Die anderen Juden
Davon gar nicht einmal so weit entfernt kochen Debatten um die jüdische Identität hoch, die jüngst etwa von den Thesen Thilo Sarrazins in Deutschland ausgelöst wurden. Seine Spekulationen über angeblich mit einem «jüdischen Gen» verbundene Eigenschaften haben den SPD-Politiker seinen Vorstandsposten bei der Bundesbank gekostet. Aber die israelische Journalistin Akiva Eldar weiss zu berichten, dass derlei Gedanken im jüdischen Staat selbst zumal auf nationalreligiöser Seite gang und gäbe sind. Im Zentrum der vorliegenden Ausgabe stehen jedoch keine dogmatischen Debatten, sondern Recherchen nach Spuren jüdischer Traditionen, die im Kaukasus, im Süden Indiens, nicht zuletzt aber auf dem amerikanischen Doppelkontinent und in der Karibik abseits jüdischer Populations- und Kulturzentren existieren.
So berichtet Shalva Weil von der Hebrew University über die Cochin-Juden der Malabar-Küste am Indischen Ozean, während der Basler Journalist Andreas Schneitter mit einem Reportagebesuch den Leser zu den Bergjuden Aserbaidschans führt. Mit dem in Albuquerque lebenden Historiker Stanley Hordes kommt überdies ein führender Experte für die «heimlichen Juden» in Mexiko und im ehemals spanischen Südwestens der USA zu Wort. Hordes leitet nun ein Forscherteam, das mit der Untersuchung sephardischer Traditionen in einst unter spanischer Herrschaft stehenden Karibikinseln wie Puerto Rico, Jamaica oder Kuba begonnen hat. Hier umreisst der ehemalige «offizielle Historiker» des US-Staates New Mexico das auf etliche Jahre angelegte Projekt.
Hordes war dem aufbau zudem ausserordentlich bei einer Reportage behilflich, die unseren US-Korrespondenten Andreas Mink nach Albuquerque und Santa Fe geführt hat. Dort konnte Mink eine Reihe von Nachkommen «heimlicher Juden» treffen, die sich häufig seit Jahrzehnten mit den Traditionen ihrer Familien auseinandersetzen. Diese «Crypto-Juden» oder (hebräisch) «Anusim» stammen von Sephardim ab, die vor 500 Jahren in Spanien – und danach in Portugal – zum Übertritt in die katholische Kirche gezwungen worden sind, aber heimlich an ihrem Glauben festgehalten haben. Forscher wie Hordes zweifeln heute nicht mehr daran, dass sephardische Juden sich durch die Abwanderung an die Ränder des spanischen Kolonialreiches der Inquisition entzogen haben. Doch der Augenschein in New Mexico offenbart, dass ihre Nachkommen dieses Erbe als Herausforderung empfinden, auf die es keine einfachen Antworten gibt (wir werden dazu auf unserer Internetseite zusätzliche Informationen bereitstellen). Vor diesem Hintergrund erstaunt der Beitrag von Philipp Theisohn um so mehr. Der Zürcher Kulturwissenschaftler zeigt, wie die spanischen Konquistadoren unter südamerikanischen Indianern ausgerechnet die Verwandten der Juden zu erkennen glaubten, die sie vor ihrem Aufbruch in die Neue Welt aus ihrer alten Heimat vertrieben hatten. ●


