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12. November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 45 Ausgabe: Nr. 45 » November 12, 2010

«Wir sind eine Nation von Übergetretenen»

Von Yves Kugelmann, November 12, 2010
Moskaus Oberrabbiner Pinchas Goldschmidt zeigte mit seinem Hauptreferat über Konversionen anlässlich des 115-Jahr-Jubiläums der Schomre Thora Basel auf, dass halachatreue Haltungen mit modernen Auslegungen vereinbar sein können.
OBERRABBINER PINCHAS GOLDSCHMIDT «Wir sind das Volk der Diaspora»

Seit 115 Jahren markiert die Schomre Thora jüdisches Lernen in Basel mit einem offenen Ansatz, wie man dies nur noch selten findet beim traditionellen Lernen. Alain Nordmann, Präsident der Schomre Thora Basel, erinnerte in seiner Ansprache an die Wurzeln der von Rabbiner Arthur Cohn mit dem Ziel gegründeten Institution, das Lernen allen Kreisen zu öffnen – religiösen und nicht religiösen. Bis heute hat die Schomre Thora Basel es geschafft, Schiurim und Kurse gratis anzubieten, Frauen und Männer aller Generationen anzusprechen. Gerade in der heutigen Zeit vermehrter Assimilation, so Nordmann, sei jüdisches Wissen der wichtigste Weg zum Judentum. Ziel der Schomre Thora Basel sei es, jüdische Identität durch das gemeinsame Lernen alter und neuerer Texte zu festigen.
Nordmann erinnerte ebenso an den vor drei Wochen im Alter von 97 Jahren verstorbenen Lehrer Pinchas Grünewald (vgl. tachles 41/2010). Mit ihm habe die Schomre Thora eine Identifikationsfigur verloren, welche die Institution über 47 Jahre geprägt hat. Als Mensch und Lehrer hat er den Weg «thora im derech erez» Schülern und Lehrern vorgelebt. Die Geschichte der Schomre Thora ausführlich aufgearbeitet hat Leonardo Leupin in der Festschrift in Buchform «Jeder Durstige kommt zum Wasser – Die Geschichte der Schomre Thora Basel 1895–2010», welche am Abend präsentiert wurde.



Das brennende Thema der Konversion

Pinchas Goldschmidt, Oberrabbiner Moskaus mit Schweizer Wurzeln, widmete sich im Hauptreferat dem Thema «Giurim – Segen oder Fluch». Anhand von Quellen im Babylonischen Talmud  (Psachim 87b und Jewamot 79, 109 sowie Tosafot an verschiedenen Stellen), dem «Schulchan Aruch», Positionen von Maimonides bis zu Rabbiner Feinstein und anderen schilderte er universelle bis ablehnende Positionen zur Konversion. Er ordnete diese in der jüdischen Tradition ein und zeigte die unterschiedlichen Haltungen rabbinischer Autoritäten durch die Jahrhunderte vor und nach der Haskala auf, bevor er den Begriff «zionistische Religiosität» sozusagen als proaktives Judentum einführte. Goldschmidt zeigte mit Rabbiner Elazar auf, dass Proselyten – also Nichtjuden, die zum Judentum übertreten – proaktiver gefördert werden sollten mit der Überlegung, das dadurch Menschen zur jüdischen Idee geführt würden, zum Monotheismus und zum – gemäss Quellen – Licht unter den Völkern. Demgegenüber führte er Rabbiner Chelbo an, welcher Konversionen radikal ablehnte. Mit Verweis auf verschiedene Quellen zeigte Goldschmidt auf, dass die Ehe für viele Rabbiner nicht als opportuner Grund für einen Übertritt angesehen wurde.
Die Frage des Übertritts, gerade auch im Zusammenhang mit Mischehen, sei heute eines der grossen Probleme der jüdischen Diaspora, sagte Goldschmidt. Anderseits würden gerade Juden, die am Rande der Gesellschaft stünden, oftmals durch ihre Konversionspartner wieder in die Mitte der Gemeinden zurückgeholt. Doch dennoch sei ein Übertritt für Eheschliessung nicht empfehlenswert. Gemäss Goldschmidt habe sich in den letzten fünf Jahren die rabbinische Haltung so verändert, dass die nicht jüdische Ehepartner zur Konversion bewegt würden.

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Eine Nation von Konvertiten

Goldschmidt zeigte, wie das Für und Wider von Übertritten in den jüdischen Quellen je nach Interpretation letztlich zusammenfinden und er unterschied zwischen Übertritten aus Glaubensgründen und solchen aus politischen oder persönlichen Gründen. Goldschmidt kam zur Konklusion, dass das Judentum gerade in Israel, wo erstmals in der Geschichte Juden die Mehrheit bilden, Verantwortung für Minderheiten übernehmen und erkennen lassen müsste, dass die jüdischen Gebote nach aussen verständlich vertretbar seien ebenso wie Juden eine direkte Beziehung zu Gott hätten. Juden sollen etwa Vorbild sein für übertrittswillige Muslime oder Christen. Die universelle Aufgabe als Juden und als Ermöglicher von Veränderungen solle wahrgenommen werden. Er schloss mit dem Credo: «Wir sind eine Nation von Übergetreten. Unsere Nation wurde in der Diaspora gebildet und die meiste Zeit im Exil. Wir sind das Volk der Diaspora. (...) Wir müssen gegenüber der ganzen Welt offen sein, um das Königreich von Haschem der Welt zu verkünden.»
  
Am 14. November findet um 17.15 Uhr eine Gedenkveranstaltung zur Erinnerung an Pinchas Grünewald s. A. in der Schomre Thora in Basel statt.



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