Zuckerbergs beste Freundin
Die meisten Angestellten von Facebook könnten ihre Kinder sein oder zumindest deutlich jüngere Geschwister. Facebook-Gründer Mark Zuckerberg hat im Mai seinen 26. Geburtstag gefeiert und das Durchschnittsalter seiner inzwischen 1800 Angestellten dürfte noch darunter liegen. Sheryl Sandberg ist dagegen schon 41. Sie leitet seit März 2008 als Chief Operating Officer (COO) das operative Geschäft des 2004 gegründeten Social-Media-Konzerns, der eine halbe Milliarde Nutzer zählt und nicht zuletzt dank Sandberg bereits etwa 1,6 Milliarden Dollar im Jahr einnimmt.
Wunderkind
Als die Tochter eines Arztes und einer Lehrerin aus Florida selbst Mitte zwanzig war, war sie ebenfalls eine Art Wunderkind. Bei ihrem Studium an der Harvard-Universität hatte Sandberg ihren damaligen Professor Larry Summers derart durch ihre Intelligenz und ihre Leistungsfähigkeit beeindruckt, dass der berühmte Ökonom sie mit nach Washington genommen hatte, als er Finanzminister unter Bill Clinton wurde. Zuckerberg hat es dagegen nicht für notwendig befunden, sein Harvard-Studium abzuschliessen. Er ist dennoch einer der jüngsten Milliardäre der Welt.
Nachdem sie ein Jahr für die Weltbank gearbeitet hatte, diente Sandburg ihrem ehemaligen Professor von 1996 bis 2001 als Stabschefin. Sie hat sich dabei nicht nur als effektive Managerin ausgezeichnet, sondern durch innovative Ideen speziell auf dem Gebiet der Philanthropie. Bis heute rühmt Summers die Beharrlichkeit, mit der Sandberg darauf bestanden hat, dass er den Rockstar Bono traf, der während der Ära Clintons sein Engagement für die Entwicklung Afrikas begann. Der Finanzminister hatte noch nie von Bono gehört. Doch auf das Drängen seiner Stabschefin hin lud er den U2-Sänger zu einem Treffen ein und liess sich von ihm für einen Schuldenerlass zugunsten afrikanischer Staaten gewinnen.
Karriere bei Google
Geschichte hat Sandberg auch nach ihrem Wechsel von Washington nach Mountain View in Kalifornien gemacht. Sie hat dort bei Google wesentlich zum enormen Wachstum der Werbeeinnahmen beigetragen. Unter Sandbergs Führung wuchs die Abteilung für den Verkauf von Online-Anzeigen von wenigen Dutzend auf 4000 Mitarbeiter an, die 2007 die Hälfte des Google-Einkommens erwirtschaftet haben. Sandberg war zudem für die Leitung des umstrittenen Scan-Projektes verantwortlich, das weltweit Bücher in Bibliotheken digitalisiert. Daneben brachte sie ihre in Washington gesammelten Erfahrungen und Kontakte auf dem Gebiet der Philanthropie ein, auf dem sich Google und die Unternehmensgründer Sergey Brin und Larry Page zunehmend engagieren. Google-Geschäftsführer Eric Schmidt nennt Sandberg einen Superstar, obwohl seine ehemalige Kollegin inzwischen einen offenen Konfrontationskurs gegenüber Google verfolgt. Sandberg hat nicht nur etwa 200 Google-Angestellte dafür gewonnen, ihr zu Facebook zu folgen. Der Suchriese nimmt Facebook inzwischen auch als ernste Bedrohung im Wettbewerb um Werbeeinnahmen wahr und müht sich, auf dem Terrain der sozialen Netzwerke Fuss zu fassen.
Zuckerberg und Sandberg haben sich Ende 2007 auf einer Weihnachtsfeier im Silicon Valley getroffen und dabei allem Anschein nach so etwas wie Seelenverwandtschaft entdeckt. Auf jeden Fall scheinen sich der eher menschenscheue Facebook-Gründer und die umgängliche Managerin perfekt zu ergänzen. Zuckerberg war seinerzeit klar geworden, dass sein Unternehmen zwar ideal für ein weiterhin explosives Wachstum positioniert war. Aber gleichzeitig herrschte in dem Unternehmen damals eine an College-Wohnheime erinnernde Atmosphäre, die einer geordneten Weiterentwicklung hinderlich zu werden drohte. Bei allen Diskrepanzen zur Wirklichkeit sind die Szenen über den Alltag bei Facebook in dem neuen, höchst unterhaltsamen Film «The Social Network» nicht weit hergeholt. Bis heute wirkt Sandberg in ihrer eleganten, aber strikt geschäftsmässigen Kleidung auf dem jugendlichen Facebook-Campus wie ein aus Washington oder von der Harvard Business School importierter Erwachsener. Es ist ihr gleichwohl gelungen, ihre Kollegen im persönlichen Umgang davon zu überzeugen, dass sie kein «Roboter aus einer Management-Schule» ist, wie ein Facebook-Manager jüngst der «New York Times» erklärte.
