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Oktober 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 10 Ausgabe: Nr. 10 » October 4, 2010

Mission erfüllt

Von Alexander Alon, October 4, 2010
Seit ihrer Verschleppung nach Assyrien tauchen zehn verschollene
israelitische Stämme weltweit immer wieder auf. Eine Verfolgungsjagd.
LEBEN IN ISRAEL Heute sollen über 100 000 Falaschas in Israel leben

Der Durchbruch kam 1973. Der damalige oberste sephardische Rabbiner Ovadia Josef erklärte in einem rabbinischen Gutachten, dass «die Falascha die Nachfahren jüdischer Stämme sind, die nach Süden, nach Kusch, gewandert sind. Und es besteht kein Zweifel, dass die (...) [rabbinischen] Autoritäten, welche urteilten, dass sie vom Stamme Dan seien, den Sachverhalt sorgfältig überprüft und ihr Urteil auf verlässliche Zeugnisse und Beweise gestützt haben.» Das Urteil bestätigte dem äthiopischen Stamm der Falascha, was sie schon lange gewusst hatten: erstens dass sie Juden waren und zweitens dass sie ihren Stammbaum in biblische Zeiten zurückverfolgen konnten, als die zwölf Stämme Israels noch separate, wenn auch früh zerstrittene Einheiten bildeten. Nun war der Weg frei in den israelischen Staat: Aufgrund des seit 1950 garantierten Rückkehrrechts hatten die Äthiopier bei ihrer Einwanderung Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft. Die so genannte Operation Moses, der geheime Massenexodus von 1984/85, als in nur zwei Monaten 6500 Falascha nach Israel geflogen wurden, war nur der Anfang. Heute sollen über 100 000 von ihnen in Israel leben.
Dass sich Ovadia auf den biblischen Stamm der Daniter bezog, war aber keineswegs so verlässlich und unproblematisch, wie er es darstellte. Denn die Daniter, welche zusammen mit den anderen neun Stämmen Reuven, Dan, Naftali, Gad, Asher, Issachar, Zevulun, Efraim und Menashe das sogenannte Nordreich mit der Hauptstadt Samaria bevölkert hatten, verschwanden schon in biblischen Zeiten von der Bildfläche: «Im neunten Jahre Hosesas nahm der König von Assyrien Samaria ein, führte Israel nach Assyrien in die Verbannung und siedelte sie in Halah und am Habor, dem Flusse Gosans, und in den Bergen Mediens an. (...) Israel wurde aus seinem Lande nach Assyrien in die Verbannung geführt [und blieb dort] bis auf den heutigen Tag» (2 Könige 17:6 und 23). Abgesehen von einigen assyrischen Dokumenten konnte ihnen, so der Londoner Judaist Tudor Parfitt, keine Weiterexistenz als ethnische Einheit nachgewiesen werden. Vermutlich seien sie der assyrischen Zwangsassimilierung zum Opfer gefallen und Teil der örtlichen Bevölkerung geworden. Vergessen wurden sie jedoch nicht.



Der Mythos lebt

Im Gegenteil: Vom Zeitpunkt an, da ihre Spuren im Sand verweht waren, begann die Jahrtausende währende Karriere der nun verlorenen zehn Stämme als «imaginäre Gemeinschaft» (Tudor Parfitt), die im Verlauf der Geschichte in jedem nur erdenklichen Winkel der Erde auftaucht. Parfitts Buch «The Lost Tribes of Israel» weist nach, wie die vermeintliche Identität der verlorenen zehn Stämme über so verschiedene Gruppen wie die Maori, die Briten, die Japaner, die Ureinwohner Amerikas, die Tibeter und nicht zuletzt die Falascha gestülpt wurde. Als Beweis lieferten die jeweiligen Entdecker oft sprachliche Parallelen zum Hebräischen, das sich verräterisch in Wörtern und Wendungen der vermeintlich Exilierten erhalten hätte. Hier wirken gerade die ingeniösesten Beispiele grotesk, wie etwa die Behauptung eines britischen Forschers aus dem 18. Jahrhundert, unter den Ureinwohner Amerikas müssten Israeliten sein, da einige ihrer Stämme einen gewissen Yo-he-wa verehrten. Noch heute warten zahlreiche Gruppen darauf, als verschollene Genossen Israels vom jüdischen Mainstream und vom Staat Israel in die Arme geschlossen zu werden. Lobbygruppen wie die US-amerikanische Kulanu (deutsch: «wir alle», www.kulanu.org) oder die israelische Shavei Israel (www.shavei.org) sind seit Jahren ­aktiv, um Gemeinschaften wie die Bnei Menashe aus Indien als ehemals verschollene Juden anerkennen zu lassen.
Jenseits dieser Diskussion von Wahrscheinlichkeit und Unwahrscheinlichkeit der Identifizierung bewegt sich die Frage, was die Verwendung dieses Mythos der verlorenen Stämme über denjenigen aussagt, der sich ihn aneignet. Um auf das Beispiel der Falascha zurückzukommen, seien zwei Texte aufgegriffen, in denen mit dem gleichen Wahrheitsanspruch – es handelt sich um (vermeintliche) Reisebeschreibungen – das spätere Schicksal der zehn Stämme beschrieben wird. Der erste Text gibt sich als persönlicher Bericht eines gewissen Eldad aus dem 9. Jahrhundert n. d. Z., der, selbst ein Angehöriger des Stammes Dan, vorgibt, zusammen mit den Stämmen Naftali, Gad und Asher in «Havila, wo das Gold ist» zu wohnen – mit anderen Worten im Garten Eden (Genesis 2:11). Von dort aus attackieren sie jedes Jahr die sieben Königreiche «am anderen Ufer der Flüsse Äthiopiens». Offenbar mit Erfolg: «Diese vier Stämme haben Gold und Silber und wertvolle Steine und viele Schafe, Kamele und Esel (...).» Von den übrigen Stämmen weiss Eldad ähnlich Terroristisches zu berichten. Nach den andauernden Niederlagen im Buch der Könige scheinen die zehn Stämme endlich das richtige Biotop gefunden zu haben. Die vielleicht Glücklichsten unter ihnen aus dem Stamm Moses’ werden 120 Jahre alt, sehen ihre Kinder nie sterben und leben in einer Art Kommune – zwar vom unüberwindbaren Fluss Sambation eingeschlossen, aber offenbar ohne das geringste Bedürfnis, anderswo hinzugehen.

