Standpunkt
Ein jüdisches Gen? Es ist nicht zu fassen, dass Rassentheorien in Deutschland immer noch ungehindert kolportiert werden. Aber was ist von dieser intellektuellen Perle zu halten: «Wenn ein Konvertit über die Orthodoxie zum Judentum übertritt, so trägt er das jüdische Gen. Wenn er das nicht tut, dann hat er auch das jüdische Gen nicht. So einfach ist das.» Das Zitat stammt aus einem Interview mit Eli Yishai, dem israelischen Innenminister und führenden Politiker der Shas-Partei, das David Horowitz, Chefredateur der «Jerusalem Post», Anfang August geführt hat. Wer die Kommentare Yishais über ausländische Arbeitskräfte und deren Kinder verfolgt hat, dürfte von dieser Einlassung nicht überrascht sein. An dieser Stelle ist zudem festzuhalten, dass der dem Küchenkabinett Binyamin Netanyahus angehörende Yishai sich bislang nicht von den Äusserungen des sephardischen Oberrabbiners Ovadia Yosef distanziert hat, der dem palästinensischen Volk jüngst das Verderben gewünscht hat.
Kontroverse Denkschule
Eine Woche vor Yishais Interview mit der «Jerusalem Post» hat der Sänger und Schauspieler Yehoram Gaon stolz über das «jüdische Gen» gesprochen. In seiner Radioshow auf dem Sender Reshet Bet erklärte er, die Palästinenser hätten «ein jüdisches Gen» und einige von ihnen seien sogar mit dem «Cohen-Gen» gesegnet. Die Biologin und Menschenrechtlerin Michaela Bahat schrieb dem Manager der Radiostation daraufhin: «Judentum ist keine genetische Eigenschaft und niemand hat je von einem genetischen Marker der Kohanim (Priester) gehört. Allerdings existiert eine (kontroverse) Denkschule, derzufolge Juden gewisse DNA-Sequenzen gemeinsam sind. Aber der Gebrauch von ‹Genetik› für die Etablierung gesellschaftlicher oder politischer Positionen ist gefährlich – und dies gilt für jede Doktrin, die Menschenrechte mit Blut und Rasse verbindet.» Gaons Reaktion lässt sich folgendermassen zusammenfassen: «Verlier die Perspektive nicht. Es geht hier um eine Radiosendung, nicht um eine Kabinettsitzung oder gar eine Biologiestunde.»
Jüdische Genetik ist aber auch ein Thema, das den evangelikalen Prediger John Hagee aus Texas stark beschäftigt, der seit vielen Jahren die radikalsten Kräfte in der israelischen Siedlerbewegung mit Dollar-Millionen und politischem Lobbying unterstützt. In seinem Buch «Who is a Jew?» behauptet Hagee, Hitler sei Halbjude und ein Nachkomme des biblischen Esaus gewesen. Im Mai 2008 wurde der Videomitschnitt einer Rede öffentlich, in der Hagee erklärt, Hitler habe den Willen des Herrn erfüllt, die Juden in Übereinstimmung mit biblischen Prophezeiungen zurück in das Land Israel zu bringen. Der republikanische Präsidentschaftskandidat John McCain sah sich daraufhin gezwungen, auf Distanz zu Hagee zu gehen. Kurz zuvor war Hagee Ehrengast der Siedlung Ariel. Das Siedler freundliche Organ «Arutz Sheva» beschrieb die von Hagees Unterstützern in der nach dem Prediger benannten Sporthalle von Ariel inszenierte «Ehrenzeremonie» folgendermassen: «Angeführt von lokalen Offiziellen und Bürgermeister Ron Nachman, zeigten sich Hunderte Bewohner Ariels zutiefst bewegt von den Liebesbezeugungen der christlichen Freunde Israels und reagierten mit warmem Applaus und Umarmungen. Ihre Höhenpunkt erreichte die Veranstaltung mit dem Singen der Nationalhymnen Israels und der USA.»
Zweifelhafte Freundschaft
Pastor Hagee hielt bei der Zeremonie eine aggressive und patriotische Rede. Er stellte sich rückhaltlos hinter Israel und beklagte die Politik der amerikanischen Regierung, die Israel angeblich zu Sicherheitskonzessionen den Arabern gegenüber zwingen will, die für den jüdischen Staat existentiell bedrohlich seien. Glühend vor Eifer rief Hagee aus: «Das Land Israel ist die Heimat und das Land der Juden.» Besonders lauten Applaus erntete der Prediger, als er erklärte: «Wir glauben, dass die Juden das auserwählte Volk sind, geliebt von Gott, und wir glauben, dass Jerusalem für immer unter jüdischer Souveränität vereinigt sein und niemals geteilt werden wird.»
Selbstverständlich hat der Gast seinen Fans nicht offenbart, was mit jenen ihrer Nachkommen geschehen sollte, die sich nach der Ansiedlung aller Juden dem Übertritt zum Christentum verweigern würden. Bürgermeister Nachman hat derweil jüngst erklärt, Ariel sei bei weitem nicht die einzige jüdische oder israelische Institution, die in den Genuss von Hagees Grosszügigkeit komme. Laut Nachman haben jüdische Gemeindeverbände in den USA, israelische Universitäten und namhafte Rabbiner um Unterstützung aus Hagees gut gefüllten Schatullen nachgefragt. Sogar Präsident Shimon Peres habe Hagees Hand herzlich geschüttelt. ●
Akiva Eldar ist Redaktor bei der israelischen Tageszeitung «Haaretz».


