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Bis 120! Wir sind schon nahe dran

Von Gisela Blau, November 12, 2010
Die Zahl der mehr als Hundertjährigen steigt. Was Menschen so alt werden lässt, versucht die Wissenschaft zu ergründen – bis jetzt mit wenig Erfolg.
EINE KLASSE FÜR SICH Gloria Stuart war mit 87 Jahren die älteste je für eine Oscar nominierte Schauspielerin

Früher waren 100. Geburtstage so selten, dass Stadt- und Gemeindepräsidenten noch mit Blumensträussen ausrückten, um das seltene Ereignis gebührend zu feiern. Verschiedene Orte spendierten den Jubilaren und Jubilarinnen auch einen Lehnstuhl. Legendär die Bridgespielerin Anny Moll, der zum 100. Geburtstag im Zürcher Alterswohnheim Sikna vom damaligen Präsidenten der Israelitischen Cultusgemeinde (ICZ) Werner Rom ein grosser Strauss überbracht wurde. Worauf sie ihm sagte, die Blumen seien sehr schön, aber eine Flasche Whisky wäre ihr lieber gewesen. Die bekam sie umgehend und von da an jedes Jahr, das sie noch auf ihren hohen Absätzen erlebte.
Der Blumenregen ist versiegt. Zu oft müssten Stadt- und Gemeindepräsidenten ihre Büros verlassen, um den nicht selten total fitten Hundertjährigen ihre Aufwartung zu machen. Im Jahr 2009 gab es in der Schweiz 4100 Menschen der Kategorie «99 und älter» (800 Männer, 3300 Frauen). Zehn Jahre zuvor waren es noch 1400 gewesen. Die Lebenserwartung der 99-jährigen Männer und Frauen betrug 2009 gegen vier Jahre; 2000 waren es noch um die zwei Jahre gewesen. Die Lebenserwartung bei einer Geburt in der Schweiz ist eine der höchsten der Welt, sagt das Bundesamt für Statistik.



Erstaunliche Lebensläufe

Bis vor einigen Monaten lebte Rosa Rein, geborene Karliner, als älteste Schweizerin in einem Altersheim in Lugano-Paradiso. Dort gefiel es ihr sehr gut, sagte sie an ihrem 112. Geburtstag, nur der Cappuccino dürfte stärker sein. Sie sagte auch, dass die Ärzte an ihr nicht reich geworden seien. Im Februar 2010 schlief sie kurz vor ihrem 113. Geburtstag an einem Nachmittag friedlich ein.
Das jüdische Wochenmagazin «The Forward» publizierte in der Ausgabe vom 1. Oktober 2010 den Text des Holocaust-Forschers Rafael Medoff, der in Manhattan einen Tag mit dem 101-jährigen Professor Benzion Netanyahu verbrachte.
Netanyahu war aus Israel gekommen, um für einen Dokumentarfilm von Moshe Levinson nochmals die Schauplätze zu besuchen, an denen er vor 70 Jahren als 31-jähriger militanter zionistischer Aktivist des revisionistischen Flügels für einen jüdischen Staat gekämpft hatte. Der Vater des israelischen Ministerpräsidenten war ein prominenter Erforscher der spanischen Inquisition und der Marranen.
Gloria Stuart wurde 100. Die Filmschauspielerin starb Ende September 2010 in Los Angeles. Mit 87 erhielt sie als ältester Star eine Oscar-Nominierung für ihre Rolle als ältere Rose im Blockbuster-Film «Titanic». Gloria Stuart spielte früher mit James Cagney, Shirley Temple und Dick Powell. Neben Boris Karloff war sie in «Old Dark House» und mit Claude Rains in «The Invisible Man» zu sehen. Mit 40 verliess sie das Filmgeschäft, weil ihr die stereotypen Rollenangebote nicht mehr gefielen. Sie half, die Filmschauspielergewerkschaft zu gründen, die jahrelang vom späteren US-Präsidenten Ronald Reagan geführt wurde. Im Nachruf des «Time Magazine» hiess es, dass sie eine Mitbegründerin der Hollywood Anti Nazi League war. Sie wurde eine erfolgreiche Malerin und kehrte mit 70 zur Schauspielerei zurück. Erst mit 89 Jahren schrieb Gloria Stuart ihre Memoiren mit dem schönen Titel «Ich habe einfach die Hoffnung nie aufgegeben».
Vielleicht ist es nicht nur die fortschrittliche Medizin, die ins hohe Alter führt, sondern auch der Kampf. Esther Hoffe war Max Brods Sekretärin in Israel. Er hatte glücklicherweise den letzten Willen seines Freundes Franz Kafka nicht erfüllt, der sich wünschte, nach seinem Tod solle Brod alle seine Papiere vernichten. Brod stopfte im letzten Moment Kafkas Manuskripte, Tagebücher und Briefe in einen Koffer, verliess Prag 1939 mit dem letztmöglichen Zug und erreichte Palästina. Den Inhalt des Koffers schenkte Brod seiner Sekretärin. Esther Hoffe starb Ende 2007 im Alter von 101 Jahren. Den Kafka-Nachlass erbten ihre beiden Töchter. Auch sie werden sich hoffentlich ein so hohes Alter wie ihre Mutter erstreiten, denn um ihr Erbe, das teilweise in einer Zürcher Bank liegt, balgen sich mit ihnen auch Bibliotheken und der Staat Israel.

