Drei jüdische Organisationen und drei Skandale
Rufschädigung. Der European Council of Jewish Communities verkündete ohne Abstimmung einfach mal so die Übernahme der Präsidentschaft durch den ukrainischen Multimilliardär Igor Kolomoisky (vgl. tachles 44/10). Dass dies die Legitimität der Organisation nach Aussen beschädigen könnte, scheint die Beteiligten nicht gekümmert zu haben. Auf der anderen Seite des Atlantiks geriet die Israel-Lobby AIPAC 2005 durch eine Spionage-Ermittlung des FBI in Panik und trennte sich mit Steven Rosen von dem Mann, der als ein Architekt ihres Aufstiegs zu einer der mächtigsten Organisationen der USA gilt. Nun schlägt Rosen zurück und enthüllt in einem Schadensersatzprozess nicht nur peinliche Interna wie den gewohntsheitsmässigen Porno-Konsum der AIPAC-Spitzen im Dienst. Angeblich war auch die Weitergabe geheimer US-Regierungsinformationen an Israel Alltag für AIPAC. Sollte sich dies bewahrheiten, könnten dem Verband weitere Prozesse und der Entzug seiner Lobby-Lizenz drohen.
Betrug. Mit dem FBI hat auch die Jewish Claims Conference (JCC) seit Monaten mehr zu tun, als dem Dachverband jüdischer Organisationen für die materielle «Wiedergutmachung» der Naziverbrechen lieb sein kann (vgl. tachles 45/10). Die JCC-Leitung hatte im Februar Unregelmässigkeiten bei dem Anspruchsverfahren für zwei «Härtefonds» für Holocaust-Überlebende entdeckt und das FBI eingeschaltet, das unlängst Anklage unter anderem gegen sechs JCC-Angestellte erhoben hat. Sie und externe Komplizen sollen 42 Millionen Dollar unterschlagen haben. Die Affäre beschädigt das Ansehen der JCC, deren Position in den laufenden Entschädigungsverhandlungen mit Deutschland nicht zuletzt auf ihrer Integrität beruht. Zudem rufen Kritiker seit Monaten nach einem «Grossputz» bei der JCC und der Berufung eines Ombudsmanns, der den Offiziellen auf die Finger schaut.
Aufklärung. Drei bedeutende jüdische Organisation, drei Skandale und viele unbequeme Fragen: Wie repräsentativ sind diese Verbände? Operieren sie ohne interne und externe Aufsicht? Fühlen sie sich den von ihnen nach aussen vertretenen moralischen Prinzipien intern verpflichtet? Diese Fragen umreissen Gemeinsamkeiten zwischen den Affären und erinnern an den Jüdischen Weltkongress, der vor einigen Jahren durch die so beschriebenen Probleme seine Bedeutung verloren hat. Aber es gibt auch Unterschiede. Die JCC hat vermutlich den schwersten Stand, da die Öffentlichkeit ihre Arbeit und deren Grundlagen kaum kennt. Die Verdienste der JCC werden daher so stark unter-, wie ihre Möglichkeiten überschätzt werden. Am schädlichsten für ihre Sache wäre die Auffassung, dass die JCC allein für die Unterstützung der NS-Opfer verantwortlich ist und ihre Aufgabe vernachlässigt habe. Dies trifft nicht zu. Die JCC konnte für die meisten Überlebenden mit grösster Beharrlichkeit nur bescheidene Gelder aushandeln und kann beim besten Willen nicht für Pflege und Versorgung aller Überlebenden aufkommen. Hier sind die jüdische Gemeinschaft insgesamt, aber auch die Heimatländer der Überlebenden gefragt. Dies zu vermitteln dürfte nach der Betrugsaffäre nicht leichter geworden sein.


