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19. November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 46 Ausgabe: Nr. 46 » November 19, 2010

Das Ende einer Institution?

Editorial von Valerie Wendenburg, November 20, 2010

Offene Zukunft. Seit rund vier Jahren wird in der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) immer wieder über die Zukunft der Jüdischen Primarschule Leo Adler (JPS) diskutiert (vgl. S. 8). Geschehen ist in der Zeit nicht viel, zumindest wurden nach aussen, auch auf Nachfrage , keine Lösungsansätze kommuniziert. In der vergangenen Woche nun erhielten die IGB-Mitglieder per Post – in einem Umschlag, zusammen mit Einladungen der IGB zu Chanukka – eine schriftliche Information der JPS. Knapp auf einer Din-A-4-Seite teilt die Präsidentin der JPS, Iris Sobol-Bloch, mit, dass die Primarschule «die Mehrkosten durch die Einführung von Harmos nicht tragen kann». Drei Varianten zur Rettung der traditionsreichen Institution werden in wenigen Sätzen vorgestellt. Varianten, deren Finanzierung wiederum noch nicht gesichert ist. Somit ist die Zukunft der Schule, nüchtern betrachtet, ebenso ungeklärt wie vor vier Jahren.



Späte Reaktion. Die Schulreform Harmos allein für die angespannte Situation der JPS verantwortlich zu machen, erscheint nach allen bisher geführten Diskussionen wenig glaubwürdig. Die Annahme der Reform, nach der die Primarschulzeit von vier auf sechs Jahre erhöht wird, wirkt vielmehr wie der Tropfen, der das Fass endgültig zum Überlaufen gebracht hat und den JPS-Vorstand nun zum Handeln zwingt. Erst heute, da die anfallenden Mehrkosten nicht mehr tragbar sind, wird reagiert. Die Chance, professionelle Beratung hinsichtlich einer Integration der JPS in eine öffentliche oder private Primarschule einzuholen, wurde verpasst.

Jüdische Bildung. Sollte es gelingen, die Schule als eigenständige Institution zu retten oder sie
erfolgreich in eine öffentliche oder private Primarschule zu integrieren, werden damit die altbekannten Probleme nicht automatisch gelöst. Auch in Zukunft müssen Eltern gewonnen werden, die von der Schule überzeugt sind und ihre Kinder dort anmelden. Als Iris Sobol-Bloch im April 2005 ihr Amt übernahm, betonte sie, sie würde «das schwere Erbe als Herausforderung annehmen». Es geht um mehr als um Schülerzahlen, denn die JPS ist eine kaum wegzudenkende Institution innerhalb der orthodoxen Einheitsgemeinde IGB. Die Geschichte der Gemeinde wurde auch durch den seit den sechziger Jahren erfolten Ausbau des Erziehungswesens geprägt. Jüdische Bildung und Erziehung als identitätstiftender Faktor war dem Gründer, Rabbiner Adler, ein Anliegen und ist heute mehr denn je für die IGB von grosser Bedeutung. Der Standort der IGB und ihr Anziehungspunkt für jüdische Familien wird ohne die Primarschule neu zu beurteilen sein. Um die Zukunft der Schule zu sichern, stellte sich die IGB daher stets hinter die Institution – und die Eltern vertrauten darauf, dass ein gangbarer Weg in Zukunft gefunden wird. In ihrem Sinne und im Sinne der heutigen und zukünftigen Schulkinder und Gemeindemitglieder, muss nun eine langfristige und finanzierbare Lösung erarbeitet werden, die die Existenz der Schule als jüdische Bildungsinstitution sichert – und dies nicht nur vorübergehend.



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