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15. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 41 Ausgabe: Nr. 41 » October 15, 2010

Dirzulande

Von Martin Dreyfus , October 15, 2010
Der Dichter und Schriftsteller Franz Wurm ist Ende September in Ascona verstorben. Zum Gedächtnis.
Franz Wurm Er wirkte als Dichter, Schriftsteller und Übersetzer

Franz Wurm hat René Char aus dem Französischen und Vladimír Holan aus dem Tschechischen übersetzt und sich für die Verbreitung ihrer Verse unermüdlich eingesetzt. Noch vor wenigen Wochen druckte die NZZ ein von ihm übersetztes Gedicht von Vladimir Holan. Für seine eigenen über Jahrzehnte entstandenen Verse mochte er nicht «hausieren» gehen. «Anmeldung» hiess sein erster, im Arche-Verlag von Peter Schifferli 1959 erschienener Gedichtband, «Anker und Unruh» folgte im Jahr 1964 im Insel-Verlag. Bei Suhrkamp erschienen Wurms Übersetzungen der Bücher seines Freundes Moshe Feldenkrais. Für die Verbreitung von dessen Methode setzte er sich nach seiner Rückkehr aus Tel Aviv ab 1974 an erster Stelle als Lehrer und Leiter des Zürcher Feldenkrais Instituts ein. Paul Celan zählte Wurm zu seinen Freunden – der Briefwechsel mit ihm unter anderem über die Arbeit an der Übersetzung der Gedichte von René Char erschien vor einigen Jahren – ebenso wie Hans Günther Adler, der Chronist der «verheimlichten Wahrheit» und des Lagers Theresienstadt. Einen ganzen Kosmos der Literatur und der Geschichte des 20. Jahrhunderts vereinte er in und mit seinen Freunden, zu denen auch der Dichter Michael Hamburger zählte.
Geboren 1926 in Prag in eine jener «deutschprager» jüdischen Familien, der so viele Dichter und Schriftsteller am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstammten, kam er mit einem Kindertransport 1939 nach England. Nach Schule, Cheltenham College und Studium von Romanistik und Germanistik in Oxford führte ihn sein Weg 1949 in die Schweiz, nach Zürich, wo er als Leiter des Kulturprogramms von Radio DRS in den Jahren 1966 bis 1969 mit seinen Sendungen ebenso wie mit seiner unverwechselbar wohltönenden sonoren Stimme vielen Hörerinnen und Hörern zu einem Begriff wurde. Hier fand er unter anderem in Michael und Luzzi Wolgensinger enge Freunde. Sein Weg führte in nach Tel Aviv (1974) ebenso wie nach Prag (1969–1971) und immer wieder zurück nach Zürich, das über viele Jahre sein Lebensmittelpunkt blieb, auch wenn er sich zeitlebens wohl in (s)einem gewissen Sinn als Kosmopolit verstand. Vor einigen Jahren hatte er sich nach Ascona zurückgezogen, auch hier in die Nähe von Freunden, John Boxer war einer von ihnen. Franz Wurms Bücher sind vergriffen, keiner seiner bisherigen Verlag mochte oder konnte sich in den letzten Jahren seiner Lyrik nach seinen Vorstellungen annehmen. Dabei blieb Wurm stets überzeugt davon, dass die Zeit auch dafür wieder «reif» würde. Am 29. September ist Franz Wurm 84-jährig in Ascona gestorben.



Ein Gedenkanlass zu Ehren von Franz Wurm findet am Montag, 1. November, 19.00 Uhr, im Theater Stok, Hirschengraben 42, Zürich, statt. Ein Interview mit dem Dichter erschien in der tachles-Ausgabe vom 10. März 2006 und ist im Online-Archiv unter www.tachles.ch zu lesen.



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