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Beilage Luxus, 26. November 2010, Ausgabe 47, 10. Jahrgang Ausgabe: Nr. 47 » November 26, 2010

Blauer Blazer und Elite-Uni

Von Katja Behling, November 26, 2010
Vor 30 Jahren beschrieb Lisa Birnbach in ihrer Lifestyle-Bibel «The Official Preppy Handbook» die Codes der Lebensphilosophie des Establishments an der US-Ostküste. Der internationale Bestseller beeinflusste auch hierzulande Generationen und verhalf Modeschöpfern, vor allem Ralph Lauren, zu weltweitem Erfolg. Mit Birnbach und Lauren prägen zwei jüdische Kreative massgeblich das Bild von Amerika
LISA BIRNBACH «Die Identifikation mit der Preppy-Kultur ist keine Absage an die
jüdische Identität, sondern eher eine Form der Fähigkeit zur Assimilation»

Faltenrock, Chinohosen, Blazer, Polohemd und ein Kaschmirpulli – Preppy-Moderegel Nummer eins lautet: Wir tragen Sportswear. Bei Damen kommen noch Seidentuch und Perlenohrringe hinzu und fertig ist der Preppy-Look – englisch, sportlich und chic. Doch es geht dabei um mehr als um Stilregeln. Der Preppy-Stil ist keine simple Kleiderordnung, sondern eine Weltanschauung, eine Verbindung von Haltung, Manieren, Kultur, Herkunft und Bildung. Eine Werteskala, die unverkennbar im alten Europa wurzelt – und zugleich den Geist der amerikanischen Nachkriegszeit atmet: demokratisch, «stylish» und modern.



Ostküste als Kulturform

1980 schrieb Lisa Birnbach den Bestseller «The Official Preppy Handbook» eine augenzwinkernde Bestandsaufnahme über Etikette, Marken und Clubs der einschlägigen Kreise, deren Mitglieder sich oft aus Absolventen der Elite-Unis rekrutieren. Nun legt die Amerikanerin mit «True Prep» eine humorvolle Neuversion des Leitfadens vor. Das Buch zelebriert den zeitlosen WASP-Stil, der heute weltweit geliebt und kopiert wird. Und um ihn zu mögen und zu kultivieren, muss man kein WASP, also weder weiss noch angelsächsischer Herkunft noch Protestant sein. Dies belegt auch das Beispiel des amerikanischen Designers Ralph Lauren mit seinem Modeimperium. Lauren, selbst aus einer jüdischer Mittelstandsfamilie stammend, inszeniert seine überaus erfolgreiche Marke als begehbaren Preppy-Traum.
Lisa Birnbach, die unter anderem auch das Buch «1003 Great Things About Being Jewish» veröffentlicht hat, pariert die Frage, wie eine jüdische Identität und eine historisch auf weisse angelsächsische Protestanten zurückgehende Identität als Preppy zusammenpassen, mit einer klaren Antwort. Da gebe es, so die Autorin in einem Interview mit der  amerikanischen Zeitung «The Forward», keinen Widerspruch. Sowohl WASPs als auch Juden sei Bildung ein hohes Gut und ein Fokus in der Erziehung der Kinder. Juden hätten sich zudem traditionell immer assimilieren müssen. Auch, führt Birnbach in einem Interview mit der «Huffington Post» aus, habe ihre Perspektive als die einer Insiderin und Aussenseiterin zugleich es ihr erleichtert, die Preppy-Welt als solche zu erkennen. Die Identifikation mit der Preppy-Kultur sei keine Absage an die jüdische Identität, sondern eher eine Form der Fähigkeit zur Assimilation: «Ich erzähle Leuten immer gern, dass ich glücklich bin eine jüdische Frau zu sein.»

