Studium von Lebenswelten
TACHLES: Sie haben sich ursprünglich mit der Geschichte Russlands beschäftigt und widmeten sich dann verstärkt der Erforschung des Judentums. Können Sie diese Entwicklung schildern?
HEIKO HAUMANN: Nach meiner Habilitation arbeitete ich an einem Forschungsprojekt über die Beziehung zwischen Stadt und Land in verschiedenen Regionen Osteuropas – und stiess dabei auf die Tätigkeit der Juden. Diese Thematik habe ich dann in polnischen und tschechischen Archiven untersucht. Sie war in den achtziger Jahren vergleichsweise unerforscht und ich war häufig der Erste, der die Dokumente in den Archiven gesichtet hat. Ich konnte wirklich noch Neues erforschen. Die Geschichte und Kultur der Juden, von der ich damals noch wenig wusste, hat mich sehr fasziniert und fasziniert mich bis heute.
Im Jahr 2006 wurde von Ihnen das Buch «Acht Jahrhunderte Juden in Basel» herausgegeben, und Sie erforschen bis heute die Geschichte der Juden in der Schweiz.
Ich forsche immer gerne auch in der Region, in der ich lebe. Von daher war es logisch, dass ich mich intensiv mit dem Schweizer Judentum beschäftigt habe und dies auch fortsetzen möchte.
Inwieweit war die Geschichte des Schweizer Judentums erforscht, als Sie dies zu Ihrem Thema machten?
Das Mittelalter war recht gut erforscht, die Neuzeit an sich weniger. Ein Höhepunkt meiner Tätigkeit in Basel war sicher das 100-Jahr-Jubiläum des ersten Zionistenkongresses im Jahr 1997, aufgrund dessen vieles in die Wege geleitet werden konnte. In der Folge wurde auch das Institut für Jüdische Studien (IJS) gegründet.
Damals haben Ekkehard Stegemann und ich angeregt, einen grossen Kongress zu veranstalten und eine Ausstellung in der Kunsthalle zu zeigen, die ich dann federführend organisiert habe. Dazu ist auch ein Katalog erschienen sowie ein zweiter Band mit Aufsätzen zur Geschichte des Zionismus. Die Resonanz war beeindruckend, täglich wurden gut besuchte Führungen durch die Ausstellung organisiert, das war fantastisch. Damals ist vieles in Bewegung gekommen. Bahnbrechend wirkte zudem auch eine Broschüre zur Geschichte der Basler Juden, die Ende der neunziger Jahre von mir miterarbeitet wurde und bis heute an Schulen als Lehrmittel genutzt wird.
Wie kam es zur Gründung des IJS, dessen vorübergehender Direktor Sie zusammen mit Ekkehard Stegemann waren?
Als ich im Jahr 1991 nach Basel kam, hatte ich bereits die Geschichte der Ostjuden bearbeitet und wollte mich diesem Thema weiterhin widmen. Damit bin ich im Historischen Seminar auf grosse Resonanz gestossen, meine Forschungen wurden sehr unterstützt. Ekkehard Stegemann und ich waren uns einig darin, dass es tatsächlich eine Institution für jüdische Studien braucht, da es für die Erforschung des Judentums einen grossen Nachholbedarf gab. Der Stiftungsrat wurde gegründet, dem ich heute noch angehöre, erste Finanzmittel kamen zusammen, um überhaupt einmal anzufangen. Stegemann und ich haben von 1998 bis 2001 die interimistische Leitung übernommen. Wir haben das IJS aufgebaut und Geld gesammelt, um Professuren am Institut einrichten zu können. Dies ist vor allem durch die Stiftung des jüngst verstorbenen Branco Weiss gelungen, aber auch durch die Emil-Dreyfus-Stiftung und andere Zuwendungen. Zudem haben wir dem IJS ein Profil gegeben und ein Leitbild verabschiedet. Das IJS vereint seitdem Studien der Religionswissenschaft, der Literaturwissenschaft, der Geschichte sowie der Religionsgeschichte allgemein und auf der anderen Seite die Geschichte der Jüdinnen und Juden in der Schweiz, in Westeuropa, Israel und in Osteuropa. Ich denke, dies ist ein Profil, das im deutschsprachigen Raum einmalig ist.
Sie beschäftigen sich mit Lebenswelten und erforschen, wie die Menschen in der Zeit, über die sie forschen, tatsächlich gelebt haben.
