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12. November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 45 Ausgabe: Nr. 45 » November 12, 2010

Dem Frieden eine Chance geben!

Bill Clinton zur Lage in Israel, November 12, 2010

Vor 15 Jahren hat die Kugel eines Mörders meinen Freund Itzhak Rabin, den israelischen Premierminister getötet. Seither ist keine
Woche vorbeigegangen, in der ich ihn nicht vermisst hätte. Ich habe ihn und seine Frau Leah sehr geliebt. Es würde der Welt gut anstehen, sich an die Lektionen zu erinnern, die uns sein Leben gelehrt hat: Seine Vision von Freiheit, Toleranz, Kooperation, Sicherheit und Frieden ist heute noch genauso lebendig wie vor 15 Jahren, als er unmittelbar vor seinem Tod an einer riesigen Kundgebung in Tel Aviv voller Glück vom Frieden sprach und sang.
Rabin machte niemandem etwas vor. Als David Ben Gurion ihn 1949 als jungen Mann beauftragte, Israel an den Waffenstillstandsverhandlungen zu vertreten, hatte er nie zuvor eine Krawatte getragen. Ein Freund band sie für ihn und zeigte ihm, wie der Knoten so zu lösen sei, dass er ihn später wieder benutzen konnte. Typisch für ihn kam er zwei Wochen vor seiner Ermordung in Washington zu einem formellen Anlass ohne die dazu gehörende schwarze Fliege. Wir liehen uns eine aus für ihn, und bis heute muss ich lächeln, wenn ich daran denke, wie ich sie für ihn zurechtgerückt hatte, genauso wie Hillary lächelt, wenn sie sich daran erinnert, wie er sich darüber beklagte, als sie ihn auf den Balkon hinausschickte, wenn er rauchen wollte.



Die Geschichte Itzhak Rabins und die Geschichte Israels sind untrennbar ineinander verwoben. Mit der Waffe in der Hand verteidigte er Israels Freiheit, und für die Sicherung von Israels Zukunft gab er sein Leben. Als er 1993 zur Unterzeichnung der Grundsatzerklärung mit den Palästinensern ins Weisse Haus kam, war er ein Militärheld, einzig und allein darauf bedacht, sein Volk in ein neues Zeitalter zu führen. Bevor er Yasser Arafats Hand schüttelte, eines Mannes, den er lange als seinen tödlichen Widersacher gesehen hatte, wandte er sich direkt an das palästinensische Volk: «Genug des Blutvergiessens und der Tränen. Genug. Uns ist nicht nach Rache zumute. Wir hegen keinen Hass gegen euch. Wir sind, wie ihr auch, ein Volk – ein Volk, das ein Heim bauen, einen Baum pflanzen und das lieben und Seite an Seite mit euch in Würde und Empathie leben will, als Menschen, freie Menschen. Wir geben heute dem Frieden eine Chance und sagen euch einmal mehr: genug. Beten wir, auf dass der Tag kommen möge, an dem wir alle uns von den Waffen verabschieden werden.»

Anderthalb Jahrzehnte nach seinem Tod glaube ich immer noch, dass wir, hätte er gelebt, innnerhalb von drei Jahren ein umfassendes Abkommen zwischen den Israeli und Palästinensern erzielt hätten. Selbstverständlich hätten die Feinde des Friedens versucht, es zu untergraben, doch ich bin überzeugt, dass unter Rabins Führung eine neue Ära der dauerhaften Partnerschaft und des wirtschaftlichen Wohlergehens angebrochen wäre.
In vieler Hinsicht war Rabin seiner Zeit voraus. Das Ende seines Lebens fiel zusammen mit den Anfängen einer Periode der höchsten Interdependenz in der Geschichte der Menschheit, der Explosion des Internets und der Ära der Globalisierung. Was Israeli und Palästinenser aneinander bindet – in seinen Worten: zwei Völker, «deren Schicksal es ist, zusammen auf dem gleichen Stück Erde zu leben» –, ist ein machtvoller Beweis für die Verbindungen, die uns alle über den Globus hinweg aneinander binden. Wir sind so vielfältig miteinander verbunden, das wir nicht voneinander loskommen.

