Realität zwischen Vergangenheit und Zukunft
Als ich vor 30 Jahren im Centralcomité (CC) des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) angeregt hatte, durch empirisch fundierte Studien Entscheidungsgrundlagen zu schaffen, erhielt mein Vorschlag noch vehemente Ablehnung. Die faktenreiche Darstellung von Daniel Gerson (vgl. tachles 35/10) lässt mit Interesse den Forschungsarbeiten entgegensehen und verlangt zugleich konstruktiven Einspruch.
Die Statistik bestätigt ein markantes Schrumpfen der Judenheit in der Schweiz zu einer anteilsmässig tatsächlich «zunehmend verschwindenden Minderheit des Landes». Diese Tendenz schützt uns alle vor jeder Selbstüberschätzung, kann aber für die Beurteilung der innerjüdischen Entwicklung nicht allein massgebend sein. Zum einen hat das Judentum in seiner über Jahrtausende währenden Geschichte, die auch stets von inneren Abspaltungen und Sektenbildungen begleitet war, immer auf das Durchhaltevermögen einer zahlenmässig kleinen, jedoch nachhaltigen Minderheit zählen müssen. Zum anderen bestätigt eben diese wechselvolle Geschichte, dass Gegenwartsanalysen und Zukunftsprognosen durch unerwartete Entwicklungen dramatisch irrelevant werden können.
Eine vielschichtige Problematik
Weichenstellungen sind in die Zukunft gerichtet. Und es gibt keine Zukunft ohne Geschichtsbewusstsein. In jüdischen Belangen kann sich Geschichtsbewusstsein nicht auf einen Horizont der letzten 40 Jahre verengen. Die Gründung separater reformjüdischer Gemeinschaften wird von Daniel Gerson in den Kontext der sogenannten «68er-Bewegung» gesetzt und als «erfolgreiche Strategie zur Bewältigung konkreter aktueller Herausforderung (Gleichberechtigung der Frau, Integration von Mischehenfamilien)» sowie zur «Bewahrung des religiösen Erbes» vorgestellt. Für ein abschliessendes Urteil in diese Richtung wäre es eindeutig zu früh. Fakt ist, dass die besagten Gemeinschaften eine Realität sind und ein Bedürfnis treffen.
Die Menschen, deren Engagement in den letzten Dezennien eine durchaus beachtliche Infrastruktur entstehen liessen und tragen, sind ernst zu nehmen. Ernst zu nehmen sind die Fragen, welche diese Menschen beschäftigen. Aber man darf von diesen Reformgemeinschaften und all jenen, die mit ihnen sympathisieren, selbst wenn sie in der Schweiz mehr als einen aktuellen Bestand von etwa 1500 Seelen bilden sollten, den selben Ernst und Respekt einfordern, wenn sie den hier lebenden rund 13 000 Juden begegnen, die sich in der grossen schweigenden Mehrheit noch immer einem traditionellen Verständnis von Judentum zugehörig fühlen. Man würde es sich zu einfach machen, Gemeinden mit traditionellem Verständnis von Judentum als weltfremd, unbeweglich oder gar rückständig zu etikettieren. Wer eine «grundsätzlich offene Haltung gegenüber Mischehenfamilien mit einem jüdischen Vater als unabdingbar» postuliert, muss sich fragen, ob er mit einer fortschrittlich anmutenden Leerformel dem Sachverhalt sowie seinen Konsequenzen für alle Beteiligten gerecht zu werden vermag.
Die Problematik ist zu vielschichtig, um siehier aus meiner Sicht eingehend abhandeln zu können. Die Problematik ist aber auch zu ernst, um euphorisch Menschenversuche zu empfehlen, deren Ausgang nicht nur im Widerspruch zur jüdischen Tradition, sondern höchst ungewiss wäre. Es gilt, die involvierten nicht jüdischen Partner und deren Biografie ernst zu nehmen. Ein dem jüdisch-traditionellen Verständnis fremder Missionsgedanke, der Menschen in einen Hafen ohne Sicherheit zu lenken versucht, richtet auch in guten Absichten schwersten Schaden an.
Das Judentum stärken
Probleme der jüdischen Gemeinschaft sollen mit Augenmass angegangen werden, also weder schön- noch herbeigeredet werden. Daniel Gerson wird mir als Betroffenem sicher nachsehen, wenn ich seiner Qualifikation der Gemeinden Freiburg, Luzern und St. Gallen als «faktisch bedeutungslos» nicht zustimme, vielmehr eine solche Formulierung als eine für die engagierten Menschen pejorative Wertung zurückweisen muss. Umso mehr, weil derartige Schwarzmalerei rasch zur Selffulfilling Prophecy mit schädlicher Wirkung wird. Bereits zu ersehen im diesjährigen Rechenschaftsbericht der SIG-Organe oder bei letzthin medial verbreiteten Initiativen, die offenbar darauf abzielen, Stellenwert, Mitsprache und Handlungsmöglichkeiten bewährter Gemeinden in Frage zu stellen. Man merkt die Absicht und ist besorgt. Besonders, wenn man in einer Gemeinde wie St. Gallen wirkt, die seit ihrer Gründung vor bald 150 Jahren durch 25 einsatzbereite Familien nie beanspruchte, orthodox zu sein, aber aus einem eigenständig liberalen Verständnis heraus sich stets statutarisch zum Rahmen der Tradition bekannte. Es bleibt also zu hoffen, dass die verdienstvolle Arbeit von Daniel Gerson bei den Entscheidungsträgern in unserem Lande Interpretationen ermöglicht, welche das Schweizer Judentum stärken.
Rabbiner Hermann I. Schmelzer ist seit 1968 Gemeinderabbiner in St. Gallen und Vorstandsmitglied der
schweizerischen judaistischen Gesellschaft. Er gibt Kurse in Ivrith und über Themen jüdischer Kultur an der Universität St. Gallen.


