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November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 5, 2010

Geben aus Verantwortung

Von Peter M. Ascoli, November 15, 2010
Als Sohn deutsch-jüdischer Immigranten hat Julius Rosenwald (1862–1932) in Chicago das Handelsunternehmen Sears, Roebuck zum grössten Konzern seiner Art weltweit aufgebaut. Auch als Philanthrop war Rosenwald ein Pionier.
KLUGER GESCHÄFTSMANN UND VISIONÄRER PHILANTHROP Julius Rosenwald und seine Frau Augusta kurz nach ihrer Heirat 1890

In seinem bahnbrechenden Buch «The Search for Order 1877–1920» beschreibt der Historiker Robert H. Wiebe die Entstehung der amerikanischen Mittelklasse um 1900. Die Männer und Frauen dieser neuen Schicht zeichneten sich durch ihren Optimismus und ihre professionelle Haltung im Berufsleben sowie durch ihren Wunsch, Bürokratien für die Gestaltung geordneter Verhältnisse einzusetzen, aus. Diese Menschen waren politisch engagiert und traten für die Reform ihrer lokalen Verwaltungen ein, die glatt, effizient und den Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig arbeiten sollten. Mit Blick auf die amerikanische Politik fühlte sich diese Klasse meist den Republikanern zugehörig und verehrte Theodore Roosevelt als ihr Idol.

Ein Pragmatiker und Optimist

Darüber hinaus stellten sie hohe Erwartungen an Washington und waren weniger auf lokale Vorgänge fixiert. Diese Menschen glaubten an die Macht der Erziehung und trachteten Probleme mit der Sammlung und Analyse sämtlicher relevanter Daten zu lösen. Laut Wiebe machten die genannten Eigenschaften diese Klasse zu «Progressiven». Julius Rosenwald passt nahtlos in dieses Bild. Er wurde in die Mittelklasse geboren und legte deren Werte und Erwartungen auch dann nicht ab, nachdem er selbst grossen Reichtum erlangt hatte. Er konnte pragmatisch handeln und doch blieb er sowohl als Unternehmer als auch als Philanthrop stets ein Optimist. Auf beiden Gebieten zeichnete sich Rosenwald durch rationale Zukunftsorientierung aus. So war er sich bei seinem Rücktritt als Präsident des Versandhauses Sears, Roebuck im Jahr 1924 über die zukünftige Entwicklung des Konzerns im Klaren und setzte entsprechend einen Nachfolger ein, dem er fortan die Geschäfte überliess. Auf dem Feld der Philanthropie schwebte ihm eine enge und harmonische Zusammenarbeit zwischen privater Initiative und dem Staat vor.
Als Präsident von Sears war sich Rosenwald eindeutig seiner professionellen Position bewusst. Dies hat zum Erfolg der Firma unter seiner Leitung beigetragen. Seine Kentnisse auf dem Gebiet des Massenvertriebs von Konsumgütern trug ihm eine führende und erfolgreiche Rolle in der wirtschaftlichen Mobilisierung Amerikas während des Ersten Weltkrieges ein.
Wenn Rosenwald als Philanthrop immer wieder Sturm gegen Bürokratien lief, dann stiess er sich an einer am Status quo und Selbsterhalt orientierten Einstellung, die zukunftsgerichteten Ideen abhold war. Bei Sears bestand seine grösste Leistung in der Schaffung einer ebenso effektiven wie flexiblen Organisation, die aus Chaos Ordnung werden liess. Als Philanthrop verstand er, dass er und ein einzelner Mitarbeiter allein langfristig nicht in der Lage waren, die Flut von Anträgen zu bewältigen. Dies liess auch für den Stifter Rosenwald eine professionelle Bürokratie notwendig werden. Das Resultat war eine Reorganisation seiner Stiftung im Jahr 1928. Auch politisch blieb Rosenwald der progressiven Strömung der republikanischen Partei verbunden.  So begrüsste er die Wahl von Herbert Hoover 1928 freudig, der ebenfalls Expertenkomitees gründen wollte, welche die Regierung unabhängig vom Kongress beraten sollten.

