logo
22. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 42 Ausgabe: Nr. 42 » October 22, 2010

«Ein Chasan mit grosser und tiefer Musikalität»

Von Fabio Luks, October 22, 2010
Am 31. Oktober findet im neu renovierten Gemeindehaus der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich ein Gedenkkonzert für den am 27. Juni 2009 verstorbenen Chasan Marcel Lang statt.
GEDENKKONZERT Der Synagogenchor der IGB erinnert an ihren ehemaligen Chasan Marcel Lang

Von 1982 bis 1991 war Marcel Lang Kantor der Israelitischen Gemeinde Basel (IGB), danach war er in der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf als ständiger Gastkantor tätig, um schliesslich von 2004 bis zu seinem Ableben (vgl. tachles 27/09) die Israelitische Cultusgemeinde Zürich (ICZ) mit seiner unvergleichlichen Tenorstimme zu beglücken. Nun haben sich die beiden Synagogenchöre der ICZ und der IGB entschlossen, ihrem grossen Chasan ein Gedenkkonzert zu widmen.



Gemeinsames Gedenkkonzert

«Dieses Konzert dient dazu, Marcel Lang und seiner Familie in aller Form den tiefen Respekt und die Reverenz zu erweisen. Sodann ist dieses Konzert mit unseren Freunden der ICZ wichtig, weil wir denken, dass es Marcel Lang, der nun in weiteren Dimensionen da ist, Freude bereiten wird, seine beiden Chöre gemeinsam zu hören», äussert sich Gilbert Goldstein, Co-Präsident des Synagogenchors der IGB gegenüber tachles. Da er sein letztes Engagement im Synagogenchor der ICZ bestritt, wird das Konzert auf ihrem Terrain, dem Gemeindehaus an der Lavaterstrasse 33, stattfinden. Die einzigen beiden Synagogenchöre der Schweiz bereichern ihre Gemeinden am Schabbat und an den Feiertagen und geben unabhängig voneinander Konzerte ausserhalb ihrer Gotteshäuser. «Beide Chöre agieren autonom, indessen haben wir bereits einige Konzerte zusammen veranstaltet, sogenannte ‹Chasanut-Konzerte›. Beide Chöre sind freundschaftlich miteinander verbunden. Was uns natürlich sehr stark verbindet, ist unsere Freundschaft zu Marcel Lang», gibt Gilbert Goldstein zu verstehen. Bei diesem Gemeinschaftsprojekt, für das jeder Chor eigene Lieder vorbereitet, werden zudem drei Stücke zusammen gesungen. Robert Braunschweig, Dirigent des Synagogenchors der ICZ, zeigt sich zuversichtlich: «Obwohl wir von den Stücken zum Teil andere Vorstellungen haben, bin ich sicher, dass es ein wunderbares Miteinander wird.» Das
Repertoire der Chöre reicht von traditioneller synagogaler Musik deutscher, französischer, polnischer und russischer Komponisten des 19. Jahrhunderts bis hin zu Schöpfungen von zeitgenössischen schweizerischen, amerikanischen und israelischen Musikern.

Erinnerungen an den Chasan

Unterschiedlichste religiöse Ausrichtungen, die gemeinsame Freude am Gesang sowie ein Altersspektrum von 40 bis zu
80 Jahren prägen das Bild der Chorsänger. Das Bindeglied zwischen den beiden Chören ist für den kommenden Anlass die Erinnerung an Marcel Lang. «Marcel Lang verfügte über ein ausserordentliches Wissen über das Judentum, die Liturgie, das Hebräische und die damit verbundene Musik. Ich konnte mich auf ihn als Chasan immer zu 100 Prozent verlassen. Er konnte in den Proben mit dem Chor auch manchmal sehr fordernd sein, was man ihm aber verzieh, weil er ja eigentlich schon recht hatte. Bezeichnend war auch sein Basler Humor und seine geradezu fanatische Begeisterung für den FCB; gegen die Matches des FCB hatte alles andere einen sehr schweren Stand», erinnert sich Robert Braunschweig. Auch Gilbert Goldstein hat natürlich Erinnerungen an Marcel Lang: «Wir erinnern uns an ihn als hervorragenden Chasan mit grosser und tiefer Musikalität, hervorragendem handwerklichem Können und grosser Professionalität. Seine Kompromisslosigkeit im Handwerklichen, verbunden mit seinem gütigen Wesen und dem tief menschlichen Humor sind uns unvergesslich. Wir haben mit Marcel Lang ein grosses Vorbild, einen lieben Freund verloren. Die Lücke, die er menschlich und musikalisch hinterlässt, kann nicht ersetzt werden.» Marcel Lang, der nebst seinem Lehrdiplom in Gesang auch einen Abschluss in Psychologie hatte, wirkte nebst seiner Tätigkeit als Chasan unter anderem als psychologischer Berater, Begleiter für Bar-Mizwa-Schüler, setzte sich ein im Heim für Behinderte, Beth Chana, und wollte, dass man in seinem Andenken der Organisation AKIM (vgl. Kasten) spendet (vgl. tachles 27/09).

Ein geduldiger Lehrer

Ein schier unermüdlicher Schaffensgeist beherrschte Marcel Lang zeit seines Lebens. Dieser zeigte sich auch, als es darum ging, dass Robert Braunschweig anlässlich der Bat Mizwa seiner Tochter Joninah die Haftara lernen musste: «Er setzte sich hin und sang mir die Haftara in mein Aufnahmegerät. Von da an musste ich regelmässig bei ihm antraben und geduldig lehrte er mich die Haftara. Anfang Juni war er bereits sehr geschwächt. Sobald ich ihm aber die Haftara und die Brachot vorsang, war er voll da und korrigierte gnadenlos jedes kleinste Detail. Auf mein Drängen hin nach einer halben Stunde aufzuhören, weil ich ihn nicht ermüden wollte, ging er gar nicht erst ein, und wir hörten erst auf, als wir so oder so fertig waren; er müde im Bett und ich verschwitzt auf meinem Stuhl; aber die Haftara sass.»  



» zurück zur Auswahl