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22. Oktober 2010, Finanzen Beilage 42 Ausgabe: Nr. 42 » October 22, 2010

Bed and Breakfast in Haifa

Von Shlomit Tzur, October 22, 2010
In Tel Aviv protestiert man gegen Wohneigentümer, die ihre Immobilien an Touristen vermieten, weil dies die verfügbare Wohnfläche reduziere. In Haifa sieht man das anders. Bürgermeister Yona Yahav brachte den Stadtrat dazu, ein Projekt zu bewilligen, von dem er schon fast 20 Jahre träumt: Städtische Bed-and-Breakfast-Zimmer in privaten Wohnungen.
TOURISTENMAGNET Das Baha’i-Weltzentrum zieht rund 130 000 Besucher jährlich an

Das neue Bed-and-Breakfast-Projekt für Haifa ermöglicht in- oder ausländischen Reisenden Besuche, ohne Tausende von Schekel für ein Hotel hinblättern zu müssen. Die städtischen Bed-and-Breakfast-Möglichkeiten (B & B) werden Einzelpersonen und Familien Unterkünfte für kurze Zeitspannen zu vernünftigen Preisen offerieren. Die Stadt hofft, in den kommenden fünf Jahren
500 neue B & B zum bestehenden Angebot hinzufügen zu können. Liegenschaftsbesitzer, die sich dem Projekt anschliessen wollen, sollen wirtschaftliche Anreize erhalten. Es handelt sich übrigens um das erste derartige Konzept in Israel, das auf städtischer und nicht nur auf privater Basis ruht.



Günstig und attraktiv

Die Haifaer Economic Corporation hat einer Tochtergesellschaft den Auftrag erteilt, «in Haifa städtische B & B zu entwickeln, einzurichten und zu verwalten». Den Mitgliedern des Stadtrats wurde die Notwendigkeit dieser Gesellschaft mit der wachsenden Nachfrage nach Übernachtungsmöglichkeiten für Gruppen begründet, die kein Interesse an Hotelzimmern bekunden, sowie mit in- und ausländischen Touristen, die anderweitig keine Unterkunft finden können. Die für Israel neue Idee wird in europäischen Städten bereits mit Erfolg angewendet.
Die Gesellschaft wird die Besitzer von B & B und Ferienwohnungen kontaktieren, die Unterkünfte in verschiedenen Medien publizieren und ein lokal und international funktionierendes Buchungszentrum betreiben. Sie wird ferner als Agentin zwischen den Vermietern und Gästen wirken, die Qualität der Unterkünfte überwachen und sie quantitativ und qualitativ einstufen. Schliesslich wird die Gesellschaft Zahlungen für Buchungen entgegennehmen, wobei die Vermieter für jede Transaktion eine Kommission entrichten.

Hohe Nachfrage

In Haifa gibt es 1370 Hotelzimmer. Laut den Zahlen des statistischen Zentralbüros für 2009 zählt man in der Stadt jährlich 500 000 Übernachtungen, wobei 55 Prozent von ihnen auf das Konto von Ausländern gehen. Eine Marktuntersuchung gelangt zum Schluss, dass es in Haifa heute rund 100 B & B im Privatbesitz gibt und dass die Nachfrage nach günstigen Touristenunterkünften beträchtlich ist.
Yona Yahav sah nach eigenen Worten vor 17 Jahren, als er die Tourismus-Entwicklungsgesellschaft von Haifa leitete, vor seinem geistigen Auge ein Projekt für eine Erhöhung der Touristenzimmer in der Stadt. «Haifa verdient es, eine der ersten Touristendestinationen im Land zu sein, nicht zuletzt wegen seiner umwerfenden Schönheit.» Nach Ansicht des Bürgermeisters dauert es Jahre, bis ein neues Hotel konzipiert ist. Sein Projekt dagegen würde das Problem auf andere, raschere Weise lösen. Darüber hinaus könnten sich Rentner, die nach dem Auszug ihrer Kinder plötzlich in viel zu grossen Wohnungen leben, eine neue Karriere aufbauen. Auch glaubt Yahav, sein Projekt werde junge Leute, die Haifa mit ihren Kindern wohl besuchen, aber nicht dort übernachten wollen, in die Stadt bringen. «Wir könnten diesen Familien günstige Übernachtungen offerieren, und im Gegenzug könnten die Gäste unsere Stadt als Ausgangspunkt für Reisen nach Akko, Nazareth, Tiberias und Galiläa wählen.» Gemäss den Daten des Tourismusministeriums ist das Hauptziel der Haifa-Reisenden das Baha’i-Weltzentrum. Mit rund 130 000 Übernachtungen pro Jahr ist das Weltzentrum der wichtigste touristische Anziehungspunkt.
Nicht vergessen werden soll aber auch der akademische Tourismus (zum Beispiel zu Konferenzen und Symposien). Dieser Zweig schlägt mit rund 50 000 Übernachtungen pro Jahr zu Buche. Es folgt der Gesundheitstourismus (Besuche von Verwandten von Spital- oder Rehabilitierungspatienten in Haifa) mit 40 000 jährlichen Übernachtungen. Am Schluss der Liste steht der eigentliche Ferien- und Sporttourismus.