Ja, auch dieser Ansatz ist recht neu. Bis in die neunziger Jahre wurde im deutschsprachigen Raum vor allem von aussen auf die Dinge geschaut, indem man überwiegend von der Verfolgung der Juden und vom Antisemitismus ausging. Mein Anliegen war es, diesen Blickwinkel zu erweitern und die Dinge auch von innen zu betrachten, also die Menschen, ihr Denken, Fühlen und Handeln in den Mittelpunkt zu stellen. Das Studium der Lebenswelten hat sich bewährt und wird auch in der Zukunft ein wichtiger Zugang bleiben.
Wie sehen Sie die Zukunft des IJS? Ist seine Existenz nach dem Weggang von Jacques Picard (vgl. tachles 23/10) und aufgrund der Umstrukturierungen an der Universität gefährdet?
Ich glaube nicht, dass die Zukunft des Instituts gefährdet ist. Es gibt keinerlei Anzeichen dafür, dass das IJS aufgelöst werden soll. Es wird in die neu entstehende Struktur der Universität eingebettet und eventuell anders ausgerichtet werden, aber seine Existenz ist aus meiner Sicht sicher, zumal nun auch die finanzielle Grundlage nach dem Kompromiss der Universität mit Branco Weiss gesichert ist. Mir liegt am Herzen, dass das von mir erwähnte Profil erhalten bleibt.
Werden Sie weiterhin Projekte am Institut betreuen?
Ich werde sicher noch eine Weile im Stiftungsrat bleiben, wenn das gewünscht wird. Zurzeit laufen noch Projekte, die ich noch zu Ende betreue. Ein grösseres Vorhaben steht kurz vor dem Abschluss – wir haben Interviews mit Jüdinnen und Juden in Lörrach geführt, die aus Osteuropa eingewandert sind. Dieses Oral-History-Projekt mit «Kontingentflüchtlingen» ist bereits ausgewertet, eine Publikation wird demnächst erscheinen. Die Geschichte der Juden in der ehemaligen Sowjetunion nach Stalins Tod ist bisher kaum erforscht – und auch daher war dieses Projekt besonders spannend. Daneben laufen noch einige Dissertationen, die ich weiter betreue.
Welches sind aus Ihrer Sicht die Besonderheiten der jüdischen Gemeinschaft in Basel?
Man merkt sehr stark, dass die jüdische Gemeinschaft in Basel auf eine lange Tradition zurückblicken kann und auch während der Nazizeit fortbestehen konnte. Die Israelitische Gemeinde Basel ist sehr stabil. Einerseits spürt man das Selbstbewusstsein der Jüdinnen und Juden und andererseits auch die Selbstverständlichkeit der Integration. In meinen Projekten habe ich immer wieder erfahren dürfen, wie selbstbewusst die Gemeinde und ihre Mitglieder in Basel sind. Ich bin immer wohlwollend aufgenommen worden und habe alle Informationen erhalten, die ich für meine Forschungen benötigt habe. Das hat mich sehr beeindruckt. Ich bin als Nichtjude auch immer wieder in die Synagoge und zu Feierlichkeiten eingeladen worden.
Wie gross ist das Interesse an jüdischen Studien und Themen in Basel?
Das Interesse ist überdurchschnittlich hoch, die Vorlesungen zu diesen Themen sind sehr gut besucht – das gilt auch für das IJS. Die Veranstaltungen sind alle voll, auch wenn das Fach Jüdische Studien nur von wenigen als Hauptfach gewählt wird. Die Zahl der eingeschriebenen Studierenden am IJS täuscht also darüber hinweg, dass das Interesse an dem Angebot sehr gross ist. Das IJS hat insofern auch eine wichtige Dienstleistungsfunktion für andere Fächer.
Welche Themen reizen Sie in Zukunft, auf welchen Gebieten werden Sie künftig forschen?
Es gibt fast zu vielen Themen … Ich arbeite im Moment an einer abenteuerlichen und spannenden Biografie eines deutschen Kommunisten, der in Auschwitz war und später in der DDR mit der Stasi in Konflikt gekommen ist. Gerade abgeschlossen habe ich ein Buch über Dracula, das bald erscheinen wird. Ich möchte mich dann wieder jüdischen Themen widmen – wobei dies auch bei der Dracula-Recherche eine Rolle gespielt hat. Die Metapher «Juden als Vampire» wird ja bis in die Gegenwart immer wieder verwendet. Ferner möchte ich meine «Geschichte der Ostjuden» ganz neu schreiben. Es gibt inzwischen viel Erforschtes auf dem Gebiet, das ich aufarbeiten möchte.


