Monumentalwerk vollendet
Es war im Jahr 1965, als sich der damals 28-jährige Adin Steinsaltz auf seine lange Reise begab, mit dem mutigen Ziel, den Babylonischen Talmud, das Herzstück der jüdischen Lehre, ins Hebräische zu übersetzen und zu kommentieren. 45 Jahre danach ist er an sein Ziel gelangt: Am 7. November kommt das letzte noch verbliebene Talmudtraktat «Chullin», das sich mehrheitlich mit Speisegesetzen befasst, heraus. Dieser feierliche Anlass wird weltweit gewürdigt. Seit Beginn der Veröffentlichung wurden mehr als drei Millionen Bände des Steinsaltz-Talmuds verkauft. Eine unglaubliche Zahl, bedenkt man, dass bis vor nicht allzu langer Zeit das Talmudstudium lediglich einer gelehrten Elite vorbehalten war. Wenn er über sein Werk spricht, zitiert Rabbiner Steinsaltz gerne den Bibelvers «Mosche hat uns die Thora geboten, vererbt an die Gemeinde Jakows» (5. B. M. 33:4) und streicht dabei heraus, dass die jüdische Lehre eine Erbschaft sei, die jedem jüdischen Menschen zustehe. Seine Talmudausgabe sei nichts anderes als die Ermöglichung des Zugangs für jeden Interessierten zu seinem rechtmässigen «Besitz», seiner geistigen Erbschaft. Heute ist der leserfreundliche Steinsaltz-Talmud nicht nur in Bibliotheken, Lehrinstitutionen und in Bücherregalen jüdischer Haushalte auf der ganzen Welt zu finden, sondern auch bei säkularen Israeli, die sich einen eigenen Zugang zum Hauptwerk der traditionellen jüdischen Literatur verschaffen wollen. Womit wir bei der besonderen didaktischen Beschaffenheit der Steinsaltz-Edition angelangt wären.
Ausnahmegelehrter
«Wie lernt man richtig Talmud?», wurde Rabbiner Adin Steinsaltz einst gefragt.
Seine Antwort: «Wenn du das Lernen mit einer Frage beginnst und mit 50 Fragen abschliesst – dann hast du richtig Talmud
studiert.» Diese Aussage widerspiegelt die Philosophie des Mannes, der vom «Time Magazine» als «ein Gelehrter, wie er einmal in einem Millennium vorkommt» bezeichnet wurde. Die Steinsaltz’sche Talmud-Ausgabe ist mit Schrift- und Punktierungszeichen versehen. Dazu kommt eine nützliche Gliederung des Textes in verschiedene Kapitel. Nur schon diese beiden Charakteristika unterscheiden den Steinsaltz-Talmud von den klassischen Talmudausgaben. Prunkstück der Edition ist natürlich Steinsaltz’ Kommentar, der den Text in modernem Hebräisch erläutert. Aber nicht nur die einzelnen Aussagen des Talmuds werden erklärt, sondern auch die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Talmud-Passagen. Steinsaltz nimmt gewissermassen den Talmud-Studierenden bei der Hand. Auch die mittelalterlichen Kommentare Raschis und der Tossafisten, welche in der klassischen Talmudausgabe den Talmudtext umranken, führt Steinsaltz in seiner Ausgabe auf, wobei er auch hier dem Studierenden einen grossen Dienst erweist, indem er deren Schrift (bekannt als Raschi-Schrift) modernisiert. Schliesslich enthält die Steinsaltz-Edition eine Rubrik mit vertiefenden Erklärungen zu einzelnen Textstellen, eine Spalte mit halachischen, also religionsgesetzlichen Entscheidungen, die auf die behandelte Talmudseite zurückgehen, sowie verschiedene biografische, historische, mathematische, naturwissenschaftliche und sprachliche Erläuterungen zum Text.
Das Herausragende ist, dass alle Erklärungen von einem einzigen Autor stammen. Während anderen neuen Talmudausgaben wie der Schottenstein-Edition (erschienen im Verlag Art Scroll) Dutzende von Rabbinern zur Verfügung stehen, die an den Erläuterungen des Talmudtextes arbeiten, ist die Talmud-Edition von Rabbiner Adin Steinsaltz sozusagen eine beeindruckende «one man show».
Grenzenloser Wissensdurst
Überhaupt ist die Biografie von Adin Steinsaltz mehr als eindrücklich. Er wurde 1937 in Jerusalem in eine säkulare Familie geboren, er war ein Einzelkind und sein Vater ein sozialistischer Bundist. Als sich Adin Steinsaltz schon in jungem Alter für jüdische Quellen zu interessieren begann, sagte ihm sein Vater: «Es ist mir vollkommen gleichgültig, ob du ein Atheist wirst oder nicht. Aber in unserer Familie gibt es keinen Unwissenden!» Im Geiste dieser Erziehung begann Steinsaltz sich nicht nur eingehend mit klassischen jüdischen Quellen, sondern auch mit Naturwissenschaften, Psychologie, Mystizismus und Philosophie zu befassen. Er studierte Mathematik, Physik, Chemie und Soziologie und wurde im Alter von 24 Jahren der jüngste Schuldirektor Israels. Neben seinem Talmud-Projekt, welches er 1965 in Angriff nahm, brachte er im Laufe der Jahre 60 Bücher sowie Hunderte von Artikeln zu verschiedensten Themen von Theologie bis Zoologie heraus.
