Der Sturz eines Zaren
Steven Rattner hat Freunde in den höchsten Positionen. Zur Vernissage seines Buchs «Overhaul» im Restaurant des Four-Seasons-Hotels in Manhattan kamen jüngst Goldman Sachs-CEO Lloyd Blankfein und Jamie Dimon von JPMorgan Chase, der Finanzier Henry Kravis und Robert Rubin, die graue Eminenz zwischen der Wall Street und den Korridoren der Macht in Washington. Zudem erschienen einige der einflussreichsten Journalisten der USA wie Tina Brown («Daily Beast») und Ken Auletta («New Yorker»). In «Overhaul» erzählt Rattner die Geschichte des grössten Erfolges seiner glanzvollen Karriere: Im Februar 2009 von Präsident Barack Obama zum Sanierer der vom Staat übernommenen Autokonzerne General Motors (GM) und Chrysler berufen, gelang es Rattner innert weniger Monate, Gewerkschaften, Kreditoren und Aktionäre von einem planvollen Konkurs zu überreden, der in eine – zumindest für General Motors – erfolgreiche Neugeburt mündete. Rattner konnte jüngst erklären, dass der Fiskus nur etwa zehn bis 20 Milliarden Dollar von ursprünglich 82 Milliarden verlieren dürfte, die Washington in die Konzerne investiert hat.
Im Zentrum eines Skandals
Die Einführungsrede an der Buchvernissage hielt New Yorks Bürgermeister Michael Bloomberg. Ihn verbindet nicht nur eine lange Freundschaft mit dem 58-jährigen Hedgefonds-Manager: «Mayor Mike» hat Rattner die Verwaltung seines persönlichen, auf fünf Milliarden Dollar geschätzten Vermögens anvertraut. Dass Bloomberg daran festhält und überhaupt an der Buchvernissage erschienen ist, ist bemerkenswert. Denn während sich Rattner feiern lässt und etwa auf der Website der «Washington Post» mit Lesern über «Overhaul» diskutiert, verhandeln seine Anwälte mit der Börsenaufsicht SEC über einen Vergleich, der ihn nicht nur etliche Millionen Dollar Strafgelder kosten, sondern ihm auch einige Jahre lang verbieten dürfte, an der Wall Street Geschäfte zu machen: Rattners Firma Quadrangle Group steht im Zentrum eines Korruptionsskandals, der die New Yorker Politik seit über zwei Jahren erschüttert.
Inzwischen kann kein Zweifel mehr daran bestehen, dass Quadrangle auf Weisung Rattners hochrangigen Angestellten des Pensionsfonds des Staates New York Millionen Dollar an Bestechungsgeldern bezahlt hat, um Geschäfte mit der Kasse machen zu können. Der Affäre sind inzwischen auch der ehemalige New Yorker Finanzaufseher Alan Hevesi und einige seiner führenden Mitarbeiter zum Opfer gefallen. Hevesi wurde weltweit durch seine Rolle im Streit um sogenannte nachrichtenlose Konten aus der Nazizeit bei Schweizer Banken bekannt und galt als integre Figur. Dies trifft auch auf Rattner zu. Allerdings galt der zurückhaltend wirkende Mann mit dem blassen Gesicht und runder Schildpatt-Brille bei Untergebenen als arrogant und rücksichtslos, bis er dann einen Personaltrainer anstellte. Der brachte ihm vor wenigen Jahren dem Vernehmen nach bei, wie eine Führungskraft jungen Managern das Gefühl vermittelt, wahrgenommen und unterstützt zu werden.
Aufstieg eines Journalisten
Seiner eigenen Karriere zunächst in den Medien und dann an der Wall Street tat Rattners Abgehobenheit jedoch keinen Abbruch. Nach seinem Studium an der elitären Brown University in Rhode Island wurde Rattner 1974 von der «New York Times» angestellt. Im Washingtoner Büro der Zeitung begann er eine dauerhafte Freundschaft mit dem heutigen «Times»-Herausgeber Arthur Sulzberger jr., ehe er nach einem langen Gespräch mit dem Clinton-Vertrauten und Investmentbanker Roger Altman in die Geldbranche wechselte. Rattners Frau Maureen White hat einmal erklärt, ihr Mann habe als Journalist ständig über Männer mit mehr Geld und Macht berichtet und dabei notiert, dass diese nicht klüger seien als er selbst. So habe er eines Tages einfach beschlossen, selbst reich und mächtig zu werden. Rattner spezialisierte sich zunächst bei Lehman Brothers und Morgan Stanley, dann ab 1989 bei der legendären Privatbank Lazard Freres auf die Medienbranche. Als Partner und später als stellvertretender Vorsitzender von Lazard war er unter anderem an grossen Transaktionen für die Mediengiganten Viacom und Comcast beteiligt. Im Jahr 2000 verliessen er und drei andere Lazard-Partner das Haus und gründeten den Hedgefonds Quadrangle. Die Firma blieb der Leidenschaft Rattners für die Medien treu und investiert vor allem in die Kommunikationsbranche, in der Michael Bloomberg als Gründer des gleichnamigen Finanzdienstleisters eine bedeutende Rolle spielt.
