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5. November 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 44 Ausgabe: Nr. 44 » November 5, 2010

Kreuz mit dem Kreuz

Editorial von Gisela Blau, November 5, 2010

Öffentlichkeit. Das Wort «Leitkultur» geistert wieder durch die westliche Welt. Gemeint ist damit das Christentum als Mehrheitsbekenntnis, doch dahinter verbirgt sich die tiefe Verunsicherung eines Teils der Mehrheitsgesellschaft. Statt toleranten Selbstbewusstseins herrscht irrationale Angst vor Zugewanderten mit anderer Religion, wird emsig versucht, es allen recht zu machen.
Eine Mehrheit, die es verpasst hat, mit Nachdruck ihre demokratischen Regeln einzufordern und die Bildung von Parallelgesellschaften zu verhindern, wehrt sich nun mit untauglichen Mitteln.



Kruzifix. Aus vergangenen Jahrhunderten stammt der Brauch, in öffentlichen Räumen Kruzifixe aufzuhängen. Vor 15 Jahren erging in Bayern das sogenannte Kruzifix-Urteil, wonach in Schulzimmern dieses überlieferte Symbol zu entfernen sei. Eine Münchner Zeitung fragte einen in München lehrenden jüdischen Historiker, ob er sich als Schulkind durch das Kruzifix diskriminiert gefühlt habe. Im Gegenteil, antwortete der Professor, er habe sich gefreut, im Schulzimmer nicht der einzige Jude zu sein.

Vorstösse. Vereinzelte Freidenker in der Schweiz kämpfen gegenwärtig gegen das Kruzifix im Schulzimmer. Eine ganze TV-«Arena» wurde diesem emotionalen Thema gewidmet. Das Bundesgericht sprach sich gegen Kreuze im Schulbereich aus. Vor genau einem Jahr untersagte sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte dem traditionell katholischen Italien diese Symbole in Schulen. Politiker klammern sich allerdings an das Christentum als schweizerische «Leitkultur». Vor einem Jahr kündigte die Evangelische Volkspartei (EVP) an, sie wolle dieses Prinzip in der Verfassung verankert sehen. Die kleine Partei wählte nun den einfacheren parlamentarischen Weg. Der Berner EVP-Nationalrat Walter Donzé hinterliess der Grossen Kammer und seiner Nachfolgerin vor seinem Rücktritt in der Junisession dieses Jahres eine parlamentarische Initiative, in der er verlangt, dass Verfassung und Gesetz so zu ändern seien,  «dass bewährte christliche und freiheitliche Werte in einer sich wandelnden Gesellschaft nachhaltig geschützt, unsere Rechtsordnung respektiert und der Religionsfriede gewährleistet werde». Der Vorstoss umfasst gleich mehrere Themen. Es wird interessant sein, wie und wann die zuständige Kommission entscheidet.

Minderheiten. In einer Demokratie müssen die Minderheiten die Mehrheitsregeln respektieren und akzeptieren. Das heisst nicht, dass es Kruzifixe in Schulzimmern brauchen würde. Die Schule bleibt besser neutral, und sie ist es auch längst, wenigstens in den meisten Kantonen. Diese Neutralität ist kein Kniefall vor den tatsächlichen Mehrheitsverhältnissen in zahlreichen Schweizer Schulhäusern. Aber die Schule ist ein wesentlicher Faktor bei der Integration fremder Kulturen. Nicht die Kinder sind das Problem, sondern einzelne Eltern. Und diese werden weder mit noch ohne Kruzifixe von ihrer notwendigen Mitarbeit überzeugt. Dieser Prozess ist schwierig und braucht Zeit. Nicht einmal die unnötige Festschreibung einer «Leitkultur» in der Verfassung wird ihn beschleunigen. 



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