Diese sensationelle Breite und Tiefe kreativen Schaffens erfüllt einen mit Ehrfurcht. Doch begegnet man Rabbiner Steinsaltz persönlich, so lernt man einen bescheidenen, humorvollen Menschen kennen. Bereits im Jahre 1988 wurde Steinsaltz mit dem Israel-Preis geehrt und weltweit fünf Universitäten verliehen ihm die Ehrendoktorwürde. Dazu kommen zahlreiche weitere Preise und Anerkennungen für sein Schaffen. Pikanterweise wurde er auch als Nachfolger des verstorbenen letzten Lubavitcher Rabbiners Menachem Mendel Schneerson gehandelt, aber Steinsaltz lehnte ab, weil er «vielleicht auf der intellektuellen Ebene Teil der Chabad-Schule, jedoch nicht Teil ihrer Bewegung» sei.
Im Allgemeinen zeichnet sich Adin Steinsaltz durch seine apolitische Haltung aus. Er sieht sich nicht als Gesandter oder Sprachrohr irgendeiner politischen oder religiösen Strömung, sondern einfach als Teil des jüdischen Volkes, welchem er die verborgenen Schätze der eigenen Kultur näher bringen will. Thomas Nisell, Generaldirektor des Israel Institute for Talmudic Publications, versteht die Talmudausgabe denn auch als Monumentalwerk der israelischen Gesellschaft: «Ich bin der Meinung, dass der Steinsaltz-Talmud eine der grössten kulturellen Errungenschaften ist, welche die israelische Gesellschaft seit der Gründung des Staates hervorgebracht hat. Nicht zufällig wurde die Zeremonie zur Herausgabe des ersten Talmudbandes in der offiziellen Residenz des damaligen israelischen Präsidenten Salman Schasar, selbst ein Schüler von Rabbiner Steinsaltz, abgehalten.» Die Talmud-Ausgabe steht in der Tat mehr als jedes andere Werk für die Erschliessung der jüdischen Wurzeln für säkulare Israeli und die Möglichkeit, aufgrund der nun entschlüsselten und zugänglich gemachten klassischen religiösen Quellen wesentliche und fundierte Debatten in der israelischen Gesellschaft zu führen.
Eine Revolution mit Folgen
Adin Steinsaltz ist jedoch nicht in allen Kreisen willkommen. So wurde in den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts über das Steinsaltz-Werk von streng-orthodoxen Rabbinern ein Bann verhängt. Kennt man die Mentalität dieser Kreise etwas näher, überrascht die Reaktion nicht, wird dort doch automatisch alles Neue beziehungsweise Moderne mit Argwohn betrachtet, und Steinsaltz hat mit der «Übergabe des Talmuds» von der geistigen Elite an das Volk durchaus eine Revolution gestartet. So wurde Steinsaltz beispielsweise vorgeworfen, er habe die Seiteneinteilung der klassischen Talmudausgabe mit seiner neuen Edition zunichte gemacht. Diesem Argument kann man jedoch nur mit einem kopfschüttelnden Schmunzeln begegnen, wurde doch «Schas Wilna», die bis heute weltweit verbreitetste Talmudausgabe, erst im Jahre 1870 von der nicht jüdischen Witwe Romm und ihren Brüdern herausgegeben (vgl. Kasten). Es bedarf also anderer Gründe für den «charedischen Boykott» des Steinsaltz-Werks. Thomas Nisell erinnert sich: «Die Kritik begann mit der Veröffentlichung des Buchs ‹Persönlichkeiten aus der Bibel›, in welchem Rabbiner Steinsaltz verschiedenen biblischen Gestalten auf einer menschlichen Ebene begegnet. Zu menschlich, für gewisse Kreise.» In der Folge habe man dieses Buch benutzt, um das gesamte Werk von Steinsaltz zu kritisieren. Nisell fügt jedoch eine unbekannte politische Note hinzu: «In jener Zeit gab es innerhalb der stren orthodoxen Aguda-Partei viele Spannungen zwischen den litauischen und chassidischen, insbesondere den Chabad-Lubavitch-Politikern. Da Steinsaltz in gewissem Sinn der Chabad-Schule angehört, benutzten die litauischen Kreise die Attacken auf seinen Talmud als Mittel, um der anderen Seite eins auszuwischen.» Der Hauptgrund für die Ablehung von Steinsaltz und seinem Werk innerhalb der streng orthodoxen Gesellschaft scheint jedoch darin zu liegen, dass seine Persönlichkeit für gewisse Menschen schlicht zu komplex ist: Ein herausragender Talmudgelehrter, der ein blaues – nicht ein weisses! – Hemd trägt und in Friedrich Nietzsches Werk bewandert ist – dies war und ist für gewisse religiöse Führer leider zu viel.
Auch nach Vollendung des letzten Talmudtraktats ruht sich Adin Steinsaltz nicht auf seinen Lorbeeren aus. Als nächstes Projekt steht die Herausgabe der «Steinsaltz-Mischna», also des Grundwerks der mündlichen jüdischen Lehre, an. Ebenso möchte er die englischen und französischen Talmudausgaben, von denen bereits über 20 Bände erschienen sind, vervollständigen.
tachles und die Israelitische Cultusgemeinde Zürich laden ein am Sonntag, 24. Oktober, 17.00 Uhr, zum Schiur von Adin Steinsaltz mit Sijum «Keeping Commitments and Zedeka» und um 20.00 Uhr zur «Einführung durch Beni Gesundheit». Adin Steinsaltz referiert zum Thema «Jewish Continuity – Why?», Saal der ICZ, Lavaterstrasse 33, Zürich.


