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November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 5, 2010

Gibt es spezifisch jüdische Tugenden der Wohltätigkeit?

Von Klaus Weber, November 5, 2010
GROSSZÜGIGER PHILANTROP Der Franzose Maurice de Hirsch vererbte in den 1890er Jahren gemeinnützigen Organisationen rund 500 Millionen Francs

Blickt man zurück auf etwas ältere Darstellungen zu jüdischer Wohltätigkeit und Wohlfahrtspflege, dann findet man in diesen Werken meist eine Hervorhebung spezifisch jüdischer Werte und Tugenden, die vor allem aus den Texten der Bibel und des Talmud abgeleitet werden. Ein Beispiel dafür bietet etwa Ephraim Frischs Klassiker von 1924, mit dem Titel «Historical Survey of Jewish Philanthropy». Zweifellos hatte und hat das religiöse Gebot der Zedaka – also die Verpflichtung, den Armen materiell beizustehen – im Judentum einen besonderen Stellenwert. Aus diesem Gebot erklärte man auch die seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auffällige Überrepräsentation von Juden als Stifter und Spender. Tatsächlich aber war die jüdische Armenpflege bis ins 19. Jahrhundert hinein auch ein Instrument zur sozialen Kontrolle und Disziplinierung – ganz so wie dies auch für die christliche Gesellschaft galt.

Ursachen jüdischer Armut

Die Schwerpunkte von Hilfsleistungen wurden denn auch weniger von den religiösen Lehren als von den konkreten sozialen und politischen Situationen der jüdischen Minderheit(-en) beeinflusst. Eines der wichtigsten Felder jüdischer Wohltätigkeit im Europa des Mittelalters war zum Beispiel die Bereitstellung von Lösegeldern für Glaubensbrüder, die von Banditen oder christlichen Obrigkeiten in Geiselhaft genommen wurden – eine Notwendigkeit, von der in den alten Texten kaum die Rede ist. Seit der Zeit des Dreissigjährigen Krieges kamen neue Herausforderungen auf die jüdischen Gemeinden des mittleren und westlichen Europa zu. Die Kriegswirren hatten neben unzähligen Christen auch viele Juden zu heimat- und mittellosen Vaganten gemacht – zu Betteljuden. Doch auch der Friede brachte keine Verbesserung. Während des von Bogdan Chmielnicki geführten Kosakenaufstands gegen die polnische Herrschaft und während der anschliessenden polnisch-schwedischen Kriege dürften mindestens 40 000 Juden ermordet worden sein – zunächst von den Kosaken, bei denen sie als Anhänger der Krone galten, dann von Polen, die ihnen Bündnisse mit den Schweden vorwarfen. Viele Juden suchten ihr Heil in der Flucht nach Westen und vergrösserten damit die Schar der Betteljuden, vor allem im alten Deutschen Reich und in den Niederlanden.
Eine weitere Ursache für die Verarmung von Juden waren die bekannten Beschränkungen der Erwerbsfelder: Vor allem Handwerk und Landwirtschaft waren ihnen im Allgemeinen verwehrt, und das fast überall geltende Verbot des Kaufs von Immobilien verhinderte die sichere Anlage von Vermögen. Der so erzwungene Rückzug auf Handel und Finanzen bot nur wenigen den Aufstieg zu dem, was im sattsam bekannten Stereotyp vom reichen Geldjuden krass überzeichnet wurde. Nur verschwindend wenige Hofjuden kamen als Finanziers von Fürsten zu grossem Reichtum und in manchen Fällen sogar zu Adelstiteln. Die meisten jüdischen Händler und Geldverleiher waren und blieben arm, oft bettelarm. Sie lebten vom Wanderhandel mit Altkleidern und Kramware, von der Pfandleihe und der Vergabe von Kleindarlehen an eine oft noch ärmere christliche Klientel. Der hohe Zins, oft als Wucher gebrandmarkt, war angesichts der häufigen Ausfälle von Schuldnern ein Gebot der Finanzmathematik.
Bedürftige Juden waren von den allgemeinen Wohlfahrtseinrichtungen ausgeschlossen, da diese ja meist von Kirchen betrieben wurden oder von den Handwerkszünften und Kaufmannsgilden, in denen auch keine Juden zugelassen waren. Man muss diese Exklusivität kirchlicher Armenpflege nicht unbedingt als ein Zeichen des Judenhasses verstehen, denn sie schloss in der Regel auch die Angehörigen der jeweils anderen christlichen Konfessionen aus. Jedenfalls überforderte die wachsende Zuwanderung von Juden aus Polen die Hilfskapazitäten der jüdischen Gemeinden in Deutschland und den westlichen Nachbarländern. Zugleich drangen in dieser Zeit neue Vorstellungen über den Umgang mit Armut aus der christlichen in die jüdische Welt. Sie zielten auf eine bessere Koordination von individueller Wohltätigkeit und institutionalisierter Armenpflege, auf Rationalisierung und Steigerung der Effizienz. Zudem wurde die schon immer getroffene Unterscheidung zwischen würdigen und unwürdigen Armen schärfer, also zwischen den unverschuldet ins Elend geratenen, wie etwa Witwen mit Kindern oder Kranke, und denen, die Nichtstun, Bettelei, Trinken und Glückspiel der ehrlichen und harten Arbeit vorzogen. Neu war vor allem, dass man immer häufiger eine Verbindung zwischen Armut und moralischem Verfall zog.

