Mehr Nächstenliebe – mehr Frieden
Auf drei Dingen steht die Welt, sagte Schimon der Gerechte in den Sprüchen der Väter: Auf der Lehre, beziehungsweise der Thora, auf dem Gottesdienst und auf der Wohltätigkeit. Die erste Säule formte schon früh einen Rechtsstaat als Klammer, der mit seinen Geboten und Verboten die Stämme zusammenhielt. Die zweite Säule war der sichtbare Ausdruck für die Verehrung des unsichtbaren Gottes. Und die Wohltätigkeit half mit, soziale Probleme zu lösen und Barmherzigkeit gegenüber Witwen und Waisen zu üben, damit diese samt der Mitgift bei der Grossfamilie bleiben konnten. Sie diente auch dazu, erkrankte Clansleute zu pflegen, damit diese bald wieder selber für ihre Angehörigen sorgen und ihren Platz in der Gemeinschaft bewahren konnten.
Klassische Rollenteilung
Nächstenliebe lässt sich am besten im Kollektiv praktizieren. Ein Mensch allein kann nicht alle sozialen Aufgaben erfüllen, die eine Gemeinschaft ausbildet. So gab es schon früh Zusammenschlüsse, die man heute Vereine nennen würde. Die Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern kann in grauer Vorzeit nicht anders gewesen sein als heute: Die Frauen leisteten die physische Arbeit der Krankenpflege, der Kinderbetreuung, der Versorgung Bedürftiger mit Nahrung und Unterkunft. Die Männer befanden über die allfällige wirtschaftliche Unterstützung, bei deren Vergabe die Frauen nichts zu sagen hatten. Letzteres immerhin hat sich glücklicherweise stark verändert.
In der Neuzeit gibt es eine grosse Zahl jüdischer Wohlfahrts- oder Charity-Vereinigungen. Einige der grossen, weltweit vertretenen Frauenorganisationen haben auch politisches Gewicht, das sie allerdings längst nicht in allen Ländern nutzen, und verfolgen politische Ziele. Die Finanzkrise stürzte sie in schwere Turbulenzen. Es wird immer schwieriger, die vorher problemlos fliessenden Zuwendungen zu erhalten und jüngere Frauen für die Mitgliedschaft oder gar die Führung der Vereine zu gewinnen.
Jüdische Menschen sollen eigentlich zehn Prozent ihres Einkommens und Vermögens für gute Zwecke abzweigen. Häufig wird das Geld nach Israel geschickt. Die Spendentätigkeit für Israel ist allerdings nicht mehr so selbstverständlich wie einst. Der Staat ist eine Wirtschaftsmacht in den Top Twenty geworden, und dennoch nimmt die Armut ständig zu, überproportional in der ultraorthodoxen Bevölkerung, weil in diesen Gemeinschaften viele Männer zugunsten des Thorastudiums auf eine bezahlte Arbeit verzichten.
Nicht nur Spenden
Zionistischen Organisationen wie Wizo und Hadassa sammeln nach wie vor viel Geld für ihre Projekte in Israel. Einige Ländersektionen sind allerdings schon vor Jahren dazu übergegangen, einen Teil der erarbeiteten Mittel nicht mehr nach Israel zu schicken, sondern für Bedürftige im eigenen Land zu reservieren, obwohl gerade in Westeuropa die sozialen Netze recht tragfähig sind.
Neben ihren sozialen Aufgaben engagieren sich die jüdischen Frauen durch ihre grossen Organisationen und vor allem über ihre starken Dachverbände politisch. Die Uno ist dafür ein geeignetes Gremium. Der International Council of Jewish Women (ICJW) ist über den Economic and Social Counsil (Ecosoc) bei der Uno akkreditiert, aber auch die weltweit tätigen Organisationen Wizo und Hadassa gehören zu den Nichtregierungsorganisationen (NGO).
Zahlreiche amerikanische und weltweite Frauenverbände sind über DPI (Department of Public Information), nicht über Ecosoc, bei der Uno akkreditiert und bilden in New York eine jüdische NGO-Gruppe. In New York gibt es zudem ein jüdisches NGO-Forum, das viele Uno-Diplomaten über den jüdischen Standpunkt informiert.
