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29. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 29, 2010

Frau Dr. med. Tucholsky

Von Katja Behling, October 29, 2010
Else Weil, Vorbild für eine Figur im Erstlingswerk ihres späteren Ehemannes Kurt Tucholsky, war eine der ersten Medizinstudentinnen in Preussen. 1942 deportiert, wurde sie in Auschwitz ermordet. Eine Ausstellung im Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum Rheinsberg dokumentiert ab Mitte November die Lebensgeschichte der jüdischen Ärztin und Schriftstellergattin.
ELSE WEIL Tucholskys Geliebte und Ehefrau war eine emanzipierte
jüdische Ärztin

Im märkischen Provinzstädtchen Rheinsberg bei Berlin verbrachten der 21-jährige Kurt Tucholsky und seine 22-jährige Freundin Else Weil im Spätsommer 1911 ein romantisches Wochenende. Friedrich der Grosse hatte zeitweilig in Rheinsberg gelebt; durch ihn sowie Theodor Fontanes literarische «Wanderungen durch die Mark Brandenburg» war die idyllische Gegend bereits Ende des 19. Jahrhunderts zu Berühmtheit gelangt. Kurt Tucholsky liess sich vom verstohlenen Techtelmechtel mit seiner Angebeteten zu seiner Erzählung «Rheinsberg. Ein Bilderbuch für Verliebte» inspirieren und setzte der Studentin so ein literarisches Denkmal. Die 1912 erschienene Erzählung machte den aufstrebenden Schriftsteller auf Anhieb
berühmt. Der Tonfall dieser kleinen Liebesgeschichte war neu im wilhelminischen Deutschland und sprach mit seiner Libertinage einer neuen Lesergeneration aus dem Herzen: Da turtelte und plänkelte ein junges Paar, das weder verheiratet noch verlobt war.



Ein modernes Paar

Tucholsky taufte seine Geliebte Else «Claire Pimbusch». Diesen Namen für die weibliche Hauptfigur seiner Erzählung hatte der Jungautor dem 1900 erschienenen Roman «Im Schlaraffenland – ein Roman unter feinen Leuten» des von ihm verehrten Heinrich Mann entliehen. Ein heikles Unterfangen, denn in Manns Buch ist die Figur Claire Pimbusch die so lüsterne wie umnebelte Frau eines Branntweinfabrikanten, «das verkörperte Laster» im besagten Paradies. Sinnenfroh, doch nicht eben hübsch. Die andere, die «wirkliche» Claire aber, Else Weil, eine anziehende Frau, besass offenbar genug Gelassenheit, Humor und Selbstbewusstsein, um sich mit ihrem fiktiven Alter Ego, das der Ironiker Tucholsky ihr zuzuweisen beliebt hatte, zu arrangieren. Auch Freunde nannten Else Weil liebevoll «Claire Pimbusch», so Sunhild Pflug in ihrer Else-Weil-Biografie. Und Kurt Tucholsky stellte seine Gefährtin unter diesem Namen Bekannten vor, die den Roman von Heinrich Mann gekannt haben dürften – und sich so vielleicht ihren Reim auf die Beziehung machen konnten oder sollten: ein modernes Paar.   

Emanzipiertes «Fräulein Doktor»