Mildtätige Konservative gegen herzlose Modernisierer?

Schon bald unterschied sich das einschlägige Vokabular in den jüdischen Gemeinden kaum von jenem in der christlichen Mehrheitsgesellschaft. Statuten jüdischer Gemeinden in Mähren bezeichneten 1649 die Flüchtlinge aus dem Osten als Vagabunden, Nichtnutze, Räuber und Halsabschneider, welche die ansässigen Juden in Verruf brächten und die man entweder ausweisen oder der christlichen Obrigkeit übergeben müsse. Auch die sephardische Gemeinde in Amsterdam ordnete an, die polnischen Glaubensbrüder in ihre Heimat zurückzuschicken und keinesfalls zu intervenieren, wenn die christliche Gewalt sie abschob. 1664 wurden sogar private Almosen an deutsche und polnische Juden untersagt. Verstösse wurden mit harten Gemeindestrafen bedroht. Jedoch waren die sehr wohlhabenden sephardischen Gemeinden in Bordeaux und in Amsterdam auch die ersten, die für ihre Zeit sehr moderne Waisenhäuser mit integrierten Gewerbeschulen errichteten, zentrale Armenregister mit genauen Regularien für die Verteilung der Mittel, zinslose Darlehenskassen und viele weitere Einrichtungen für die «würdigen Armen».
Die Übernahme von Wertvorstellungen und institutionellen Modellen aus der christlichen Welt wurde im 18. Jahrhundert durch die Haskala begünstigt, die deutsch-jüdische Strömung innerhalb des breiten Diskurses der Aufklärung. Allerdings handelte es sich hier keinesfalls um eine Einbahnstrasse. Christliche Experten besichtigten die meist sehr fortschrittlichen jüdischen Einrichtungen und fanden dort Anregungen für ihre eigene Arbeit. Die Haskala vertiefte jedoch auch den Graben, der sich innerhalb des Judentums zwischen den Modernisierern und ihren konservativen beziehungsweise orthodoxen Gegnern auftat. Ein wesentlicher Unterschied zwischen der jüdischen und den christlichen Sozialethiken bestand in ihrer jeweiligen Bewertung der Armut. In den christlichen Auffassungen ist diese soziale Kategorie theologisch aufgeladen. Während man in der christlichen Wertewelt schematisch vereinfacht zwischen katholischer Auffassung – Armut als Tugend – und protestantischer – Armut als Zeichen moralischer Fragwürdigkeit – unterscheiden kann, galt Armut im jüdischen Wertekanon schlicht und einfach als eine Ungerechtigkeit. Konservative Juden, die im 18. Jahrhundert der Haskala und im 19. Jahrhundert dem Reformjudentum skeptisch bis ablehnend gegenüberstanden, kritisierten denn auch den zunehmend harschen Umgang mit den jüdischen Armen. Der moralisierende Umgang mit dem Phänomen der Armut blieb ihnen fremd. Wie heftig der Rigorismus und das ökonomische Primat reformerischer Armenpolitik mit den religiösen Geboten kollidieren konnte, zeigt das Beispiel der Gemeinde in Fürth, wo man von den 1820er-Jahren bis zur Reichsgründung arme Juden in das städtische Armenhaus steckte, in dem es weder koscheres Essen noch eine Schabbatruhe gab. Diese abschreckende Praxis sollte arme jüdische Familien dazu bringen, ihr Einkommen durch noch härtere Arbeit über die Armutsgrenze zu heben und sich so von Unterstützung unabhängig zu machen. Das Heiratsverbot für Männer mit niedrigsten Einkommen, die Ausweisung lediger Schwangerer und der Ausschluss unehelich Geborener aus dem jüdischen Waisenhaus wirkten ähnlich.