Das Geheimnis der Supercentenarians

In jüdischen Alterswohnheimen in der Schweiz sind die Hundertjährigen und Ältere keine Seltenheit mehr. Nicht einmal die schrecklichen Erlebnisse im Holocaust, die etliche Pensionärinnen überlebten, sind ein Hindernis, um ein hohes Ater zu erreichen. Auch im nächsten Jahr werden in Zürich mindestens vier rüstige Damen zum ersten Mal die dreistellige Zahl feiern dürfen.
Die Geschwister Kahn aus New York sind sogar Protagonisten einer wissenschaftlichen Studie. Mediziner und Biologen untersuchen Hundertjährige, um das Geheimnis ihres langen Lebens zu ergründen. Helen Keane Reichert ist emeritierte Professorin für Marketing an der New York University und war auch diplomierte Psychologin. Sie wird seit ihrer Kindheit Happy genannt. Als ihr Mann, ein Kardiologe, vor 25 Jahren mit 88 starb, reiste die 84-jährige Witwe um die Welt, um den Verlust zu verarbeiten. Nun ist sie 108 Jahre alt, zierlich, mit glatter Haut. Sie lebt an der noblen Park Avenue, und zwar, wie sie vergnügt in «Spiegel Online» zugab, sehr ungesund. Sie mag weder Gemüse noch Salat, dafür Cocktails und Süssigkeiten, und die einzige Bewegung gönnt sie sich, wenn sie – mit einer Begleiterin – ins Kino oder in die Metropolitan Opera geht. Oder noch lieber ins Restaurant mit ihrem Bruder Irving. Er ist 104, ihr anderer Bruder Peter 100, doch die Schwester Lee starb 2005 im Alter von 102 Jahren. Die vier kamen an der Lower East Side zur Welt, ihre Eltern waren aus Polen eingewandert.

Eine Klasse für sich

Den vier Geschwistern wurde Blut abgenommen, und sie gaben stundenlang den Altersforschern Auskunft. In den USA nennt man die mehr als Hundertjährigen Supercentenarians. Der israelische Mediziner Nir Barzilai (54) und sein Team am Institut für Altersforschung des Albert Einstein College in New York sind ratlos. Sie befragten Hunderte von Hundertjährigen zu Ernährung, Alkoholkonsum, Rauchen, körperlicher Aktivität, Schlaf, Bildung, Status und Spiritualität, aber sie fanden kein Muster. Hundertjährige sind eine Klasse für sich. Mit 70 Jahren waren 37 Prozent der von Barzilai Befragten übergewichtig, 8 Prozent sogar fettleibig. 20 Prozent haben nie Sport getrieben. 37 Prozent rauchten Jahrzehnte lang.
Auch Happy rauchte früher viel. Irving dagegen lebt sehr gesund, raucht und trinkt nicht, ernährt sich «richtig» und bewegt sich viel an der frischen Luft. Und er arbeitet noch. Täglich geht er in sein Büro an der Madison Avenue, eine Parallelstrasse von der Wohnung seiner Schwester entfernt. Er ist der einzige, der seinen Namen Kahn behalten hat, die anderen nennen sich Keane. Irving brach sein Studium ab und wurde trotzdem eine grosse Nummer an der Wall Street. Seine jetzige Investmentfirma gründete er 1978 mit zwei seiner drei Söhne. Der älteste Sohn ging mit 72 in Pension, aber der Patriarch arbeitet weiter, nach dem Tod seiner Frau vor 14 Jahren noch mehr als vorher. Vor allem, findet er, müsse man neugierig bleiben und immer wieder Neues lernen wollen. In der Tat zeigen Studien, dass die Hundertjährigen meist extrovertiert und kontaktfreudig sind. Obwohl sie mehrere Kriege, teils Armut und Vertreibung erlebten, blieben sie offen und heiter.
Peter Keane, mit 100 das Nesthäkchen, lebt in Connecticut und verlässt kaum noch das Haus, weil er vor drei Jahren das Augenlicht verlor. Er weiss, wie Happy, nicht, weshalb er so alt geworden ist, hat er doch wie sie nie besonders gesund gelebt. Aber als er an einer Party seine Frau kennen- lernte, die mehr als 30 Jahre jünger ist als er, fiel ihr sein Alter nicht auf. Peter Keane machte Karriere beim Film, als Fotograf und Kameramann. Er war dabei, als «Vom Winde verweht» gedreht wurde, und er berichtete auf «Spiegel Online», dass am Set alle in Tränen ausgebrochen seien, als die blutjunge Judy Garland im «Zauberer von Oz» ihr Lied «Over the Rainbow» sang.
Kürzlich haben Altersforscher in Boston eine Gruppe von etwa 150 Genvarianten definiert, die den Hundertjährigen eigen sein und sie vor Krankheiten schützen sollen. Barzilai denkt weiter und will nun den Mechanismus herausfinden, um ihn allen Menschen therapeutisch zugänglich zu machen. Na denn: Bis 120!



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