Rückkehr des konservativen Schicks

«Preppy», ein Adjektiv, das sich mit adrett und sportlich-gepflegt nur ungefähr übersetzen lässt, leitet sich vom Begriff Preparatory School ab. Diese Privatschulen der nördlichen US-Ostküste bereiten auf den Besuch der Elite-Colleges und Unis der sogenannten Ivy-League vor. Dort, in den altehrwürdigen, mit Efeu bewachsenen Gemäuern, kleidete und gab man sich konservativ und pflegte das Understatement. Protz war verpönt. Der Ivy-Look dominierte den amerikanischen Dresscode von Mitte der fünfziger bis in die späten sechziger Jahre. Er ist sportlich und elegant, relaxed, aber nicht steif. Herren tragen beispielsweise Cordhose und Tweed-Blazer mit ledernen Ellenbogenschonern. Gern ein wenig abgetragen – als habe man das gute Stück vom Vater geerbt. Damen bevorzugten Kleider, wie Grace Kelly sie trug.
Keiner verkörperte diesen Stil, Ambiente und Ambitionen, mehr als die Kennedys. Preppy steht auch für eine Lebensart, die Präsident John F. Kennedy und seine Frau Jackie zu Beginn der sechziger Jahre vorlebten, ein Stil, der den Idealen des amerikanischen Lebens der Nachkriegszeit huldigte. Nach Ende der Ära Kennedy übernahmen die Hippies und machten ihre relaxte Bohème-Attitude zum Leitbild für Mode und Kultur. Doch ganz tot war der Preppy-Stil nie. Er überdauerte in England und mit britischer Lebensart sympathisierenden Kreisen, aber nicht nur dort. Der WASP-Stil beeinflusst seit Jahrzehnten Modedesigner wie Ralph Lauren und Tommy Hilfiger sowie etliche Filmstars von Ryan O’Neal in «Love Story» bis zum Parade-Briten Hugh Grant in «Notting Hill». Zuletzt sorgten die Darsteller in der hochgelobten US-Serie «Mad Men» für ein Revival der Eleganz der Kennedy-Ära. Fast alle Kollektionen der aktuellen Saison 2010/11 feiern die Mode jener Zeit.

Preppy als Geisteshaltung

Die grösste Veränderung seit 1980 aber ist natürlich nicht die Wiederauferstehung der Mode des späten 20. Jahrhunderts, sondern der Siegeszug der neuen Medien und die Liberalisierung der Gesellschaft. Selbstverständlich reflektiert Lisa Birnbach in der Neuauflage ihres Buches auch den Umgang mit Internet und Mobiltelefon. Sich dieser beiden selbstverständlich zu bedienen, aber auch dabei rücksichtsvoll und massvoll zu sein, ist preppy. Die zweite grosse Veränderung nach 1980, die Öffnung der Gesellschaft und die Demokratisierung in vielen Lebensbereichen, betrifft auch die Ivy-League-Universitäten selbst. Einst elitär und Männern vorbehalten, haben sich auch diese Institutionen geöffnet. Nicht nur für die Frauen. In kosmopolitischen Gruppen und mit Studenten aus allen Gesellschaftsschichten interpretieren Angehörige verschiedener Nationalitäten, Kulturen, Hautfarben und Religionen den Begriff «preppy» auf zeitgemässe Weise: Ein Konservativer heute pflegt altes Ethos – und ist zugleich ziemlich modern, international und liberal.
Der Preppy-Stil erlebte nach seiner bis Mitte der sechziger Jahre dauernden Hochphase ein erstes Revival um 1980, genau in der Zeit, als die 68er-Protestgeneration nahezu alle Etikette-Regeln hinweggefegt und gesellschaftliche Gepflogenheiten in Frage gestellt hatte und es für die Jugend keine grössere Provokation geben konnte, als sich wieder ganz zu den alten Werten zu bekennen. Vielleicht gibt es heute, in der Welt der Extreme und Exzesse in Mode, Gesellschaft und Moral, bei aller gegebenen und geforderten Toleranz keine grössere Herausforderung – und vielleicht auch Sehnsucht –, als sich so konservativer Werte wie Bildungswillen, Leistungsdenken, Anstand, Stil und Mässigung zu entsinnen. Und dies stolz nach aussen zu tragen.



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