Arm und Reich

Man muss sich aber vergegenwärtigen, dass solche Massnahmen ganz und gar der Praxis entsprachen, die im gesamten christlichen Europa verbreitet war, um das demographische Wachstum der Unterschichten zu beschränken. Hinzu kamen die Befürchtungen und Vorwürfe von christlicher Seite, dass Betteljuden den nicht jüdischen Kassen zur Last fallen, worin die etablierten Juden wiederum eine Gefahr für ihren eigenen Ruf sahen. Dem zu begegnen, war eines der wesentlichen Motive für den Aufbau leistungsfähiger jüdischer Einrichtungen – und für den rauen Umgang mit den armen Aschkenasim aus dem Osten.
Der extreme Gegensatz zwischen einer kleinen jüdischen Elite und einer grossen Mehrheit bitter armer Juden wurde im Verlauf des 19. Jahrhunderts stark abgemildert. Der Prozess der Emanzipation bot den Juden die Chance, zu den grossen Gewinnern des allgemeinen Modernisierungsprozesses zu werden. Mehr als jeder anderen ethnisch-religiösen Gruppe gelang es ihnen, von der Industrialisierung und der Entstehung einer Dienstleistungswirtschaft zu profitieren und sie in vielen Bereich auch aktiv mitzugestalten. Sehr viele Familien stiegen zu Wohlstand und einem bürgerlich-liberalen Selbstverständnis auf, aus dem heraus sie selbst als Spender und Stifter auftraten. In dem Mass, in dem sie auch die bedürftigen Juden als Bürger mit Rechten wahrnahmen, milderten sich die abschreckenden und teils diskriminierenden Züge in der jüdischen Armenpflege. Zuwanderern gegenüber blieb man jedoch überwiegend ablehnend. So unterstützte der Jewish Board of
Guardians, die Dachorganisation der anglo-jüdischen Wohlfahrtseinrichtungen, zwischen 1882 und 1906 die Repatriierung von rund 24000 russischen Juden, um den Arbeits- und Wohnungsmarkt für ihre jüdischen Landsleute zu entlasten.
Es entstanden aber nicht nur zahllose gemeinnützige Einrichtungen für eine jüdische Klientel. Um ihre Loyalität zu der jeweiligen Nation zu demonstrieren, deren Bürger sie nun waren, schufen Juden auch viele Stiftungen, die der breiten Gesellschaft zugute kamen. Ein Beispiel wäre der Londoner Finanzier Samuel Lewis (1838–1901), der bis zu seinem Tod ein Vermögen von 2,2 Millionen Pfund angehäuft hatte, von dem er 1,8 Millionen (damals circa 45 Millionen Francs) stiftete, vor allem für ein Grossprojekt im sozialen Wohnungsbau. Um dies in eine Relation zu stellen: Die Jahreseinkommen vieler Arbeiter lagen damals bei 20 bis 30 Pfund.

