Der ruandische Genozid
Tali Nates, Direktorin des entstehenden Holocaust- und Genozidzentrums von Johannesburg stellt klar: «Die Abteilung über Ruanda ist ein wichtiger Bestandteil der Dauerausstellung, und nicht ein Nebengedanke. Das Museum wird beide Themenkreise behandeln.»
Die durch diese Gegenüberstellung verbreitete Botschaft ist stark: Der Holocaust und die Erinnerung an ihn konnten einen anderen Genozid nicht verhindern. Nicht einmal in Afrika ist diese Botschaft, wie Nates betonte, etwas Natürliches für die dortigen Juden. «Als Südafrikaner und als jüdische Südafrikaner haben wir, so denke ich, den Zusammenhang nicht hergestellt. Man kann nicht auf die Geschichte blicken, ohne als Südafrikaner darauf aufmerksam zu machen, dass sich die Verbindung zu Ruanda aufdrängt, zum afrikanischen Kontinent und zur Tatsache, dass Genozide nach dem Holocaust leider nicht der Vergangenheit angehören. Ich konnte vor diesem Hintergrund 2010 und 2011 in Südafrika keine Holocaust-Ausstellung organisieren, ohne gleichzeitig auf Afrika zu schauen.»
Immer wieder
Das Museum wird eine Kombination sein von Zeugenaussagen von Überlebenden, Dokumenten, Fotografien, Filmen, interaktiven Ausstellungen, Texten und Kunstwerken. Der Besucher wird eine Route begehen, die mit Objekten über Rassismus im Allgemeinen beginnt, mit der südafrikanischen Erfahrung im Holocaust und mit Aussagen von Überlebenden weitermacht. Es wird einen Hof des Gedenkens geben, eine Ausstellung über den ruandischen Genozid und einen Raum, der Problemen wie Fremdenhass gewidmet ist, mit denen Südafrikaner sich heute zu befassen haben. Um südafrikanische Stimmen in die Holocaust-Ausstellung einzuschliessen, wurden sieben ortsansässige Überlebende und der in Pretoria lebende Jaap van Proosdij interviewt, der Dutzende von Juden gerettet hat. Für die ruandische Sektion arbeitet das Zentrum mit Museen und nicht staatlichen Organisationen in Ruanda, Grossbritannien und den USA zusammen. Die Ausstellung wird nicht nur von der Ermordung von rund 800 000 Menschen berichten, sondern wenig bekannte Geschichten von Leuten in Erinnerung rufen, die Angehörige der Tutsi vor der Gewalt gerettet haben.
Gewichtige Hilfe erhält das Museum von Proof, einer amerikanischen Organisation, die Retter in ehemaligen Konfliktgebieten wie Ruanda, Bosnien und Kambodscha interviewt. Nates sagt in Bezug auf die ruandische Ausstellung: «Wir werden eindrückliche Bilder zeigen sowie Audio-Zeugnisse von Opfern, Verbrechern, passiven Zuschauern und Rettern.» Da die Holocaust-Ausstellung die zwölf Jahre von 1933 bis 1945 abdeckt, wird der NS-Teil des Museums grösser sein als jener des ruandischen Völkermords, der sich in rund 100 Tagen zugetragen hat. «Wir machen keinen Wettbewerb hinsichtlich der Grösse der Geschichte oder der Tiefe des Leidens», sagte Nates. «Vielmehr geht es um die menschliche Verbindung zwischen dem ‹Nie wieder›, das wir nach dem Holocaust immer wieder benutzten, und dem ‹Immer wieder›, das wir im 20. Jahrhundert leider regelmässig erleben.» Vor allem in Südafrika löst die ruandische Geschichte grossen Wiederhall aus, spielte sie sich doch gerade zur gleichen Zeit ab, als Südafrika nach Jahrzehnten der Apartheid wieder an die Oberfläche auftauchte. Die Erfahrung der Südafrikaner mit der Apartheid wird denn auch ein wesentlicher Bestandteil der Einführung in die ruandische Ausstellung sein.
Ein Projekt mit Bildungsanspruch
Von allen Ländern Südafrikas ist einzig hier der Holocaust und der ruandische Völkermord Teil des nationalen Unterrichtsprogramms. Seit seiner Eröffnung in provisorischen Unterkünften 2008 ist das Zentrum diesem Bildungsaspekt verpflichtet. Wie die beiden anderen Holocaust-Zentren in Kapstadt und Durban will das Johannesburger Holocaust and Genocide Center die Weiterbildung von Pädagogen durch Wissenschaftler fördern. «Wir hoffen», sagte Nates, «mit unseren Erziehungsaktivitäten das Bewusstsein für, die Intervention gegen und die Verhinderung von Xenophobie in Südafrika zu fördern.» Die Erklärungen im Museum werden auf Hebräisch und Englisch, aber auch in südafrikanischen Eingeborenensprachen wie Zulu und Xhosa angebracht sein. Am Eingang wird sich ein Gedenklicht mit der hebräischen Inschrift «zachor» («Erinnere dich»), aber auch mit Worten der Erinnerung in afrikanischen Sprachen befinden, wie dem in Ruanda gesprochenen Kinyarwanda.
Das Zentrum wird von der jüdischen Gemeinde von Johannesburg finanziert, die zusammen mit der Stadt dafür sorgt, dass das Museum an der Jan Smuts Avenue errichtet wird, einer der Hauptstrasse im Zentrum Johannesburgs, an der zahlreiche weitere Museen und die wichtigsten Universitäten liegen. Das Grundstück gehörte ursprünglich den Schwestern Bernberg, die dort ein Modemuseum betrieben. Sie vermachten die Stätte der Stadt unter der Bedingung, dass sie dort ein Museum oder eine Galerie errichtet.
Museumsdirektorin Tali Nates, eine mit einem Südafrikaner verheiratete Israelin, lebt seit 25 Jahren in Johannesburg. Sie ist eine bekannte Wissenschaftlerin für Fragen des Holocaust und ist selber Tochter von Überlebenden. Ihr Vater und ihr Onkel wurden von Oskar Schindler vor der Ermordung gerettet. Viele ihrer anderen Familienmitglieder sind im Vernichtungslager in Belzec ermordet worden.


