Diasporajuden wollen mitreden
Eine Abkehr von der bisher vorherrschenden Haltung von Diaspora-Juden, politische Beschlüsse rund um Israel und den Nahen Osten den Entscheidungsträgern in Jerusalem zu überlassen, machte sich letzte Woche an der zweitägigen Konferenz des 2003 als unabhängiger Thinktank gegründeten Jewish People Policy Planning Institute (JPPPI) in Jerusalem vor allem unter US-Juden bemerkbar. Zu seinen alljährlich in der israelischen Hauptstadt abgehaltenen Konferenzen lädt das JPPPI immer Akademiker, Diplomaten und Journalisten ein und diskutiert Themen, die das jüdische Volk in Israel und in der ganzen Welt beschäftigen, die sich aber auch mit den Beziehungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen befassen.
Mehr Einfluss gefordert
An der diesjährigen Konferenz verlangten jüdische Persönlichkeiten aus aller Welt eine Rolle bei der Bestimmung des Schicksals von Jerusalem und anderen Nahost-Schlüsselthemen. Über 120 Spitzenvertreter jüdischer Organisationen aus aller Welt und weitere wichtige jüdische Figuren hatten sich in Jerusalem zusammengesetzt, um die Auswirkungen des Friedensprozesses und möglicherweise zu erwartende, von der jüdisch-israelischen Seite einzugehende Konzessionen zu diskutieren. Dabei betonten Teilnehmer aus den USA und aus Europa, Jerusalem gehöre allen Juden, weshalb diese bei der Bestimmung der Zukunft der Stadt eine Rolle zu spielen hätten. Das bedeutet eine radikale Abkehr von der bisher in Bezug auf das Geschehen in Israel befolgten «Aufgabenteilung» zwischen Israel und der jüdischen Diaspora. Indirekt beeinflusst war die diesjährige JPPPI-Konferenz auch vom Forderungskatalog der Palästinenser in Bezug auf Jerusalem im Rahmen eines Friedensabkommens: Kontrolle über den Ostteil der Stadt, einschliesslich seiner wichtigsten heiligen Stätten, als Kapitale ihres künftigen Staates. Die meisten massgeblichen jüdischen Gruppen und Organisationen widersetzen sich diesen Forderungen mehr oder weniger deutlich.
Appell von JCall
Neben Vertretern der israelischen Politszene nahmen an der diesjährigen JPPPI-Konferenz unter anderem Elliot Abrams, ein ehemaliger amerikanischer Präsidentenberater, Malcolm Hoenlein von der Präsidentenkonferenz der wichtigsten jüdischen Organisationen der USA, Daniel Kurtzer, ehemaliger US-Botschafter in Israel, Abe Foxman, Leiter der Anti-Defamation League, Daniel Mariaschin, Vizepräsident von B’nai B’rith International, und Pierre Besnainou, eine prominente Persönlichkeit des französischen Judentums, teil.
Einiges Aufsehen erregte die von der amerikanisch-jüdischen Gruppe JCall an der Konferenz lancierte Online-Petition «Um Zions willen» («For the Sake of Zion»), in der ein Ende der israelischen Besatzung der Westbank und Ostjerusalems verlangt und die Zweistaatenlösung zur Beendigung des israelisch-palästinensischen Konflikts gefordert wird. In der von Dutzenden führender amerikanischer Rabbiner, Richter, Schriftsteller, Akademiker und Philanthropen unterzeichneten Petition liest man unter anderem: «Ermutigt vom kürzlich erlassenen, von über 5200 jüdischen Bürgern in
Europa unterzeichneten Aufruf ‹Call for Reason›, fügen wir – amerikanische Juden, die sich voll für die Sicherheit und das Wohlergehen des Staates Israel einsetzen – nun unsere Stimmen denen unserer europäischen Glaubensgenossen hinzu. Wie sie anerkennen auch wir die Tatsache, dass Israel existenzgefährdenden Bedrohungen von aussen wie von innen gegenübersteht. Wir nehmen diese nicht auf die leichte Schulter, doch weisen wir die Ansicht zurück, dass sie Israels unausweichliches Schicksal darstellen.» Die Unterzeichner der Petition erklären ferner, das jüdische Volk habe das Recht, in einem souveränen Staat zu leben.
Die Zentralität des Staates Israel
Von den zahlreichen israelischen Prominenten, die sich an der Konferenz zu Worte meldeten, seien vor allem Natan Sharansky, Vorsitzender der Jewish Agency, sowie Premierminister Binyamin Netanyahu erwähnt. Sharansky wies auf die unterschiedlichen Auffassungen hin, die bisher das zionistische und das nicht zionistische Lager getrennt hätten: «Die Zionisten vertraten die Meinung, alle Juden hätten nach Israel überzusiedeln, während Nichtzionisten daran glaubten, dass sie auch in der Diaspora bleiben und sich dort entwickeln könnten.» Heute würde die Agency, wie Sharansky unterstrich, zwar weiter zur Alija ermuntern, jedoch anerkennen, dass die Diaspora nicht verschwinden würde und dies auch nicht tun sollte. Premier Netanyahu seinerseits betonte in seinen Worten die Zentralität des Staates Israel im gesamtjüdischen Kontext: «Israels Sicherheit ist wesentlich für die Zukunft des jüdischen Volkes. Nach 2000 Jahren besitzt das jüdische Volk die Stärke, sich selbst zu verteidigen. Wer also die Zukunft des jüdischen Volkes sichern will, muss Israels Sicherheit gewährleisten.» Bezug nehmend auf die internationalen Versuche, Israel zu delegitimieren, meinte der Regierungschef, Attacken gegen Israel seien im Grunde verschleierte Angriffe auf das Judentum. In antiisraelischen Gefühlen meldete dich «der neue Antisemitismus» sich zu Wort.
Fazit einer wichtigen Konferenz: Die Zentralität Israels ist im Rahmen der globalen innerjüdischen Debatte zwar immer noch unumstritten, doch vielleicht nicht mehr in so absoluter Weise wie noch vor wenigen Jahren. Der Begriff,der Partnerschaft bekommt hier einen immer höheren Stellenwert. Bevor das Umdenken auf die praktische Ebene durchschlägt, dürfte aber noch eine beträchtliche Zeit verstreichen, doch die Debatte ist lanciert.


