logo
November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 11 Ausgabe: Nr. 11 » November 5, 2010

«Die Freiheit unterstützen»

Von Katja Behling, November 5, 2010
Viele jüdische Zeitungs- und Buchverleger stellten ihre Kraft und ihr Vermögen in den Dienst demokratischer Ziele und des Gemeinwohls. Sie förderten revolutionäre Autoren, liberale Presseorgane und Kulturprojekte.
SAMUEL FISCHER Der Herausgeber förderte literarische Stoffe und vielversprechende Autoren, welche die Köpfe in Bewegung brachten

Auf der Terrasse der Berliner Grunewald-Villa des Verlegerpatriarchen Samuel Fischer trafen sich einst Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann, Hermann Hesse und Thomas Mann zu Kaffee, Zigarren – und guten Gesprächen. Fischer war Verleger, Freund und Förderer vieler grosser Erzähler. Er baute sie auf, gab ihren Büchern, ihren Weltanschauungen eine Plattform. Der Grossverleger hatte sich seinen Erfolg und Einfluss hart erkämpfen müssen. «Frühzeitig war ich durch Umgebung und Verhältnisse darauf angewiesen, den Aufstieg in eine höhere soziale Existenz als Ziel der Arbeit anzusehen. Da war ich, nur mit diesem Ziel im Auge, ein ganz vom Erwerb besessener Mensch. Nach und nach wurde es heller in mir», sagte Fischer im Rückblick auf die Anfänge seiner Karriere. Von dieser inneren Öffnung – und dem «Erwerb», zu dem Fischer es brachte – sollte die Literatur, sollten Autoren und die deutsche Kulturlandschaft auf vielerlei Weise profitieren.

Vom Stetl nach Berlin

Samuel Fischer wurde 1859 in einer damals österreichisch-ungarischen Kleinstadt als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. Nur eines hatte es für Samuel «Sami» Fischer als Kind im Überfluss gegeben: Bücher – Lesestoff aus der städtischen Leihbibliothek. In Wien zum Buchhändler ausgebildet, gründete er 1886 in Berlin sein Verlagshaus. Es gelang ihm in wenigen Jahren, in der dynamischsten Metropole Europas, einer der einflussreichsten Verleger zu werden. Schon bald galt sein Unternehmen als das Hauptquartier des literarischen Naturalismus und der Klassischen Moderne. Mit dem ihm eigenen Sensorium für Mentalitätsströme entdeckte, beziehungsweise förderte Fischer literarische Stoffe und vielversprechende Autoren, welche die Köpfe in Bewegung brachten. Zu den Erfolgsschriftstellern des Hauses gehörten Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Hermann Bahr, Hugo von Hofmannsthal, Thomas Mann sowie Walter Rathenau, der bei S. Fischer viel beachtete politische Schriften wie «Von kommenden Dingen» veröffentlichte.
Auf diese Weise stellte Fischer wichtige Weichen. Seine Autoren, so heisst es in Barbara Hoffmeisters Biografie über den Verleger, sahen aus «wie Burschenschaftler, doch sie waren von der Zensur und vom Sozialistengesetz gehemmte Revolutionäre. Als solche publizierten sie bei Fischer. Und weil der Büchermann an die geistig-erzieherische Wirkung von Literatur glaubte sowie deren unternehmerische Chancen witterte, liess er die Druckmaschinen rotieren und unterstützte die Massenverbreitung zeitgenössischer Romane mittels moderater Preispolitik: ein Exemplar, gebunden, kostete eine Mark.» Fischer machte das anspruchsvolle Buch erschwinglich und so einer breiten Öffentlichkeit zugänglich. Diese Mischung aus Anspruch und Masse, aus Geist und Sprachgewalt, aus Weltliteratur und aufklärerischem Geist erwies sich als sehr erfolgreich.

Kampf für die demokratische Moderne

Auch der Verleger Leopold Sonnemann stellte, wenn auch auf anderen Wegen als Samuel Fischer, die Früchte seiner Arbeit in den Dienst einer Mission. Durch sein vielfältiges Wirken prägte der jüdische Zeitungsgründer, Bankier und Politiker die Entwicklung Frankfurts zur modernen Grossstadt. Sonnemann war der Gründer und führende Kopf der über die Grenzen Deutschlands hinaus angesehenen «Frankfurter Zeitung» und einflussreicher Vertreter des Sozialliberalismus. Nicht nur als Verleger seines so erfolgreichen Blattes kämpfte der Publizist für eine demokratische Moderne. Er engagierte sich stets dort, «wo ich die Sache der Freiheit unterstützen kann».
Sonnemann, 1831 als Sohn eines Baumwollwebers und Händlers geboren, war mit Bank- und Börsengeschäften reich geworden. Sein Vermögen bildete die Grundlage der Zeitung und seiner politischen Tätigkeit. Seinen Durchbruch aber hatte er seinem Pech als Spekulant mit Wertpapieren zu verdanken: Im Zuge seiner Transaktionen war Sonnemann anfangs mehr als einmal übervorteilt worden. Einmal schrieb er einen Artikel über einen Streit mit einer Emissions-Bank, aber keine Zeitung wollte den Text drucken. Um die gleiche Zeit wollte ein anderer junger Bankier, Heinrich Bernhard Rosenthal, seinen handschriftlich verbreiteten Börsenberichten mehr Aufmerksamkeit verschaffen – so beschlossen die beiden 1856, gemeinsam ein Finanzblatt zu gründen. Das Blatt hatte sofort Erfolg. Da Sonnemann zugleich in der sozialliberalen Bewegung politisch engagiert und Mitbegründer der Deutschen Volkspartei war, entwickelte sich die Finanzzeitung mehr und mehr zu einem politischen Organ und firmierte als «Frankfurter Zeitung und Handelsblatt». 1869 gab Sonnemann die Bankgeschäfte auf und konzentrierte sich auf seine Aufgaben als Verleger und Abgeordneter. Und als Förderer: Sonnemann gilt als einer der bedeutendsten Mäzene der Mainmetropole, ohne den es Alte Oper, Palmengarten oder Frankfurter Hof nicht geben würde.