Vertreter der Progressiven

Julius Rosenwald hat nie die Hochschulreife erlangt. Dies hat ihn sein Leben lang gequält, aber seinen Glauben an die Bedeutung der Erziehung als Instrument der Verbesserung von Aufstiegschancen nicht gemindert. So begriff er Bildung als Pfad, der Afroamerikaner aus der Armut und dem lähmenden Rassismus führen konnte, die ihr Leben in den Südstaaten bestimmte. Darüber hinaus hat Rosenwald von der University of Chicago und der Harvard University bis zu Lehrhospitälern und medizinischen Hochschulen für Schwarze Erziehungsanstalten jeder Art unterstützt. Der Sears-Präsident teilte zudem die von Wiebe als charakteristisch für die Mittelklasse beschriebene Bewunderung der Sozialwissenschaften und unterstützte entsprechende Institutionen sowie führende Persönlichkeiten auf diesem Gebiet wie die Soziologin, Feministin und Friedensaktivistin Jane Addams. Damit können wir Rosenwald zweifelsfrei als Progressiven bezeichnen.
Während sich Rosenwald als Philanthrop mit John D. Rockefeller und Andrew Carnegie vergleichen lässt, so ging ihm als Geschäftsmann deren Skrupellosigkeit ab. Der Unternehmer Rosenwald war kein origineller Denker, aber er war klug und bescheiden genug, die guten Ideen anderer aufzunehmen. Dazu brachte er den Scharfsinn und die Entscheidungskraft mit. Der bekannte Wirtschaftsautor Peter Drucker bezeichnet Rosenwald deshalb nicht nur als «Vater von Sears, Roebuck, sondern der Distributions-Revolution, welche die Weltwirtschaft im 20. Jahrhundert verändert und wesentlich zu deren Wachstum beigetragen hat.» Laut Drucker hat Rosenwald «die produktive menschliche Organisation von Sears aufgebaut und seinem Management maximale Entscheidungsfreiheit und volle Verantwortung für Ergebnisse übertragen.» Andere Experten loben den Sears-Präsidenten als «Erbauer von Institutionen» und als ebenso klugen wie vorsichtigen Visionär auf den Gebieten des Managements, der Verwaltung und der Betriebsabläufe.

Wohlfahrts-Kapitalismus

Rosenwald war zu Lebzeiten überdies für seine Integrität und Zuverlässigkeit als Geschäftspartner sowie für seine Sorge um das Wohlergehen der Sears-Angestellten bekannt. Als Progressiver stand er an der Spitze der Bewegung des Wohlfahrts-Kapitalismus und versuchte den Arbeitstag der Sears-Angestellten ebenso effektiv wie angenehm zu gestalten. Dies nicht, um den Einzug von Gewerkschaften im Unternehmen zu verhindern, sondern aus der Überzeugung heraus, dass zufriedene Angestellte besser arbeiteten. Wegweisend war auch seine 1921 bei Sears eingeführte Gewinnbeteiligung für Beschäftigte.
Seine progressive Weltanschauung hat auch die Philanthropie Rosenwalds geprägt. Motiviert von einem Gerechtigkeitssinn, der die Lebenssituation der gesamten Bevölkerung zu verbessern suchte, hat er auf diesem Gebiet etwa durch die zeitliche Begrenzung seiner Stiftung und seine Offenheit Experimenten gegenüber Pionierleistungen vollbracht. Zudem suchte er mit seinem Engagement gesetzliche Reformen zu erreichen. Wie andere progressive Philanthropen wandte sich Rosenwald an Experten, die als Mittler zwischen Spender und Empfängern wirken sollten. Doch sein Entschluss, seine Stiftung nicht für alle Ewigkeit zu etablieren, sondern die Mittel schrittweise vollständig ihrem Zweck zuzuführen, erwuchs auch aus seinem ganz persönlichen Denken.
Die Philanthropie-Spezialistin Kathleen McCarthy erklärt, Rosenwalds Credo als Mäzen habe auf drei Prinzipien beruht: «Prävention, Deinstitutionalisierung und Flexibilität». So lassen sich die 5300 «Rosenwald-Schulen» für schwarze Kinder im amerikanischen Süden als präventive Massnahme bezeichnen, da sie einen Mangel an Bildung und Chancen verhindern sollten. Rosenwalds Kreuzzug gegen Waisenhäuser steht für seine Abneigung gegen Institutionen und deren schädliche Auswirkungen. Dass er seine Stiftungen genau auf jeweilige Zwecke abgestimmt hat, lässt sich an seiner Donation für die University of Chicago ablesen. Diese war nur an eine einzige Bedingung geknüpft: dass Kapital und Zinsen bis zu einem bestimmten Datum auszugeben waren.

