Wenn Israel Ahmadinejad verhaftet …
Im Mittelpunkt der Comeback-Kampagne von Binyamin Netanyahu stand die iranische Bedrohung. «Das Jahr ist 1938, und Iran ist Deutschland», warnte er als Oppositionschef. «Wenn Ahmadinejad den Holocaust leugnet, dann bereitet er einen zweiten Holocaust gegen das jüdische Volk vor. Glaubt ihm und stoppt ihn.»
Netanyahu begnügte sich nicht mit Warnungen, sondern rief dazu auf, Mahmoud Ahmadinejad wegen Hetze zum Völkermord in Den Haag vor Gericht zu stellen. Zusammen mit Freunden sammelte er bedrohliche Äusserungen des iranischen Präsidenten gegen Israel, gelangte zum Schluss, dass sie die internationale Konvention zur Verhinderung und Bestrafung von Genozidverbrechen verletzten, und machte sich daran, die Unterstützung des Westens zu gewinnen.
«1938 sagte Hitler nicht, er wolle zerstören. Ahmadinejad dagegen macht kein Geheimnis aus seinen Absichten, und wir schreien nicht einmal auf», sagte Netanyahu vor vier Jahren. «Wenigstens sollten wir von einem Verbrechen gegen die Menschheit sprechen. Es ist nötig, diese Angelegenheit der Welt unmittelbar vor Augen zu halten, damit sie begreift, dass es sich um ein Programm für einen Genozid handelt.»
Jüdische Organisationen hielten Schauprozesse ab, amerikanische Kongressabgeordnete und britische Parlamentarier brachten ihre Unterstützung zum Ausdruck, und Juristen verschickten Briefe in alle Richtungen. «Hätte die Welt Hitlers Worten zugehört und seine Handlungen verfolgt, hätte der Holocaust verhindert werden können», schrieb in Los Angeles der Anwalt Baruch Cohen in einem Offenen Brief an Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon auf seinem Blog «Amerikanische Prozessanwälte zur Verteidigung von Israel».
Ahmadinejad liess sich nicht einschüchtern. Vielmehr setzte er seine Hasstiraden, Drohungen und Holocaust-Leugnungen fort. Ungestört reiste er durch die ganze Welt, und das iranische Nuklearprogramm machte Fortschritte. In Israel trug sich inzwischen aber eine Änderung zu, und Netanyahu wechselte von den TV-Schirmen ins Büro des Premierministers. Nun hatte er ein Mandat zu handeln, anstatt nur verbal gegen die iranische Bedrohung Sturm zu laufen.
Dieser Tage wird Netanyahu eine einmalige Chance (gehabt) haben, den neuen Hitler zu stoppen und der Hetze zum Genozid ein Ende zu bereiten. Ahmadinejad bereitete nämlich seine erste Libanon-Visite vor und wollte dem südlichen Teil dieses Landes eine ganztägige Tour widmen. Er beabsichtigte Stätten zu besuchen, wo die Hizbollah gegen Israel gekämpft hat, und er soll sogar planen, bis zum Fatimah-Tor, knapp jenseits der Grenze bei Metulla vorzustossen. Die Route ist bekannt, die Distanz ist kurz, und es wäre denkbar, einen Sondertrupp über die Grenze zu schicken, um sich des iranischen Präsidenten zu bemächtigen, der dann in Israel als Aufhetzer zum Völkermord und zur Holocaust-Leugnung vor Gericht gestellt werden könnte.
Der Medieneffekt wäre dramatisch: Ahmadinejad in einem Glaskasten in Jerusalem mit Kopfhörer für die Simultanübersetzung, und ihm gegenüber grimmige israelische Richter. Getreu dem Zeitgeist wäre es auch möglich, dass sich ausländische Beobachter den Richtern hinzugesellen.
Es gäbe auch operationelle Vorteile: Iran dürfte zögern, auf die Verhaftung seines Präsidenten mit Raketenangriffen zu reagieren, würde das doch das Leben des eigenen Anführers gefährden. Dann wäre auch denkbar, Hizbollah-Chef Hassan Nasrallah zu behändigen, der ganz bestimmt aus seinem Versteck hervorkriechen und Ahmadinejad begleiten würde. Israel gelänge in den Besitz hochkarätiger Geiseln, die man gegen Gilad Shalit austauschen kann.
Und sollte die Welt irgendwelche Bedenken haben, sei daran erinnert, dass die Amerikaner nach Panama eindrangen, um dessen Führer Manuel Noriega festzunehmen – und das nur wegen Drogenhandels, ein weitaus geringfügigeres Vergehen als die Aufforderung zum Genozid.
Natürlich hat die Idee auch Nachteile. Ahmadinejad könnte bei der Aktion getötet werden, was Iran zu einem grausamen Rachefeldzug veranlassen könnte. Der Präzedenzfall der Verhaftung politischer Führer könnte israelische Persönlichkeiten gefährden, die im Ausland der Vergehen gegen die Menschheit oder des Mordes verdächtigt werden, zumindest gemäss dem Goldstone-Bericht oder dem Bericht des Uno-Menschenrechtsrats über die Gaza-Flotille. Ahmadinejad könnte freigesprochen werden, was Israel wie einen Rüpel und Ne-tanyahu wie einen Narren ausschauen lassen würde.
Und dennoch: Wie kann Netanyahu davon absehen, gegen Hitlers Erben vorzugehen, wenn das Jahr schon 1939, wenn nicht gar 1940 ist? Laut Netanyahus eigenen Gedankengängen würde die Geschichte ihn verurteilen, weil er es unterlassen hat, ein Verbrechen zu verhindern, ähnlich wie Margalit Har-Shefi, die Yigal Amir nicht gehindert hat, Itzhak Rabin zu ermorden.
Dazu wird es selbstverständlich nicht kommen. Die Risiken sind zu gross, wobei hier keine praktischen Ratschläge erteilt werden sollen. Sehr wohl soll aber gezeigt werden, wie tief die Kluft ist zwischen jenen, die von den Oppositionsbänken her schreien, und jenen, die an der Macht sind, und zwischen der «öffentlichen Diplomatie» – Israels jüngste offizielle Übersetzung für den Begriff «hasbarah» (wörtlich: Information), einem Zwischending zwischen Selbstrechtfertigung und Propaganda – und staasmännischem Vorgehen.
Wer redet und nach Botschaften sucht, die ihn in die Haupt-Nachrichtensendungen bringen könnten, kann dies tun, ohne irgendein Risiko einzugehen. Bist Du aber erst einmal Premierminister, werden die Beschränkungen der Realität klar, und der Unterschied zwischen Reden und Handeln wird sichtbar. Es empfiehlt sich deshalb eine gewisse Vorsicht beim Sprechen und daran zu denken, dass nicht alles «hasbarah» ist und dass sogar ein Medien-Gag zum Bumerang werden kann.
Aluf Benn ist Redaktor bei «Haaretz».