Polemik und Mission

Diametral entgegengesetzt ist die Geschichte aus dem mit ebensolchem Wahrheitsanspruch erzählten Reisebericht Sir John Mandevilles. In einem Bergtal hinter Cathay finden sich die zehn Stämme, eingeschlossen durch Gott höchstpersönlich mit Hilfe unüberwindbarer Berge. Und dies nicht ohne Grund, handelt es sich hier doch um ungleich gefährlichere Juden als die bei Eldad: Mandeville identifiziert die Eingeschlossenen mit den Völkern Gog und Magog, welche, wie in der Offenbarung des Johannes (Off. 20) nachzulesen, mit dem aus der Gefangenschaft entlassenen Satan zusammen gegen die Heiligen ziehen werden. Zu dieser unrühmlichen Rolle gesellt sich noch die Schmach, der Wächterin, welche den einzigen Ausgang aus dem Tal bewacht, Tribut zahlen zu müssen. Schienen sich die zehn Stämme bei Eldad im Exil durchaus wohl zu fühlen, werden sie bei Mandeville mit apokalyptischen Verbrechervölkern gleichgesetzt, die man sicherheitshalber weggesperrt hat. Beiden Geschichten ist die Herkunft aus der Bibel anzumerken, beide Geschichten beantworten eine vermeintlich offen gebliebene Frage im Buch der Könige – nämlich was mit den zehn Stämmen nach deren Exil geschehen sein könnte.
Im halachischen Verfahren um die Anerkennung der Falascha als Abkömmlinge des Stammes Dan war es, nach Parfitt, vermutlich gerade der Text Eldads, welcher den Beleg lieferte, dass sich, als sogenannter «wahrer Kern» der Geschichte, Juden im 9. Jahrhundert in Äthiopien angesiedelt hätten. Die Gegenüberstellung dieser beiden Geschichten zeigt aber, so glaube ich, dass es vermutlich unmöglich ist, in einem solch wandlungsfähigen Mythos einen Kern der Wahrheit zu entdecken. Vielmehr wird hier klar, dass die Wahrheit biegsam ist und sich den Anforderungen und dem Geschick des Erzählers anpasst. Der Mythos der zehn verlorenen Stämme dient der Selbstdefinition und gleichzeitig der Abgrenzung von dem als fremd Empfundenen. Es sei angemerkt, dass in einer jüdischen Variante der Mandeville-Geschichte die eingeschlossenen Völker mit den Israeliten nicht das Geringste zu tun haben! (Diese jüdische Variante findet sich in Micha Josef Bin Gorions Erzählsammlung «Der Born Judas» unter dem Titel «Die eingeschlossenen Wilden»). Damit scheint der Mythos der zehn Stämme in einer Art Ping-Pong-Polemik von philo- zu anti- und wieder zu philosemitischer Ansicht zu pendeln.
Aber könnten die Falascha, aller Unwahrscheinlichkeit zum Trotz, nicht doch mit dem Stamme Dan identisch sein? Die Ursprünge ihres Glaubens sind kaum dokumentiert; ihre Selbstwahrnehmung als Israeliten geht jedoch mindestens auf das 12. Jahr­hundert zurück. Israeliten, aber nicht Juden: Entsprechend dem nationalen Mythos Äthiopiens war der erste König Äthiopiens der Sohn König Salomons und der Königin von Saba gewesen – ein Mythos, so Parfitt, in dem «Juden» im allgemeinen negativ typisiert werden.
In einer erstaunlichen, aber offenbar nicht untypischen Wende, führten die Kontakte der Falascha mit europäischen Missionsbewegungen im
19. Jahrhundert dazu, dass diese Selbstidentifizierung derjenigen als Juden wich. In ihrem Bestreben, die fremde, aber doch irgendwie «jüdisch» scheinende Ethnie zu charakterisieren, hatten die Missionare auf den Mythos der verlorenen zehn Stämme rekurriert und die Falascha mit der für sie neuen Idee bekannt gemacht, möglicherweise ein verlorener Stamm Israels zu sein. Drastische Missionspraktiken, wie die Bemühung, Falascha-Priester als inkompetent darzustellen, waren nur der erste Schritt, um das Selbstvertrauen der Falascha zu schwächen.
Kontakte im frühen 20. Jahrhundert mit jüdischen Gelehrten wie ­Jacques Faitlovitch in Form grosszügigen Errichtung von Schulen in Addis Abeba, Asmara und kleineren Dörfern taten ein Übriges und erklären, wie die Falascha, freiwillig oder unfreiwillig, Teil des Mainstream-Judentums wurden. «Die Falascha sind Juden, die wir vor der Assimilation retten müssen», hatte Rabbiner Ovadia seinen Entscheid begründet, offenbar ohne zu bedenken, dass für die Falascha gerade der Eintritt ins Judentum eine Assimilation bedeutet hatte. Stärkung einer Kultur durch Verleugnung einer anderen: Der Mythos der zehn verlorenen Stämme hatte erneut seine aus- und einschliessende Macht demonstriert.    ●


Alexander Alon ist Journalist mit Schwerpunkt Literatur.



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