Versöhnen und Vereinen

Auch der Historiker Waldemar Nielsen vergleicht Julius Rosenwald mit John D. Rockefeller Sr. und Andrew Carnegie. Wie Rockefeller habe der Sears-Präsident als Philanthrop stets einen «strategischen» Ansatz verfolgt und versucht, Probleme an ihrer Wurzel anzupacken. Wie Carnegie habe Rosenwald seine Gedanken über die Philanthropie in einem viel gelesenen Zeitschriftenbeitrag veröffentlicht. Zudem teilten beide die Überzeugung, ein reicher Mann solle unauffällig leben, bescheiden für seine Familie vorsorgen, aber den Grossteil seines Vermögens zu Lebzeiten für die Allgemeinheit einsetzen.
Doch Carnegie dachte paternalistischer als Rosenwald und wollte allein über die Investition seines Geldes entscheiden. Zudem richtete Carnegie im Gegensatz zu dem Unternehmer in Chicago Stiftungen ein, die bis heute bestehen. Nielsen zufolge hat sich Rosenwald «am stärksten für das Funktionieren der amerikanischen Demokratie und gegen Intoleranz in Rassen- und Religionsfragen eingesetzt». Damit spricht Nielsen Rosenwalds Engagement für Schwarze an, durch das er ihnen helfen wollte, ihren rechtmässigen Platz in der amerikanischen Gesellschaft einzunehmen. Nielsen nennt Rosenwald einen «Mann mit Bodenhaftung, flexibel und voll Mitgefühl, ein prinzipienfester Menschenfreund, der an die Demokratie geglaubt hat und heilend, versöhnend und vereinend auf die Gesellschaft einwirken wollte.»

Das Heilen der Welt

Eine etwas andere Sichtweise Rosenwalds entwickelt die Historikernin Judith Sealander. Sie begreift das Engagement des Unternehmers als klassisches Beispiel für die «wissenschaftliche Philanthropie» des frühen 20. Jahrhunderts und zitiert ihn dazu selbst: «Ich habe mein Geld im Einzelhandel gemacht – aber als Philanthrop setze ich auf den Grosshandel.» Rosenwald dachte in grossen Dimensionen und war nicht daran interessiert, die Not Einzelner zu lindern. Sealander schreibt Rosenwald zudem ein «soziales Glaubensbekenntnis» zu, nachdem «echte Gläubigkeit das aktive Vorgehen gegen gesellschaftliche Probleme bedeutet». In der Tat war das «Heilen der Welt» ein zentraler Glaubenssatz des Reform-Rabbiners Emil Hirsch in Chicago, der ausserordentlich grossen Einfluss auf Rosenwald hatte.
Die «wissenschaftliche Philanthropie» konzentrierte sich Sealander zufolge auf drei Gebiete: Erziehung, Medizin und Sozialwissenschaften. So hat Rosenwald etwa die medizinische Fakultät der University of Chicago und das Social Science Research Council unterstützt. Die Autorin betont die durch die Rosenwald-Schulen erzielten, enormen Veränderungen: «Dadurch konnten 1930 über eine halbe Million schwarzer Kinder in sauberen und komfortablen Schulhäusern mit einem bis sechs Räumen lernen. Die Schaffung dieses Netzwerkes moderner Schulen in einer Region, die zuvor überhaupt keine aufwies, war eine epochale Leistung.» Dennoch hat Rosenwald nach Sealanders Auffassung seine eigenen Erwartungen nicht erfüllen können: «Er wollte mit den Schulen eine Revolution im öffentlichen Bildungswesen auslösen und die Behörden so ‹beschämen›, dass für weisse und schwarze Kinder identische, wenn auch separate Budgets auflagen. Diese grosse Idee hatte im Amerika des frühen 20. Jahrhunderts nicht den Hauch einer Chance. Es sollten Jahrzehnte vergehen, ehe sie im Prinzip akzeptiert wurde – von der Umsetzung ganz zu schweigen. Die Hoffnungen Julius Rosenwalds für die Rassenbeziehungen waren denen seiner meisten Mitbürger um Dekaden voraus.»