Ideale Besetzung
Zuckerberg erkannte in der «Google-Superfrau» die ideale Besetzung für den Posten des Steuermanns, der Ordnung in Entscheidungsabläufe bringt, interne Konflikte minimiert und damit die Voraussetzungen für den Ausbau des Unternehmens herstellt. Dies gibt ihm die Freiheit, sich auf die kreative Entwicklung der Facebook-Plattform zu konzentrieren. Da beide zu den prominentesten Bewohnern des Silicon Valley gehören, kam Zuckerberg Anfang 2008 wiederholt in Sandbergs Haus, um dort ihre mögliche Rolle bei Facebook zu besprechen. Nach intensivem, sechswöchigem Werben konnte Zuckerberg dann im März 2008 den Wechsel Sandbergs in sein Unternehmen verkünden. Der Facebook-Gründer erklärte dazu: «Die meisten Leute heuern Mitarbeiter an, die ihnen selbst sehr ähnlich sind. Wir sind mit Sheryl einen anderen Weg gegangen, konnten so aber das Unternehmen besser balancieren. Das hat zwar etwas gedauert, war jedoch der Mühe wert.»
Auch führende Facebook-Ingenieure loben Sandbergs Fähigkeit, Teams zusammenzuführen und positiv auf Gruppendynamiken einzuwirken. Daneben bringt sie ein schnelles Auffassungsvermögen und strategischen Weitblick mit in ihren Job. Zudem spielt Sandberg, die selbst zwei kleine Kinder hat, bei Facebook dem Vernehmen nach auch eine Art Mutterrolle. Sie versteht es nicht nur, Abläufe zu ordnen, sondern wirkt als persönliche Beraterin Zuckerbergs, der etwa bei öffentlichen Auftritten gelegentlich immer noch etwas unbeholfen wirkt.
Gut fürs Image
Anscheinend hilft Sandberg ihrem Arbeitgeber, indem sie seine Stärken hervorhebt und Schwächen als korrigierbar erklärt. Die beiden treffen sich jeden Montag und Freitag für eine Stunde, um langfristige Projekte, aber auch aktuelle Probleme oder Entwicklungen zu besprechen. Sandberg hat Einfluss auf Zuckerbergs Entscheidung genommen, den Schulen in der darniederliegenden Stadt Newark, New Jersey, 100 Millionen Dollar zu spenden. Weder Zuckerberg noch Sandberg haben eine besondere Beziehung zu Newark. Doch der afroamerikanische Bürgermeister Cory Booker gilt als Pionier der Erziehungsreform in den USA und hat Zuckerberg bei einer Begegnung im Sommer derart beeindruckt, dass dieser die Gründung einer Stiftung für das Schulwesen beschlossen hat. Damit stellt die Spende an Newark für Zuckerberg nur den Auftakt eines längerfristigen Engagements in den USA insgesamt dar.
Sandberg und Zuckerberg verbringen auch privat Zeit miteinander. So soll der Facebook-Gründer Sandbergs fünfjährigen Sohn in die Kunst des Fechtens einführen, die er als Schüler gelernt hat. Doch ihre prominente Position beschert Sandberg auch Kritik. Datenschützer werfen Facebook nicht nur mangelhafte Sicherheitsvorkehrungen vor, die Hackern den Zugriff auf persönliche Informationen der Mitglieder erlauben. Daneben muss sich der Konzern weiterhin gegen den Vorwurf wehren, Informationen über seine Nutzer an Werbekunden weiterzugeben, oder insgeheim für eigene kommerzielle Zwecke zu sammeln und zu analysieren. Zudem sorgen Holocaust-Leugner oder Mitglieder, die Facebook zum Kesseltreiben auf einzelne Nutzer oder bestimmte soziale Gruppen instrumentalisieren, ständig für Probleme. Vermutlich sind die unbeabsichtigten Folgen der von Facebook ausgelösten gesellschaftlichen Revolution für Sandberg und ihre Kollegen selbst noch völlig unüberschaubar. Auf diese Fragen angesprochen, gibt sich Sandberg daher erstaunlich wortkarg: «Dass wir mit dem Datenschutz Sorgen hatten, ist offenkundig.»