Deshalb müssen wir uns alle, jeder auf seine Weise, der Sache annehmen, für die Itzhak Rabin sein Leben gelassen hat: Eine gemeinsame Zukunft aufbauen, in der die uns allen gemeinsame Menschlichkeit wichtiger ist als unsere partikularen Differenzen. Wir alle können etwas dazu beitragen in unseren Gemeinden oder auf der ganzen Welt, um das Positive aufzubauen und die negativen Kräfte der Interdependenz zu reduzieren.
Rabin war ein harter Idealist. Seine grosse Gabe bestand darin, sich das Vertrauen der Öffentlichkeit zu bewahren während er kontrollierte Risiken für den Frieden einging. Dieser Zugang manifestierte sich am Besten in der Richtlinie, an die er sich selber hielt: Er arbeitete so für den Frieden, als ob es keinen Terrorismus gäbe, und bekämpfte den Terrorismus so, als ob kein Friedensprozess existierte. Könnte er heute zu uns sprechen, würde er uns bitten, sich seiner nicht zu erinnern, indem wir darüber trauern, was hätte sein können, sondern mit klarem Blick auf die Möglichkeiten und Hindernisse auf dem Weg zum Frieden zu schauen und uns an die Arbeit zu machen.

Es besteht eine echte Chance, die von ihm begonnene Arbeit zu Ende zu führen. Die Parteien reden miteinander. Premierminister Binyamin Netanyahu geniesst die nötige Unterstützung seines Volkes, um ein Abkommen zu erzielen. Viele Israeli sagen, sie vertrauen ihm, dass er einen Frieden schliesst, der sie beschützen und ihre Sicherheit erhöhen wird. Angesichts der Ende 2000 von Premier Ehud Barak akzeptierten Bedingungen, die von Premier Ehud Olmert in grösseren Einzelheiten unterstützt worden und von Präsident Mahmoud Abbas und anderen Palästinensern abgesegnet worden sind, weiss jeder, wie ein endgültiges Abkommen aussehen würde.

Die noch verbleibenden Themen lassen sich lösen, und die Anreize, dies zu tun, sind vorhanden. In der von Präsident Abbas und Premierminister Salam Fayyad geführten palästinensischen Regierung besitzt Israel einen besseren Partner als je zuvor in der Westbank, einen Partner, der seine Fähigkeiten, für Sicherheit und wirtschaftlichen Fortschritt zu sorgen, bereits unter Beweis gestellt hat. Die vom saudischen König Abdullah errichtete Friedensallianz offeriert Israel im Austausch für ein Abkommen volle politische Anerkennung und die Aussicht auf Sicherheit und wirtschaftliche Kooperation mit einer ganzen Gruppe arabischer und anderer muslimischer Nationen. Viele Araberstaaten sind zudem mit ihren eigenen Bemühungen zur wirtschaftlichen und sozialen Modernisierung befasst, die beweisen, dass sie bereit sind, von Differenzen der Vergangenheit Abstand zu nehmen und stattdessen von den Möglichkeiten einer Kooperation mit Israel zu profitieren.

Die Regierung der USA ihrerseits bleibt dem Ziel verpflichtet, die Gewinne aus einem Frieden zu maximieren und die Risiken zu minimieren. Präsident Barack Obama, Staatssekretärin Hillary Rodham Clinton, Sonderbotschafter George Mitchell und deren Kollegen teilen diese Überzeugung.
An jenem sonnigen, hoffnungsträchtigen Tag im Jahr 1993 klang Itzhak Rabin auf dem Rasen des Weissen Hauses wie ein biblischer Prophet, als er sagte: «Wir geben heute dem Frieden eine Chance und sagen euch einmal mehr: genug.» Beten wir an diesem Jahrestag darum, dass sein Einsatz und Opfer dem Heiligen Land zugute kommen werden, und dass wir alle, wo immer auch wir leben und welche Position wir bekleiden mögen, unseren Beitrag zum Aufbau einer Welt leisten werden, in welcher die Zusammenarbeit über den Konflikt triumphiert. Rabins Vision erhellt uns noch immer den Weg, doch wir alle müssen beschliessen, ihn zu gehen.   


Bill Clinton, Gründer der Stiftung William J. Clinton, war der 42. Präsident der USA.



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