Neue ökonomische Möglichkeit

Da der Wohnungsmarkt in Haifa relativ günstig ist, könnten viele Wohnungs- und Hausbesitzer sich vom Bed-and-Breakfast-Konzept als wirtschaftliche Chance angezogen fühlen. Laut Yahav würden Immoblieneigentümer, die sich von der Idee angesprochen fühlen, durch kurzfristige Vermietungen ein viel höheres Einkommen erzielen als durch die traditionellen langfristigen Vermietungen. «Wir haben herausgefunden, dass die sechstägige Vermietung einer Wohnung an Touristen in der Gegend des Carmel viel profitabler ist als die Vermietung des gleichen Objektes an einen Dauermieter für einen Monat.»
Im Carmelina-Geschäftsplan werden fixe Tarife für Unterkünfte in allen Teilen Haifas aufgeführt. Zusätzlich zu einer Beteiligungsgebühr von 500 Schekel pro Jahr zahlen Bed-and-Breakfast-Betreiber der Gesellschaft für jede Transaktion eine Kommission von 70 Schekel. Doch auch nach Abzug dieser Kosten spricht der mögliche Gewinn  von B & Bs für sich selbst. Der Besitzer einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im unteren Stadtteil, der sein Objekt normalerweise für 1500 Schekel pro Monat vermietete, könnte 325 Schekel pro Nacht verlangen, wenn er seine Wohnung in ein städtisches Bed-and-Breakfast-Objekt umgewandelt hat. Wenn er seine Wohnung nur während zwölf Tagen im Monat vermieten kann, generiert er so schon ein monatliches Einkommen von fast 4000 Schekel. Jährlich würde er 37 200 Schekel kassieren, verglichen mit nur 18 000 Schekel für eine langfristige Vermietung.
Eine ähnliche Wohnung in der Gegend des Carmel, die normalerweise 3000 Schekel im Monat kostet, könnte dem Besitzer 525 Schekel pro Nacht einbringen. Gehen wir auch hier wieder von nur zwölf Miettagen pro Monat aus, würde das monatliche Einkommen auf 6300 Schekel steigen. Auch nach Abzug der Kosten würden monatlich noch 5300 Schekel übrigbleiben.

Zukunftspläne

Die Gesellschaft hofft, schon in diesem Jahr 70 neue städtische B & B zu betreiben, und bis 2015 dürfte die Zahl 500 erreichen. Die Besitzer solcher Liegenschaften hätten keine Werbeausgaben zu tragen, da sich Carmelina darum kümmern würde. «Es ist nicht sicher», meinte der Bürgermeister, «dass Carmelina schon in den ersten Jahren ihre Geschäftskosten decken können wird, doch im drittens Jahr sollte sich ein Profit einstellen. Dann könnten wir auch an eine Privatisierung der Gesellschaft und an ihre Kotierung an der Börse denken.» Um B & B in einer Wohnung von bis zu drei Zimmern zu betreiben, ist laut Yahav weder eine Planungsgenehmigung noch eine Geschäftslizenz nötig.
Immobilienbesitzer zeigen langsam Interesse an der Idee. Sefi Kravitz etwa, Besitzer einer Drei-Zimmer-Wohnung in einer zentral gelegenen Strasse in Haifa mit schöner Aussicht, sagt: «Für mich ist der Entschluss, mich dem Projekt anzuschliessen, rein wirtschaftlicher Natur. Die Wohnung gehörte meinen Eltern, und nachdem mein Vater starb und die Mutter in ein Altersheim zog, wussten wir nicht, ob wir das Objekt vermieten oder verkaufen sollten. Nun sind wir interessiert, es als städtisches B & B zu vermieten. Würde ich die Wohnung langfristig vermieten, könnte ich 3000 Schekel pro Monat erhalten. Im Modell des Bürgermeisters Yahav könnte ich bei nur 50-prozentiger Belegung 10 000 Schekel monatlich verdienen. Ich denke, die Belegrate wird kein Problem  darstellen.»
Demnächst sollen laut Auskunft Gal Pelegs von der Haifa Economic Corporation die Richtlinien veröffentlicht werden, gemäss denen sich Liegenschaftsbesitzer in die Datenbank eintragen und zusätzliche Informationen darüber erhalten können, wie sie ihre Immobilien touristengerecht modifizieren müssen.



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