Vergessene Grabstätten
Das erste Begräbnis auf dem jüdischen Friedhof von Eufaula datiert aus dem Jahr 1845, als deutsche Juden begannen, als Händler und Verkäufer in die Gegend zu kommen. 1873 kauften sie eine Synagoge, die sie um 1900 aber wieder verkauften, als die Zahl der Juden in der Gegend rückläufig wurde. Der Friedhof mit seinen 84 Grabstätten zerfiel allmählich. Mitte der achtziger Jahre nahm die Grossmutter von Sara Hamm, Jennie Rudderman, die Restaurierungsarbeiten in Angriff. Nach ihrem Tod 1999 fuhr Sara Hamm als Volontärin fort, doch die Arbeit bereitet ihr zusehends Mühe. «Wie immer in amerikanischen Kleinstädten wird die Situation auch hier sich selbst überlassen», meinte sie.
Ähnliche Geschichten hört man im ganzen Land, angefangen beim sogenannten Rostgürtel im westlichen Pennsylvanien bis hin zum Bibelgürtel im Süden. Im Zuge der Fabrikschliessungen und des Abwanderns der Bevölkerung Richtung Westen schrumpften einst blühende jüdische Gemeinden, und die Türen der Synagogen wurden endgültig geschlossen. Das Einzige, was oft zurückblieb, waren die Friedhöfe, wobei sich kaum jemand um sie kümmert. «Die jüdische Gemeinschaft kennt das Problem der verlassenen Friedhöfe», sagte Gary Katz, Präsident der Vereinigung für gefährdete jüdische Friedhöfe (CAJAC), «doch haben sie das Gefühl, es handle sich um das Problem anderer beziehungsweise der Nachkommen der dort begrabenen Menschen.» Die CAJAC hat es sich zur Aufgabe gemacht, sich um gefährdete Friedhöfe in New York zu kümmern. «Die ganze jüdische Geschichte hindurch trugen aber immer den Gemeinden die Verantwortung für Friedhöfe.»
Verlassen und verfallen
Das Projekt für jüdische Friedhöfe der Internationalen Vereinigung Jüdischer Genealogie-Gesellschaften listet 1375 jüdische Friedhöfe in den USA auf und 72 in Kanada, doch laut Projektkoordinatorin Ellen Renck gibt es viel mehr. Niemand weiss genau, wie viele dieser Friedhöfe gefährdet sind, doch dürften es Hunderte sein.
Während jüdische Spender und Volontäre eine regelrechte Jagd auf ihre Wurzeln in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion unternehmen und dabei die verlassenen Friedhöfe ihrer Ahnen in Ordnung bringen, lassen sich keine ähnlichen Aktivitäten hinsichtlich gefährdeter Friedhöfe in den USA feststellen. «Es stimmt nicht, dass nur in Osteuropa Friedhöfe gefährdet sind», sagte Nolan Altman, Koordinator der Online-Beerdigungsregistratur Jewishgen, einer jüdisch-genealogischen Website. «Gleiches geschieht direkt vor unserer Haustür.» Einige dieser bedrohten Friedhöfe in den USA sind vollkommen verlassen, während andere sich in verschiedenen Phasen des Verfalls befinden. Ein paar der Friedhöfe sind in Privatbesitz, andere gehören zu nicht mehr existierenden Synagogen oder jüdischen Beerdigungsgesellschaften mit nur noch einem oder zwei
lebenden Mitgliedern.
«Von gefährdeten Friedhöfen hört man erst, wenn der Stand der Dinge wirklich schlimm ist. Wenn etwa eine Beerdigungsgesellschaft zu existieren aufhört oder Familienmitglieder vor Gericht gehen», sagte David Zinner, Exekutivdirektor von Kavod v’Nichum, einer Organisation, die Beerdigungsgesellschaften und ähnliche Kommissionen in den ganzen USA unterstützt. «Menschen sagen, jüdische Gemeinden sollten ihr Geld nicht dort ausgeben, sondern sich auf junge Leute konzentrieren. Das sollte aber die Pflege der Gräber einschliessen, die sie ihren Eltern und Grosseltern gewähren.» Gary Katz fügte hinzu, dass jüdische Friedhöfe in Israel vom Staat finanziert würden, während es sich in den USA vollumfänglich um Spenden handle.
Private Initiativen
Letztens hat das Interesse an der Pflege dieser alten Friedhöfe in den USA merklich zugenommen. So wurde 2008 von zwölf Gründungsmitgliedern die erste Jewish Cemetery Association of North America als Dachorganisation für die Bemühungen gegründet, Pflege und Unterhalt aktiver und stillgelegter jüdischer Friedhöfe zu standardisieren. Die Jewish Cemetery and Burial Association of Greater Pittsburgh hat Mitte der achtziger Jahre damit begonnen, sich um vernachlässigte und verlassene jüdische Friedhöfe im westlichen Pennsylvania zu kümmern. Demnächst wird die Vereinigung den zehnten Friedhof unter ihre Fittiche nehmen. «Es befriedigt mich sehr, zu wissen, dass die letzten Ruheplätze von Familienangehörigen und Freunden gepflegt werden», meinte Vorstandsmitglied Jonathan Schachter. Der Tod seiner eigenen Mutter vor einem halben Jahre habe seiner Arbeit eine neue Dimension hinzugefügt.
An vielen Orten sind es Einzelpersonen oder kleine Gruppe, die sich dieser Aufgabe angenommen haben. Stan Cohen kümmert sich seit zwei Jahren in seiner Freizeit um den 100 Jahre alten, seit Jahrzehnten vernachlässigten Friedhof Brith Sholem bei Trenton, New Jersey. Den Anstoss gab die Begegnung mit einer alten Frau, die auf das Grab seiner Grossmutter einen Stein platzierte, wie es die jüdische Tradition kennt. Das Grab war derart mit Gras überwachsen, dass die Frau es alleine gar nicht bis zum Grabstein schaffte. Heute mäht Cohen das Gras auf dem Friedhof, reinigt die Pfade und säubert die Grabsteine, um Besuchern das Finden der letzten Ruhestätte ihrer Lieben zu erleichtern. Das Fällen von Bäumen zahlt er aus seiner eigenen Tasche. Helen Affsa hat keine Verwandten, die auf dem alten jüdischen Friedhof in Douglas, Arizona, begraben sind, um den sie sich kümmert. Sie selber ist nicht jüdisch, sondern Mitglied der syrisch-orthodoxen Kirche. Ihre Eltern stammten aus Damaskus. Warum also hat Helene Affsa sich der 15 jüdischen Gräber von Douglas angenommen? «Ich habe viel übrig für meine nahöstliche Kultur und zolle meinen Grosseltern hohen Respekt. Sie waren in dieses Land gekommen und haben hier ihr Leben aufgebaut. Das gilt auch für die jüdische Gemeinschaft, und ich fühle mich geehrt, an diesem Projekt mitwirken zu können.»
Unentdeckte Grabstätten
Ein anderes ähnliches Projekt ist das 2009 entstandene Jewish Cemetery Renewal Project of North America. Gründer ist Harley Felstein, der als Familienberater an einem Friedhof in Washington arbeitet. Er hat Menschen wie Hamm, Cohen und Affsa beraten, und er appelliert an Personen, die Informationen über andere bedrohte Friedhöfe haben, sich mit ihm via www.jcrpna.org. in Verbindung zu setzen. «Schauen Sie in Ihrem eigenen Hinterhof», meint er und will damit andeuten, dass es in unmittelbarer Nähe von Wohngegenden noch zahlreiche alte jüdische Friedhöfe gibt, die auf ihre Entdeckung warten.