Else Weil war eine, so sagte es einmal die Schriftstellerin Gabriele Tergit, sehr gewinnende Persönlichkeit. Ei-ne «bezaubernde» Frau, attraktiv, gebildet und sehr fortschrittlich: Als eine der ersten Medizinstudentinnen in Preussen verkörperte sie ein völlig neues weibliches Rollenbild. Else Weil war der Inbegriff einer modernen «neuen Frau» der Weimarer Republik. 
Geboren wurde sie 1889 in Berlin. Die älteste Tochter des Kaufmanns Siegmund und der Lehrerin Franziska Weil wuchs in einem liberal gesinnten Elternhaus assimilierter Juden auf. Nach der schulischen Ausbildung auf einer höheren Töchterschule immatrikulierte sie sich 1910 an der Königlichen Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin. Zunächst belegte sie das Fach  Philosophie. Im Herbst 1911, kurz nach der Rheinsberg-Liebelei mit Tucholsky, wechselte Else Weil zur Medizinischen Fakultät. 1916 bestand sie mit Mitte zwanzig das medizinische Staatsexamen. Im Jahr 1917 gehörte Else Weil zu jenen 90 Frauen, die in Deutschland approbiert wurden und zu den knapp 800 Frauen überhaupt, die sich bis 1918 in Deutschland für den Beruf der Ärztin qualifiziert hatten.
Im letzten Kriegsjahr krönte der medizinische Doktorgrad, 1918 verliehen für eine Dissertation zum Thema «Ein Beitrag zur Kasuistik des induzierten Irreseins», die für eine junge Frau ihrer Zeit ungewöhnliche Karriere. Else Weils Doktorvater war der bekannte Nervenarzt Karl Bonhoeffer, Vater des späteren Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer. 
Nach einer Tätigkeit in der Frauenklinik des Krankenhauses Charité – damals das führende Hospital des Landes – arbeitete «Fräulein Doktor» 1919 bis 1933 als niedergelassene Ärztin in Berlin. Sie war eine engagierte Medizinerin. In zwei Artikeln der Zeitschrift «Die Weltbühne» setzte sie sich mit den sozialen Problemen ihres Arbeitsalltags auseinander und veröffentlichte auch einige medizinische Artikel, heisst es in dem Buch «Ärztinnen aus dem Kaiserreich».

Ein kurzes Eheglück

Bald nach der Rheinsberger Affäre beendete Tucholsky die Beziehung mit Else Weil. Er verlobte sich mit Kitty Frankfurter, verliebte sich im Ersten Weltkrieg aber in die Hilfsdienstfreiwillige Mary Gerold aus Riga. Er löste sodann die Verlobung mit Kitty, holte Mary nach Berlin, trennte sich jedoch von ihr – und entschied sich für Else Weil, zu der er den Kontakt über die Jahre nie ganz aufgegeben hatte. So war er es auch gewesen, der Else während der grossen Versorgungskrise im Kriegswinter 1916/17 mit Lebensmitteln ausgeholfen hatte – als Kompanieschreiber war er besser mit Naturalien versorgt als sie. Else Weil, die die Kriegsjahre in Berlin verbrachte, war als junge Ärztin 1917 bis 1920 stark belastet. Und auch der Kriegsheimkehrer Tucholsky stürzte sich in jenen Jahren in die Arbeit. Er übernahm die Redaktion von «Ulk», der satirischen Wochenbeilage des «Berliner Tageblatts» und der «Berliner Volkszeitung». Zudem schrieb er für die «Weltbühne» und engagierte sich politisch. Arbeitseifer und Engagement war beiden Partnern ein hohes Gut – möglicherweise spielten gerade diese gemeinsamen Werte eine wichtige Rolle bei der Wiederannäherung des einstigen Liebespärchens aus Rheinsberg. Sie beschlossen zu heiraten. Die Ehe zwischen Dr. iur. Kurt Tucholsky und Dr. med.
Else Weil-Tucholsky, so annonciert am 9. Mai 1920 im «Berliner Tageblatt», hielt jedoch keine vier Jahre.


Von der Ärztin zur Kinderfrau

Erst wenige Wochen vor der Hochzeit mit Else hatte Tucholsky sich von der Baltin Mary Gerold losgesagt – doch innerlich nicht von ihr gelöst. 1923 zog er aus der ehelichen  Wohnung aus und trennte sich von Else. 1924 wurde die Scheidung rechtskräftig. Tucholsky wandte sich wieder Mary zu, die seine zweite Ehefrau wurde.
Die alleinstehende Else schlug sich als Ärztin mit eigener Praxis durch. Schon 1920 hatte sie in einem Artikel in der «Weltbühne» die viel zu geringen Honorare für Kassenärzte kritisiert. Neben ihrer praktischen Erwerbsarbeit hielt sie sich wissenschaftlich auf dem Laufenden, stand in regem Austausch mit Fachkollegen und war am Krankenhaus tätig. Trotz ihres Fleisses reichten die Einkünfte aber kaum zum Leben. Nach der Scheidung stritt sie, wie ihre Biografin schreibt, mit Tucholsky um Unterhalt, und in den Jahren nach der Weltwirtschaftskrise 1923, als die darbende Bevölkerung den Pfennig zweimal umdrehte und sich nur wenige ärztliche Dienste und Medikamente noch leisten konnten, musste die hochqualifizierte Akademikerin als Schreibkraft hinzuverdienen, um über die Runden zu kommen. 
Die Katastrophe nahte mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten im Januar 1933. Ende März rief die NSDAP die Bevölkerung zum «Juden-Boykott» auf. Im Dezember entzogen die Nazis der jüdischen Medizinerin die ärztliche Approbation. Ab 1934 übte Else Weil keine ärztliche Tätigkeit mehr aus. Sie musste ihre Stadtwohnung aufgeben und fand Anstellung als Kinderfrau, blieb aber vorerst in Berlin. 