«Der Republik dienen»

Auch Rudolf Mosse und die Familie Ullstein verliehen der Demokratie in turbulenten Zeiten eine Stimme. Mosse war einer der bedeutendsten Berliner Zeitungsverleger im ausgehenden Kaiserreich. Vom Annoncen-Akquisiteur für die Illustrierte «Gartenlaube» war er zum Berliner Pressezaren aufgestiegen. Der jüdische Intellektuelle unterhielt vielerlei Beziehungen zu den linksliberalen Kreisen Berlins und galt noch in den Jahren der Weimarer Republik als einer der führenden Köpfe der Berliner Presse. Das liberale «Berliner Tageblatt» aus dem Mosse-Verlag war hoch angesehen. Desgleichen zählte die «Vossische Zeitung» aus dem Hause Ullstein in der Weimarer Republik zu den Intelligenzblättern des Landes. Ab 1934 konnte sie nicht mehr erscheinen: Die vier Brüder Ullstein, die seinerzeit den Verlag führten, wollten nicht abwarten und zusehen, wie sie von den Nazis zur Aufgabe gezwungen würden, sondern selbst den Schlusspunkt setzen.
Ihre Marktführerschaft hatte die «Vossische Zeitung», deren Anfänge bis in das 17. Jahrhundert zurückgingen, zu dem Zeitpunkt längst verloren, sie war aber ein renommiertes Blatt geblieben. Der Verlag machte mit anderen Publikationen Gewinne und bezuschusste damit die vom liberalen Bürgertum viel gelesene «Vossische Zeitung» – «unser Beitrag, der Republik zu dienen», formulierte es ein Enkel des Verlagsgründers nach seiner Rückkehr aus dem Exil einmal. Hermann, der jüngste der fünf Ullstein-Brüder, bezifferte  in seinen Erinnerungen das Defizit auf jährlich zwei Millionen Mark. Das Blatt habe «für seine Ideal gekämpft, solange es möglich war. Was es auch immer kosten mochte.»

Presse im Exil

Obwohl in den frühen Dreissigerjahren in Europa diverse Exil-Verlage gegründet wurden, zwang der rasant wachsende Aktionsradius der Faschisten während der Kriegsjahre Exilpresse und Autoren dazu, in weiter entfernte Gefilde zu fliehen, etwa in die Vereinigten Staaten oder nach Mexiko. Viele der von den Exil-Verlegern in den USA publizierten Titel etwa stammen aus der Feder von Verfolgten: Jüdische Schriftsteller, Marxisten, Pazifisten, Internationalisten und andere Unerwünschte, die der Nazi-Doktrin nicht entsprachen. Die New Yorker Ausstellung «Publishers in Exile» widmete sich im vergangenen Jahr dem Wirken jener Verleger, die zwischen 1940 und 1950 in den USA deutschsprachige literarische Texte publizierten und ihren Verfassern Gehör verschafften. Zu den prominentesten Exil-Verlegern gehörten Gottfried Bermann Fischer vom Fischer Verlag in Berlin, Fritz H. Landshoff vom Querido-Verlag in Amsterdam sowie Wieland Herzfelde, der mit dem Aurora-Verlag eine Lanze für den Sozialismus im US-Verlagswesen brach.
Etliche weitere jüdische Publizisten stellten sich und ihr Werk in den Dienst der Demokratie. Das Jüdische Museum Berlin erinnert in seiner Dauerausstellung an einige von ihnen. Eine dortige Porträtgalerie zeigt neben Leopold Sonnemann und Leopold Ullstein etwa Maximilian Harden, den Herausgeber von «Die Zukunft», Georg Bernhard, Egon Jameson und Moritz Goldstein von der «Vossischen Zeitung», Ernst Feder vom «Berliner Tageblatt», Siegfried Jacobsohn von der «Weltbühne», Willy Haas, den Herausgeber der «Literarischen Welt»», Julis Rodenberg, der die «Deutsche Rundschau» edierte, sowie Theodor Wolff, den legendären Chefredakteur des «Berliner Tageblatts».  

Kulturpolitische Agitatoren

Ein Verlag ist einerseits eine geistige Tribüne, andererseits ein Unternehmen. Verleger wie Samuel Fischer fungierten als Sprachrohr für einflussreiche Intellektuelle und deren Ideen. Ihre diesbezüglichen Möglichkeiten erweitern sich mit ihren geschäftlichen Erfolgen, wie die Beispiele «Vossische Zeitung» und «Frankfurter Zeitung» stellvertretend zeigen.
Verleger wie Ullstein und Sonnemann waren erfolgreiche Unternehmer und Integrationsfiguren, die in Zeiten nationaler beziehungsweise politischer Spannungen nicht an unüberwindliche Gegensätze zwischen gesellschaftlichen Gruppen glaubten, sondern diese überwinden wollten. Ihre Verlagsprogramme, aber eben auch ihr finanzielles Engagement, sind Abbild ihrer persönlichen Geisteshaltung wie auch des Stilpluralismus, der die intellektuelle Welt in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende charakterisierte. Die Verleger verstanden sich als Unternehmer, Förderer und Agitatoren mit kulturpolitischem Anspruch. Herkunft, Lebensweg und wirtschaftlicher Erfolg vermochten es, aus aufgeschlossenen jüdischen Persönlichkeiten grenzüberschreitende Vermittler zu machen.    ●


Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.


» zurück zur Auswahl