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New York in Warschau?

Von Katja Behling, September 22, 2010
Ein Baustopp lähmt die Pläne für Zlota 44, ein polarisierendes Hochhausprojekt von Daniel Libeskind im Herzen Warschaus. Es soll eine neue Ikone der polnischen Metropole werden. Doch nun gibt eine juristische Schlammschlacht um das umstrittene Bauprojekt.
HAUS DER SUPERLATIVE Das Projekt Zlota 44 (hier ein Modell) steht für das neue Selbstverständnis Warschaus

Seit März 2009 stehen die Bagger und Kräne in der Zlota-Strasse 44 still. Dort, im Warschauer Stadtzentrum, befindet sich der Rohbau mit bisher
17 Stockwerken eines spektakulären Wolkenkratzers. Das beim Zentralbahnhof angesiedelte Objekt soll auf eine Höhe von 192 Metern anwachsen und über 54 Stockwerke verfügen. Es erhält die Form eines Adlerflügels, eines Flügels des polnischen Wappentieres, wird aber im Volksmund Zagiel (Segel) genannt. Das Gebäude wurde von dem aus Polen stammenden amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind konzipiert. Von dem ehrgeizigen Vorhaben fühlen sich jedoch sieben Anwohner gestört, die im Juni 2008
eine Klage gegen die Baugenehmigung beim Bezirksvorsteher von Masowien einreichten, wie das «Handelsblatt» berichtete. Die Klage wurde abgewiesen, doch das Verwaltungsgericht des Bezirkes entzog der Orco Property Group im Juli 2009 praktisch die bereits erteilte Baugenehmigung. Deshalb konnte der Bauträger die Arbeiten seitdem nicht wieder aufnehmen. Orco ging in Revision. Das Oberste Verwaltungsgericht wies die Anfechtung des Urteils jedoch Ende Juni 2010 zurück.



Ökologie und Luxus

Seit über einem Jahr geht nichts mehr. Die Investorengruppe Orco Property Group hatte 2008 mit dem Bau begonnen, wurde dann aber von der Finanzkrise getroffen. Nun verfügt das Unternehmen aber nach eigenen Angaben wieder über die erforderlichen Mittel, um den Bau fortzusetzen. Allein bis zum Baustopp sollen 90 von insgesamt 251 geplanten Luxuswohnungen verkauft worden sein, mittlerweile habe gut die Hälfte aller Wohnungen bereits einen Eigentümer gefunden. Der Preis pro Quadratmeter liegt durchschnittlich bei rund 28 000 Zloty, knapp 7000 Euro. Dafür wird einiges geboten: Nach ökologischen Prinzipien geplant, soll das Hightech-Haus neue Massstäbe in Energie- und Wassereinsparung setzen. Es schmiegt sich harmonisch in seine Umgebung ein, viel Glas lässt das Tageslicht hinein. Die luxuriösen Appartements mit Deckenhöhen von bis zu drei Metern sind hochmodern und bieten viel Platz – nicht selbstverständlich in zentralen City-Lagen. Dachgärten sorgen für natürliches Grün, ein Fitness-Spa mit einem
25 Meter langen Edelstahlpool für Entspannung und Fitness, ein Parkhaus für perfekte Anbindung, ein Doorman rund um die Uhr für Service und Sicherheit. In den Wohnungen selbst sollen, so sieht es das Reissbrett vor, Touchscreen-Computer von der Lichtstärke bis zum Raumklima alles regeln.
Doch das Gebäude soll nicht nur eine perfekte Welt für seine Bewohner werden. Es versteht sich auch als ein Tribut an die City. Als eine neue Ikone Warschaus soll das aussergewöhnliche Objekt die Stadtmitte beleben. Gelegen im Herzen Europas, ist die polnische Hauptstadt Schauplatz dramatischer historischer Ereignisse gewesen, und es ist dieses Fundament, auf dem sich Warschau für die Zukunft neu positioniert. Rund 20 Jahre nach der Wende hat sich das politische wie kulturelle Gesicht der Stadt gewandelt. Die moderne Architektur dieses Hauses soll das ausdrücken.

Ein einzigartiges Gebäude

Der 1946 in Polen geborene und später nach Israel und in die USA ausgewanderte jüdische Architekt Libeskind macht sich für sein Projekt – das erste in Polen – stark. «Ich kenne diesen Ort seit meiner Kindheit. Es ist das Herz Warschaus – eine Stadt mit unausgeschöpftem Potenzial. Zlota 44 wird diesen Reichtum an Möglichkeiten symbolisieren und seinen Wert für die Welt unterstreichen. Es ist ein Gebäude, das für die Bestrebungen und Hoffnungen der Stadt steht, ein einzigartiges Gebäude, geformt von Warschaus Geschichte und seinem Licht», so Daniel Libeskind auf der Website des Projekts. Er warnte davor, durch das Hickhack investitionsfeindliche Signale an ausländische Geldgeber zu senden. Wer werde Kapital auf dem polnischen Immobilienmarkt anlegen, wenn dort erteilte Baugenehmigungen auch nach Baubeginn wieder entzogen werden?
Libeskind wurde vor allem durch seinen ausdrucks- und symbolstarken Bau des Jüdischen Museums in Berlin bekannt. Ausserdem entwarf er den Freedom Tower, der auf dem Gelände des zerstörten World Trade Center in New York entstehen soll. Das umstrittene Gebäude in Warschau steht unverkennbar für einen Einschnitt in der städtebaulichen Architektur, in der auch Wohnhäuser immer ausgefallenere Designs aufweisen. In diesem Fall zudem die unverwechselbare Handschrift eines der bedeutendsten Architekten der Gegenwart.



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