Flucht nach Frankreich

Im Oktober 1938 emigrierte Else Weil, wohl auch auf inständiges Drängen von Freunden, nach Frankreich. Sie kam bei Bekannten in Paris unter. Dort lernte sie Friedrich Epstein kennen, ebenfalls Flüchtling. Der Chemiker versuchte, vertriebenen Wissenschaftlern Arbeitsmöglichkeiten zu verschaffen. Mit Epstein erlebte Else Weil noch einmal eine relativ unbeschwerte Zeit in Paris. 
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veränderte die ohnehin schwierige Situation für Flüchtlinge dramatisch. Im September 1939 wurden Else und ihr Freund Epstein kurzzeitig interniert. 1940 setzte eine Flüchtlingsbewegung vom besetzten Norden Richtung Süden ein. Else Weil wurde wieder interniert, diesmal im Lager Gurs in den Pyrenäen. Sie arbeitete dort freiwillig als Ärztin. Wieder auf freiem Fuss, zog sie zu Friedrich Epstein in ein Haus nahe Sanary, wo etliche emigrierte deutschsprachige Schriftsteller zusammenkamen und die heute so berühmte «Exilanten-Kolonie» bildeten.
Anfang der vierziger Jahre verliert sich die Spur von Else Weil. Sie und Friedrich Epstein schmiedeten gerade Hochzeitspläne und planten ihre Ausreise nach Amerika, als sich die Lage 1942 abermals verschärfte. Die Vichy-Regierung führte nun Razzien durch, um Juden aufzuspüren und zu deportieren. Im Spätsommer 1942 wurde Else Weil als staatenlose Jüdin ohne Ausweispapiere festgenommen und per Zug aus Frankreich ins KZ verschleppt. Am 11. September 1942, so die Biografin Sunhild Pflug, wurde Else Weil unmittelbar nach der Ankunft des Transports in Auschwitz vergast.

Nachruhm als «Claire»

Als «Claire» aus der längst auch verfilmten Rheinsberg-Episode ist Else Weil unsterblich geworden. Dabei hatte sich Tucholsky selbst kaum Illusionen über das Schicksal seiner Sommererzählung gemacht. Dies lässt sich aus dem 1921 verfassten lapidaren Nachwort für eine Neuauflage des Bändchens schliessen: Wenn «im Jahr 1985 ein neugieriger und verliebter Herr» im Bücherschrank seiner Grossmutter auf das Buch stossen und die Grossmutter, in seliger Erinnerung lächelnd, es dem Enkel überlassen werde, damit er es seiner Herzensdame schenke, dann werde diese junge Dame flüchtig darin blättern, «mit den Achseln zucken und sagen: ‹Reizend!›». Tucholsky hielt sein Werk für vergänglich. Denn weil «die Zeit läuft und sich das, was zwischen den Zeilen eines Buches ausgedrückt ist, niemals länger als 50 Jahre hält und mit den Menschen, von denen es und für die es
geschrieben ist, dahingeht». Tucholsky irrte sich. Seine kleine Geschichte hat überlebt – sogar schon gut 100 Jahre. Aus Anlass des 75. Todestags von Kurt Tucholsky präsentiert das Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum Rheinsberg ab 13. November und bis 13. Februar 2011 eine Ausstellung über Else Weil, die einstige Frau Tucholsky («Else Weil. Fragmente einer deutsch-jüdischen Biografie»).  Die Darstellung der Lebensgeschichte dieser ungewöhnlichen Frau verbindet literarische und biografische Aspekte. Überdies steht das Schicksal Else Weils für eine Facette jüdischer Emanzipationsgeschichte und die Verfolgung von Juden in der NS-Zeit.   



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