Unterstützung von Flüchtlingen

Ein spezifisch jüdisches Tätigkeitsfeld war die Unterstützung von Flüchtlingen, die vor allem seit den 1880er-Jahren – nach dem neuerlichen Ausbruch blutiger Pogrome in Russland und der folgenden Emigration von Millionen Juden nach Westen – in hochprofessioneller Weise auf internationaler Ebene organisiert wurde. Dabei haben sich besonders der kosmopolitische Eisenbahn- und Kupfermagnat Maurice de Hirsch (1831–1896) und seine Witwe Clara hervorgetan. Dass ihr einziger Sohn 1887 starb, dürfte die Bereitschaft zur grosszügigen Verteilung ihres Vermögens, das 1890 bei 500 Millionen Francs lag, gestärkt haben. Der grösste Teil floss in Hilfsorganisationen, darunter in die von Hirsch geschaffene
Jewish Colonization Association, die russischen Juden die Ansiedlung in Ländern wie Argentinien, Brasilien und Kanada ermöglichte und in die Alliance Israélite Universelle.
Bekanntere Wohltäter als Hirsch und Samuel dürften die Mitglieder der Familie Rothschild gewesen sein, auch wenn kein einziger von ihnen in die Nähe der schier unvorstellbaren Summen kam, die der Baron de Hirsch spendete. Selbst ihre grössten Initiativen lagen nicht über dem finanziellen Rahmen von 10 Millionen Francs. Die Rothschilds zeichneten sich vielmehr durch die breite Vielfalt und Kontinuität ihrer Projekte aus, die nur eine wohlhabende Dynastie mit mehreren über Generationen hinweg stabilen Familienzweigen pflegen kann: Sie finanzierten vor allem Krankenhäuser, Sanatorien, Waisenhäuser, Schulen und Sozialwohnungsbau in Frankfurt, Wien, London, Paris und Genf – teils für eine jüdische und teils für eine allgemeine Klientel.
Daneben gab es zahllose weniger prominente Stifter, die dafür sorgten, dass Juden als Wohltäter insgesamt überrepräsentiert waren. Um 1910 stellten Juden in Berlin nur 4,8 Prozent der Bevölkerung, aber 38 Prozent des gesamten privaten Stiftungskapitals der Hauptstadt. Für Frankfurt, Breslau oder Dresden sprechen die Zahlen eine ähnliche Sprache. Auch dieses Phänomen wurde häufig mit einer besonderen, auf dem Gebot der Zedaka ruhenden sozialen Verantwortungsbereitschaft der Juden erklärt. Tatsächlich aber dürften die Gründe im ausserordentlichen wirtschaftlichen Erfolg der Minderheit zu finden sein: Sie stellte in diesen Städten eben auch 40 bis 60 Prozent der bürgerlichen Oberschicht. Auch die Härte im Umgang mit armen Zuwanderern hatte keine spezifisch jüdische Note, sondern war vor allem dem äusseren sozialen und politischen Druck geschuldet, dem die kleine Minderheit immer ausgesetzt war. Jüdische Wohltätigkeit und Philanthropie war und ist so vielfältig wie die Umstände, unter denen jüdische Minderheiten leben. Es waren weniger die ewigen religiösen Gebote als die jeweiligen Umstände, welche die inhaltlichen Schwerpunkte des Engagements und die dahinter stehenden politisch-sozialen Werte prägten.   


Klaus Weber hat am Rothschild Archive in London ein mehrjähriges Forschungsprojekt zu jüdischer Philanthropie und Wohlfahrtpflege in verschiedenen europäischen Ländern geleitet. Seit April 2010 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für die Geschichte der deutschen Juden in Hamburg.


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