Rattner selbst zeichnet sich zumindest den Mächtigen in Politik und Wirtschaft gegenüber durch eine bemerkenswerte Kommunikationsbegabung aus. So suchten nicht nur Medienmogule wie Craig McCaw (MCI, AT&T) seinen Rat, sondern zunehmend auch einflussreiche Politiker wie der New Yorker Senator Charles Schumer. Diesem stellte sich Rattner im Kongresswahlkampf 1998 als Finanzchef zur Verfügung. Die Partys Rattners und seiner Frau in Manhattan und ihrem Feriendomzil auf Martha´s Vinyard entwickelten sich zu Stelldicheins führender Figuren in New York und Washington. Die Rattners bauten ihre politischen Beziehungen durch massive Spenden an die demokratische Partei aus, der Maureen White auch bis 2006 fünf Jahre lang als Leiterin des Finanzkomitees diente. Sie gehört heute dem Stab von Obamas Afghanistan-Beauftragten Richard Holbrook an. So nannte das Magazin «Vanity Fair» Rattner schon 1994 den «führenden Investmentbanker seiner Generation». Danach unterstützte der Finanzier zunächst Hillary Clinton und dann Barack Obama. Im Wahlkampf von 2008 wurden ihm Ambitionen auf das Amt des Finanzministers nachgesagt.
Unklares Schicksal
Nachdem Obama diesen Posten an Tim Geithner vergeben hatte, zögerte Rattner im Frühjahr nicht, den Posten des «Auto-Zaren» zu übernehmen, der die vor dem Bankrott stehenden Autokonzerne GM und Chrysler und damit Hunderttausende amerikanischer Arbeitsplätze retten sollte. Dies, obwohl auch Quadrangle in dieser Zeit in stürmische See geriet – der Fonds musste während der Finanzkrise Verluste von 25 Prozent hinnehmen, zudem erwies sich die Übernahme des Verlags Alpha Media («Maxim») als schwere Fehlinvestition. Dies dürfte ihn motiviert haben, bei der Einwerbung von Investmentkapital bei Hevesis Pensionskasse den geraden Weg zu verlassen. Nachdem der New Yorker Generalstaatsanwalt Andrew Cuomo Ermittlungen gegen Angestellte und Berater der 122 Milliarden Dollar schweren Kasse aufgenommen hatte, zogen sich im Frühjahr 2009 dunkle Wolken über Quadrangle zusammen – just als der in der Automobilindustrie unerfahrene Rattner in erstaunlich kurzer Zeit die Rettung von GM und Chrysler einfädelte. Der «Auto-Zar» gab daher im Juli 2009 vorzeitig sein Amt auf.
Cuomos Ermittlungen haben inzwischen Licht in die Grauzone zwischen Pensionskassen und Investmentfonds gebracht: Zumindest in New York dürfen Mittelsmänner nicht mehr zwischen Kassen und Hedgefonds vermitteln. Quadrangle hat sich im April dieses Jahres von Rattner getrennt und eine Geldstrafe von sieben Millionen Dollar für die Verwicklung in den Hevesi-Skandal bezahlt. Die Zukunft Steven Rattners war bei Redaktionsschluss unklar – der eingangs erwähnte Vergleich mit der SEC ist noch nicht amtlich besiegelt. Dennoch hat sich mit dem «Time Magazine»-Kolumnisten Joe Klein immerhin bereits ein berühmter Freund von Rattner abgewandt. Auch Klein gesteht Rattner in einem aktuellen Artikel zu, dass er als «Auto-Zar» Abertausende von Arbeitsplätzen gerettet hat. Aber dann bezeichnet der prominente Journalist seinen Freund als Musterbeispiel für das korrupte und arrogante Establishment der USA, gegen das die rechtspopulistische Tea-Party-Bewegung Sturm läuft: «Steve kann von Glück reden, wenn er nicht ins Gefängnis muss.»


