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29. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 43 Ausgabe: Nr. 43 » October 29, 2010

Die Juden halten die Welt in Bewegung

Fabio Luks, October 29, 2010
Hunderte von Menschen strömten zu den Vorträgen und Schiurim von Adin Steinsaltz. In Zürich präsentierte dieser erstmals den soeben zu Ende übersetzten und kommentierten Babylonischen Talmud.

Wo die Kinder seien, wollte Adin Steinsaltz wissen. Wenn er das nächste Mal im Gemeindesaal der ICZ auftrete, müssten die Alten, welche die Vergangenheit repräsentieren, unbedingt ihre Kinder mitbringen, da diese die Zukunft verkörpern. Als Zweites wies er darauf hin, dass er sich auf Bildern, wie jenen, welche Beni Gesundheit zuvor in seiner Einführung projiziert hatte, nicht gerne sähe. Mit zehn Jahren sei er ein hübscher Bub gewesen, wovon aber heute nicht viel übrig geblieben wäre. Zudem möge er seine Stimme nicht, insbesondere, wenn sie über den Lautsprecher erklinge. Adin Steinsaltz ist ein Gelehrter wie aus dem Bilderbuch: Ohne grosses Aufheben um seine Person fühlt er sich wahrscheinlich am wohlsten hinter dem Talmud oder im Kreise seiner Schüler. «Ein Gelehrter, wie es ihn nur einmal alle 1000 Jahre gibt», schrieb die «Time» im Jahr 1988 - demselben Jahr, in welchem 84 Prozent der Israeli angaben, noch nie im Talmud gelesen zu haben.



Notwendigkeit des Talmuds

Im nachmittäglichen Schiur, indem es um Verpflichtungen und Wohltätigkeit (Tsedaka) ging (Masechet Tanit 8a und 8b), betonte Adin Steinsaltz bereits die immense Wichtigkeit des Talmuds: «Eine jüdische Gemeinde ohne Talmud ist wie ein Körper, dem ein lebenswichtiges Organ fehlt. Der Körper kann sich noch einige Zeit am Leben halten, wird aber sicherlich sterben, analog die jüdische Gemeinde, welche ohne Talmudstudium ihrer Gemeindemitglieder untergeht.» Viele Gemeinden seien nicht aufgrund von Antisemitismus oder Zerstörung verschwunden, sonder wegen dem Fehlen des Talmudstudiums. Der Talmud in der Bibliothek nützt niemandem, er muss studiert werden.

Kontinuität im Judentum

In einem völlig überfüllten Saal begrüsste der ICZ-Co-Präsident, André Bollag, die Gäste und erfreute sich darüber, dass der neue ICZ-Saal mit dieser ersten Veranstaltung im Rahmen eines Schiurs und Vortrags von Adin Steinsaltz nach der Renovation eingeweiht werden könne.
Beni Gesundheit führte den Referenten mit einer eindrücklichen Präsentation über Leben und Werk von Steinsaltz ein und vermittelte anhand von Beispielen und Ausführungen die Bedeutung von Steinsaltz für das jüdische Lernen und die Öffnung des Talmuds (vgl. tachles 41/10) .
Adin Steinsaltz sprach am Abend zum Thema «Jüdische Kontinuität - warum?». Kontinuität ist, nach Steinsaltz, mit einer Idee verbunden und nicht mit leeren Worten. Jedes Individuum müsse dabei, im Sinne des Kollektivs, an der Kontinuität mitarbeiten. Konkret hiesse dies, mit gutem Beispiel vorangehen und Inhalte übermitteln. «Die Kontinuität beginnt hier», machte Steinsaltz seinem Publikum klar, welches aufmerksam an seinen Lippen hing. Wenn man bis jetzt Aleph gelernt habe, müsse man daran gehen nun auch Beth zu lernen. Es sei nie zu spät mit dem Studium anzufangen, da man grundsätzlich damit rechnen müsse 120 Jahre alt zu werden. Wer, wie er, 73 Jahre alt sei, könne also damit rechnen noch eine ganze Karriere vor sich zu haben.

Immer am Produzieren

Ein weiterer zentraler Punkt des Vortrags von Steinsaltz ist das Hervorheben der Einzigartigkeit des Judentums. Das Judentum sei wie ein radioaktives Element, da es ständig am Produzieren sei. Man denke nur an Freud, Marx und Einstein, oder an Hollywood. So könne mit Entschiedenheit gesagt werden, dass nicht die Liebe, sondern die Juden die Welt in Bewegung halten. Wo die Juden hingegen ihre Produktionsstätten ansiedeln und wohnen sollten, weiss Adin Steinsaltz nicht zu beantworten. Früher hätte er gesagt in Israel, heute vielleicht in der Antarktis, wobei es auch dort unliebsame Nachbarn gäbe. Der beste Ort für die Juden, so Steinsaltz zum Schluss, wäre vermutlich der Mond. Tags darauf besuchte Steinsaltz die jüdische Schule Noam und empfing Mitglieder der Schomre Thora Basel für einen Schiur in Zürich.



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