Der Zeit weit voraus

Vieles spricht dafür, dass Rosenwald tatsächlich ein Visionär war – und nicht etwa ein Rassist, wie manche Kritiker behaupten. Diese werfen ihm vor, dass er das damalige System der Rassentrennung nach dem Motto «separat, aber gleich» akzeptiert hat, statt es zu bekämpfen. Doch dies stellt eine Verzerrung der Tatsachen dar: Nicht der Mäzen hat versagt, sondern seine Mitbürger, die Rosenwalds Vision einer wirklichen Rassengleichheit ablehnten.
Darüber hinaus war Rosenwald auch als Philanthrop «hands-on» – das heisst, er schrieb nicht nur einen Scheck aus und wandte sich dann anderen Dingen zu, nachdem ihn ein Projekt überzeugt hatte, wie dies Rockefeller tat. Rosenwald engagierte sich aktiv, brachte Vorschläge ein und unterstützte die Suche nach weiteren Geldgebern. Zudem empfand er besondere Sympathie für Underdogs – ob dies nun unterdrückte Schwarze im amerikanischen Süden oder russische Juden in der jungen Sowjetunion waren. Damit einher ging Rosenwalds kollegiale Herangehensweise, die ihn als Unternehmer und Philanthrop geprägt hat. Formte er bei Sears ein effektives und integriertes Team um sich, so war er auch als Philanthrop stets um Zusammenarbeit mit anderen Stiftern bemüht. Daher wurden sogenannte «challenge grants», bei denen er seine Donation an Spenden anderer knüpfte, sein bevorzugtes Instrument. Dies gilt sogar für das monumentale Museum for Science and Industry in Chicago, das als grösste einzelne Leistung des Philanthropen Rosenwald gilt.

Und heute?

Worin liegt Rosenwalds Vermächtnis für unsere Tage? Was seine Sorge um die Sears-Beschäftigten angeht, so hebt sich Rosenwald deutlich von Konzernchefs wie Kenneth Lay von Enron ab, der nicht im Traum daran gedacht hätte, sein eigenes Vermögen für seine Angestellten einzusetzen. Viele Unternehmensführer unserer Tage sind mehr an ihren Boni und goldenen Fallschirmen interessiert als am Wohl der Angestellten.
Auch als Philanthrop bleibt Rosenwald bedeutsam. Er unterstützte Projekte nicht, weil diese risikofrei oder populär waren, sondern weil er an sie glaubte. Darin scheinen ihm heutige Philanthropen wie George Soros zu gleichen. Zudem neigen Stifter derzeit immer mehr dazu, ihr Geld zu Lebzeiten auszugeben, um dessen Wirkung mitverfolgen zu können, statt Institutionen zu etablieren, die ihre Namen bis in alle Ewigkeiten fortleben lassen.
Dass jeder sein eigenes Geld spendet, ist ein Konzept, dass Unterschiede zwischen Generationen deutlich macht. So müssen sich jüngere Leute nicht von Vorgaben ihrer Eltern und Grosseltern behindert fühlen, indem sie Projekte unterstützen, zu denen sie keine persönliche Beziehung haben. Diese Flexibilität dürfte die Spendenfreudigkeit nachwachsender Generationen beflügeln. Aber selbstverständlich setzt die Stiftung eines Vermögens zu Lebzeiten voraus, dass der Stifter über die dazu benötigte Zeit, Weisheit und Neigung verfügt. Einer der liebsten Aphorismen Julius Rosenwalds lautete, es sei wesentlich schwieriger, Geld weise auszugeben, als es zu verdienen. So können wir hoffen, dass Rosenwalds Beispiel heute junge Menschen mit Vermögen anregt, ihr Geld in Zwecke zu investieren, die ihnen am Herzen liegen. Darin liegt der Wert, den das Leben und die Ideen Julius Rosenwalds heute für uns besitzen.    ●


Auf unserer www.aufbau.eu finden Sie einen Artikel mit Interview über die philantropischen Aktivitäten der Nachkommen von
Julius Rosenwald.

Der Historiker Peter M. Ascoli hat an der Utah State University unterrichtet und ist Mitglied der Fakultät am Spertus College in Chicago. Ascoli war Entwicklungsdirektor des Chicago Opera Theater und der Steppenwolf Theater Company. Er lebt in Chicago und ist ein Enkel Julius Rosenwalds, über den er die grundlegende Biografie «Julius Rosenwald. The Man Who Built Sears, Roebuck and Advanced the Cause of Black Education in the American South» (Indiana University Press, 2006) veröffentlicht hat.


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