Ecosoc, der Rat für ökonomische und soziale Fragen, wurde eigens gegründet, um die wirtschaftlich und sozial konnotierten Aktivitäten von 14 spezialisierten Uno-Agenturen und fünf regionalen Kommissionen zu koordinieren. Ecosoc ist das zentrale Forum der Uno, das politische Empfehlungen formuliert und diese den Mitgliedstaaten und dem Uno-System unterbreitet. Ecosoc beschäftigt sich mit der Förderung eines höheren Lebensstandards, Vollbeschäftigung, sozialem und wirtschaftlichem Fortschritt, dem internationalen Gesundheitswesen, kultureller und pädagogischer Zusammenarbeit und der Förderung des universalen Respekts für Menschenrechte und der fundamentalen Freiheiten.
Lobbyarbeit bei der Uno
Hier arbeiten die jüdischen Frauenverbände als NGOs in verschiedenen Kommissionen mit und engagieren sich vornehmlich für Menschenrechte, Frauen- und Kinderrechte, Glaubens- und Religionsfreiheit. Wie alle anderen NGOs können sich auch die jüdischen Frauenorganisationen mündlich oder schriftlich einbringen und gemeinsam mit gleichgesinnten NGOs aktiv für ihre Anliegen lobbyieren.
Das Interesse der Frauen-NGOs gilt auch Israel, aber «Wir haben den Eindruck, dass es Sache der bei der Uno akkreditierten israelischen Diplomaten ist, für Israel einzustehen», sagt Léonie de Picciotto, in Genf momentan die einzige Frauendelegierte des ICJW bei der Uno. Auch am Hauptsitz in New York sind die jüdischen Frauen aktiv vertreten. «Natürlich erhalten wir von den Israeli regelmässige Briefings und Erläuterungen, aber wir kümmern uns um die jüdische Zivilgesellschaft.» In Genf erfordert die Uno-Tätigkeit auch die Teilnahme an den Sitzungen des Uno-Menschenrechtsrats, die für jüdische NGO-Frauen wegen der latenten Israelfeindlichkeit nicht leicht zu ertragen sind.
Jüdische Frauen als Pionierinnen
Die kleine Schweiz hat in Sachen Frauenmobilisierung Grosses geleistet. 14 Jahre vor der ersten Bundesverfassung von 1848 und lange vor der Teilrevision der Bundesverfassung von 1866, in welcher dem männlichen Teil der jüdischen Bevölkerung die vollen Bürgerrechte zugestanden wurden, schlossen sich die jüdischen Frauen von Basel 1834 zur allerersten Schweizer Frauenorganisation zusammen. Sie waren wohl sogar die ersten in Westeuropa. Ihr Ziel war die Betreuung Alter, Armer, Kranker, Witwen und Waisen in der eigenen israelitischen Gemeinde. Sie gehörten auch zu den Gründerinnen der Frauenzentrale.
Heute sind die Schweizerinnen im ICJW gerne gesehen und gut vertreten. Seit Jahrzehnten bekleiden sie hohe Ämter. Chana Berlowitz aus Zürich wurde dieses Jahr, nachdem sie jahrelang Spitzenämter wie das Präsidium der Kommission für jüdische Erziehung bekleidet hatte, zum lebenslangen Exekutiv-Mitglied gewählt, dasselbe gilt für Tanja Blum. Vera Kronenberg aus Basel, die auch schon als Vizepräsidentin amtete, wurde dieses Jahr für vier Jahre zur Sekretärin des ICJW gewählt und Marion Lifschitz, ebenfalls aus Basel, zu einer der 14 Vizepräsidentinnen. Mary Liling vertritt den ICJW im Europarat, und die Genferin Léonie de Picciotto ist nicht nur in Genf bei der Uno akkreditiert, sondern auch Koordinatorin der Uno-Vertretungen der jüdischen Frauen. Der ICJW ist – rein ehrenamtlich – eine politische Organisation, aber über die lokalen Dachverbände gehören ihm auch die klassischen Frauenvereine an.
«Die Basisarbeit wird immer von den Frauen geleistet», sagt Vera Kronenberg. «In Osteuropa zum Beispiel halten sie die Gemeinden am Leben, aber diese werden von Männern präsidiert.» Auch Chana Berlowitz weiss aus Erfahrung, dass die Männer «lauter reden, aber die Frauen einfach ihre Arbeit machen». ●
Gisela Blau ist Journalistin und lebt in Zürich.


