den Preisen liegen: Ein Jackett bei Paul Stuart kann über 2000 Dollar kosten. Bei J. Press kommt der Kunde dagegen mit maximal 800 Dollar aus.
Zudem experimentieren sowohl Brooks Brothers als auch Paul Stuart mit auffallenden Mustern sowie schmaleren und stärker körperbetonten Schnitten, die an europäische Couturiers erinnern. J. Press hält dagegen unerschütterlich an traditionellen, weiteren Schnitten und zurückhaltenden Mustern fest. Die Sommerkleidung macht dabei allerdings eine Ausnahme. Hier übertreffen die bunt karierten, aus leichtem Madras-Baumwolltuch geschneiderten Jacketts von J. Press die Konkurrenz an Farbenfreude. Dies wirft ein Schlaglicht auf die gerade von den konservativsten WASPs (weisse Protestanten angelsächsischer Herkunft) in Neuengland gepflegte Exzentrik, die sich auf gin- und rumseligen Jachtclub-Partys gut beobachten lässt. J. Press produziert zudem im Gegensatz zur Konkurrenz weiterhin vorwiegend in Nordamerika, verwendet aber wie die Konkurrenz weitgehend natürliche Materialien.
Jüdische Unternehmer
Trotz dieser feinen, aber signifikanten Unterschiede ist bemerkenswert, dass jüdische Unternehmer bei jeder der genannten Firmen eine wesentliche Rolle gespielt haben. Vom jüdischen Textilhändler Harry Ostrove und dessen Sohn Ralph in der Nähe der grossen Brooks-Brothers-Niederlassung in Midtown Manhattan angesiedelt, war Paul Stuart zunächst eine preiswertere Alternative zum Marktführer. Brooks Brothers gehörte nach dem Zweiten Weltkrieg über Jahrzehnte zum Konzern des Kaufhausgründers Julius Garfinckel (1872–1936), der von jüdischen Einwanderern aus Bayern abstammte. Seine Nachkommen machten Brooks Brothers mit Niederlassungen überall in den USA zu einer nationalen Marke, ehe das Haus von einem britischen Konzern übernommen wurde. Die Firma betreibt heute weltweit gut 300 Läden, die meisten in den USA.
J. Press ist dagegen in Amerika weiterhin nur in Washington, New York, New Haven und Boston zu finden. Der Legende nach wurde die New Yorker Niederlassung exakt zwischen den dortigen Clubs der Universitäten Yale und Harvard gegründet. Es überrascht dann nicht mehr, dass die Bostoner Dependance in unmittelbarer Nähe zu Harvard liegt. J. Press ist weiterhin nicht zuletzt für sein breites Sortiment an Krawatten für Alumni elitärer Universitäten bekannt. Wie die grössere Konkurrenz verlor auch J. Press im Zug der Konsolidierungswelle in der amerikanischen Kleidungsbranche während der achtziger Jahre die Selbstständigkeit. Damals zog sich Paul Press, der Sohn des Gründers, aus der Firma zurück und verkaufte an einen japanischen Konzern. Die Marke ist daher heute in Asien bekannter als in den USA.
Satirische Studie
So tat sich bis in die sechziger Jahre ein Widerspruch zwischen der Kundschaft und den Betreibern der klassischen WASP-Ausstatter auf. Juden fanden erst allmählich Einlass in alte Herrenclubs und Branchen wie die Automobil- und Ölindustrie. Obwohl sie von jüdischen Unternehmern produziert wurden, standen Anzüge von Brooks Brothers oder J. Press daher für das exklusive christliche Establishment Amerikas, das in der
Vietnam-Ära zur Zielscheibe jugendlicher Proteste wurde. Dieser Verlust an Respekt für die etablierte Ordnung nahm jedoch auch ironische Formen an. So tat sich Ende der siebziger Jahre eine Gruppe von Studentinnen und Studenten um die New Yorkerin Lisa Birnbach zusammen, um das «Official Preppy Handbook» zu verfassen. Preppy steht für die neuenglischen Preparatory- oder Privatschulen, die den WASP-Nachwuchs auf ihr Studium in Harvard, Princeton oder Yale vorbereiteten.
Birnbach, eine Enkelin des bekannten Rabbiners Norman Salit, hatte die elitäre Brown University in Providence, Rhode Island, besucht und die Idee geboren, die dort allgegenwärtigen WASPs und ihren Lebenstil zum Gegenstand einer satirischen Studie zu machen. Die heute bei ABC-News tätige Journalistin Susan Schwartz war am «Preppy Handbook» beteiligt und erinnert sich tachles gegenüber, dass fast alle ihre damaligen Mitstreiter
jüdisch waren und ihr Projekt als humorvolle Attacke auf die Arroganz der WASPs verstanden. Das als anthropologische Studie angelegte «Handbuch» wurde zu einem überraschenden Erfolg und hat sich bis heute millionenfach verkauft. Doch statt über die J.-Press-Männer zu lachen, haben Generationen amerikanischer Jugendlicher die Preppy-Fibel als Vorlage für ihren eigenen Stil benutzt.
Unlängst hat Birnbach mit «True Prep» eine gründlich überarbeitet Neuauflage des Handbuchs publiziert, das jedoch nicht sonderlich erfolgreich ist. Dies dürfte daran liegen, dass der WASP-Stil sein ethnosoziales Revier nicht zuletzt dank Birnbach längst verlassen hat und Allgemeingut geworden ist. Dafür ist aber auch ein ehemaliger Krawattenverkäufer bei Brooks Brothers verantwortlich, der 1939 in der Bronx als Ralph Lifshitz geboren wurde und seinen Namen in Ralph Lauren geändert hat, ehe er mit seinen Varianten der traditionellen Kleidung der Yankee-Oberschicht zu einem der reichsten Männer der USA und zum Synonym für zeitgemässen Luxus geworden ist.


