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15. Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 41 Ausgabe: Nr. 41 » October 15, 2010

Antisemitische Vichy-Regierung?

Von Devorah Lauter, October 15, 2010
Ein neu entdecktes Dokument entlarvt den Vichy-Präsidenten Philippe Pétain als tatendurstigen Judenhasser.
«RASSENIDEOLOGIE DER NAZIS» Anwalt Serge Klarsfeld Anfang des Monats vor einer Kopie des neu entdeckten Dokuments

Fast genau 70 Jahre nach dem Erlass eines entscheidenden antisemitischen Gesetzes im von der Vichy-Regierung verwalteten Frankreich veranlasst ein jüngst entdecktes Dokument Historiker zu einer neuen Beurteilung des damaligen Staatsoberhauptes Marschall Philippe Pétain. Bislang machten Fachleute zwei französische Minister und deren Mitarbeiter für das am 3. Oktober 1940 erlassene Juden-Statut verantwortlich, das die von den Nazibesatzern an die Vichy-Regierung gestellten judenfeindlichen Forderungen noch übertraf. Doch nun wurde der Pariser Holocaust-Gedenkstätte anonym ein Entwurf des Gesetzes überantwortet, das neues Licht auf die Affäre wirft. Der Entwurf besteht aus fünf undatierten Seiten, an deren Rändern in roter und schwarzer Tinte handschriftliche Änderungen notiert wurden, die nach härteren Massnahmen gegen Juden riefen, als sie die maschinengeschriebene Ausfertigung vorsah.



Wer ist der Urheber?

Historiker zweifeln nicht an der Echtheit des Dokuments, sind sich allerdings über den Autor der Änderungen uneins. Stammen diese von Pétain selbst, dann würden sie alle bislang bekannten Belege für den Judenhass des Vichy-Präsidenten übertreffen. Oder stammen die Anmerkungen von Technokraten, die etwa während einer Kabinettsitzung kurz vor dem Erlass des Gesetzes lediglich Forderungen eines oder mehrerer Vorgesetzter festgehalten haben? Der Anwalt Serge Klarsfeld, der etliche ehemalige Nazikollaborateure vor Gericht gebracht hat und dem Verband der Kinder deportierter französischer Juden vorsitzt, behauptet, das Dokument trage die Handschrift Pétains. Klarsfeld nennt den Fund eine «historische» Bestätigung dafür, dass der damals 84-jährige Pétain nicht etwa – wie immer wieder behauptet – eine senile Marionette Nazideutschlands war, sondern die NS-Ideologie aktiv mitgetragen und antisemitische Massnahmen herbeigeführt hat: «Die Verteidiger von Pétain stellen ihn als alternden, von seiner Umgebung dominierten Mann hin, der damals nicht mehr ganz im Besitz seiner geistigen Kräfte gewesen ist. Nun sehen wir deutlich, dass er diese Zusätze selbst gewollt hat.» Klarsfeld ergänzte, Pétain habe sich der «Rassenideologie der Nazis angeschlossen, weil er dachte, dies sei im Interesse Frankreichs. Und er selbst ist in letzter Konsequenz Antisemit gewesen.»

Historiker sind sich uneins

Die Pariser Holocaust-Gedenkstätte hatte Klarsfeld mit der Begutachtung des Dokuments betraut. Klarsfeld liess jeden der handschriftlichen Buchstaben auf dem Dokument mit anderen Schriftstücken Pétains vergleichen, und er ist bereit, das Papier von anderen Experten überprüfen zu lassen. Dennoch sind sich französische Historiker uneins über Herkunft und Bedeutung des Dokuments. «Selbst wenn das seine Handschrift ist, so wissen wir noch nichts über den Zustand, in dem Pétain diese Korrekturen auf dem Gesetz angebracht hat», erklärte Annette Wieviorka, eine führende französische Geschichtswissenschaftlerin für die Vichy-Ära: «Wir wissen nicht, ob er allein war und ob die Korrekturen sein eigenes Werk waren.» Wie­viorka sagte, jüngere Historiker würden «das Ausmass des deutschen Einflusses auf dieses Statut diskutieren» und fragen, ob die Nazis die französische Staatsleitung während der Entstehungsphase des Gesetzes unter Druck gesetzt haben. Damit werde jedoch die bisherige Annahme angezweifelt, nach welcher die Vichy-Führung das judenfeindliche Gesetz in eigener Regie formuliert hat.
Die handschriftlichen Änderungen auf dem jüngst entdeckten Dokument vermehrten die für Juden zukünftig verbotenen Berufe und stellten damit sicher, dass Juden nicht mehr in öffentliche Ämter gewählt werden oder im staatlichen Erziehungswesen tätig sein konnten. Das Original hatte dagegen nur den Ausschluss von Spitzenpositionen im Verwaltungs- und Erziehungswesen vorgeschrieben. Zudem schliessen die Änderungen mit einigen knappen Strichen Gesetzeslücken, die «Nachkommen von vor 1860 in Frankreich geborenen oder naturalisierten Juden» von den neuen Restriktionen ausgenommen hätten. In der Vergangenheit wurden immer wieder Stimmen laut, die behaupteten, Pétain habe gelegentlich und passiv versucht, in Frankreich geborene Juden zu schützen. Doch inzwischen fanden sich immer mehr Belege, die dieses Geschichtsbild von Pétain widerlegen.

Ein Übel für die französische Nation

So legt die Aussage eines damaligen Ministers nahe, dass Pétain speziell auf die Erstellung des Juden-Statuts grossen Einfluss ausgeübt hat und verhindern wollte, dass Juden an öffentlichen Schulen unterrichteten. So erklärt der am nationalen Wissenschaftsinstitut tätige Vichy-Experte Laurent Joly, der Held von Verdun sei von einer «traditionellen Form des Antisemitismus überzeugt gewesen, laut der Juden nicht wirklich Franzosen sind.» Joly ist sich jedoch nicht sicher, ob die Zusätze auf dem Dokument tatsächlich aus der Hand Pétains stammen: Die ausführlichen Korrekturen seien zu sehr auf Details fokussiert, als dass sie von einem Staatsoberhaupt stammen könnten. Laut Joly hätte Pétain vermutlich «allgemeine Richtlinien» vorgegeben. Aber auch Joly ist der Auffassung, dass Pétain dazu beigetragen hat, das Statut noch judenfeindlicher zu machen: «Es sieht ganz so aus, als ob Pétain Anweisungen gegeben hat und diese dann von einem Technokraten niedergeschrieben worden sind. Es spielt letztlich keine Rolle, ob dies seine Handschrift ist oder nicht – aus dem Dokument spricht eindeutig Pétains geistige Haltung.»
Jenseits der Debatte um das neu entdeckte Dokument ist sich Joly jedoch sicher, dass Pétain in Frankreich heute kaum noch Fürsprecher hat: «Die These, dass er als Sündenbock herhalten muss, ist aus der Mode gekommen. Heute betrachten die Franzosen Pétain als ein Übel für ihre Nation.»   



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