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29. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 29, 2010

Vom Archiv zur Geschichte

Von Fabio Luks, October 29, 2010
Zehn Meter Archivbestand der Israelitischen Gemeinde Biel, die heute im Stadtarchiv gelagert werden, warten auf ihre Auswertung.
WERTVOLLES ARCHIVMATERIAL Zehn Meter unerforschte Geschichte der Juden in Biel

Im Jahre 1848 etablierten sich jüdische Familien, welche aus dem Elsass zugewandert waren, in Biel und beschlossen, samstags gemeinsam zu beten. Zehn Jahre später, am 27. Oktober 1858, gab die bernische Kantonsregierung den Bieler Juden die Erlaubnis, den Gottesdienst zu zelebrieren. Dieses Datum markiert denn auch den offiziellen Anfang der Israelitischen Gemeinde Biel. Die in diesen drei einleitenden Sätzen enthaltenen Informationen sind Teil des Archivmaterials, welches 2008 vom Dachboden der Synagoge Biel und dem Gemeindezentrum ins Stadtarchiv transferiert wurde. Dieses Material ist konkret ein zehn Meter langer Archivbestand, der, entsprechend den Konservierungsverfahren auf lange Zeit, in Kartonkisten im Stadtarchiv Biel aufbewahrt wird. 2006 fand der erste Kontakt mit der Leiterin des Stadtarchivs Biel Chantal Greder statt, im März dieses Jahres wurde die Depotvereinbarung unterzeichnet.



Basler Vorbild

Mit der Überführung des Archivbestands ins Stadtarchiv haben die Bieler Gemeindemitglieder innerhalb der jüdischen Gemeinden der Schweiz keinesfalls Pionierarbeit geleistet. So befindet sich zum Beispiel das Archiv der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB) in den Archiven des Kantons Basel-Stadt. Das historische Archiv des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds befindet sich im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich, das unter anderem auch die Bestände jüdischer Fürsorge und Frauenvereine beinhaltet.

Klassifikation und Inventarisierung

Delphine Friedmann, Spezialistin in Fragen rund um das Archiv, hat den Bieler Bestand eingeteilt und inventarisiert. Die Klassifizierung, die in Biel nach dem Vorbild der IGB durchgeführt wurde, sowie die Beschreibung des Archivs sind Aufgaben, welche minutiöses und präzises Arbeiten verlangen und darüber hinaus Geduld und Zeit benötigen. Im Unterschied zum Historiker analysiert oder interpretiert der Archivar den Archivbestand nicht, er versucht vielmehr, durch Klassifikation und Inventarisierung die Recherche zu erleichtern. All jene, die dereinst in den Dokumenten der Bieler Gemeinde forschen möchten, werden auf Folgendes aufmerksam gemacht: der Archivbestand ist nicht komplett. Einerseits sind wahrscheinlich Bestände der Gemeinde Biel verloren gegangen und anderseits befinden sich womöglich auch noch Archive in Privatbesitz. Die Israelitische Gemeinde Biel hofft, dass sich der Archivbestand mit der Zeit vergrössern und vervollständigen wird.

Historiker gesucht

Die Bieler Gemeindemitglieder haben, indem sie den Archivbestand zusammentrugen und bei seiner Erfassung mithalfen, eine enorme Arbeit geleistet. Ein zentraler Gedanke war dabei, dass das Archiv eine Brücke zwischen ihnen und späteren Generationen ermöglichen werde. In der Bieler Gemeinde hofft man nun auf einen Historiker oder eine Historikerin, der sich daran machen wird, die Geschichten der Israelitischen Gemeinde Biel, welche in den Dokumenten des Archivs schlummern, ans Licht zu bringen. Dies wäre eine schöne Belohnung für die Gemeindemitglieder, die sich für die Bewahrung
ihres Erbes engagiert haben.    



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