Die urbane Wende
Seit 1950 haben die Städte fast zwei Drittel der weltweiten Bevölkerungsexplosion absorbiert und sie wachsen heute jede Woche um mehr als eine Million Menschen an. Experten sagen voraus, dass sich das künftige Wachstum der Weltbevölkerung fast ausschliesslich auf die Städte konzentrieren wird, wobei 95 Prozent dieses Zuwachses auf die urbanen Gebiete in Entwicklungsländern fällt. Bereits heute stellen Geschwindigkeit und Ausmass der Urbanisierung in der «Dritten Welt» sogar jene des viktorianischen Europas in den Schatten.
Urbanisierung ohne Wachstum
Die Urbanisierung, wie sie sich in der «Dritten Welt» vollzieht, ist zwar in einigen Punkten mit ihren Vorläufern im Europa und Nordamerika des frühen 19. und 20. Jahrhunderts vergleichbar, sie unterscheidet sich von diesen aber in einem wesentlichen Punkt: Sie findet ohne Wirtschaftswachstum statt. Diese beängstigende Tatsache macht sich bereits heute deutlich bemerkbar. Städtewachstum ohne Wirtschaftswachstum ist ein sicheres Rezept für die Konzentration von Armut, die Entstehung von Slums. Wie ein bereits 2003 erschienener Bericht von UN-Habitat festhält, ist Städtewachstum in einem grossen Teil des Südens eigentlich vorwiegend auf das Wachstum der dortigen Elendsviertel zurückzuführen.
Schon heute lebt etwa ein Sechstel der Menschheit in Slums. Mindestens die Hälfte der Bevölkerungsexplosion in der «Dritten Welt» wird sich laut Schätzungen von UN-Wissenschaftlern in den nächsten 30 Jahren in den dortigen Slums vollziehen. Das entspricht zwei Milliarden Menschen.
Ein Leben auf dem Friedhof
Die Behausungen der Zukunft werden für einen grossen Teil der Menschheit nicht als moderne Bauwerke aus Stahl und Glas daherkommen, sondern eher als Hütten aus Müll, Blech und Plastik. Die Elendsviertel heissen Villa Miseria, Favela, Shanty Town, Gecekondu oder Bidonvilles. Ihnen gemeinsam sind die vielen Mangelerscheinungen: Es fehlt an grundlegender Infrastruktur wie etwa fliessendem Wasser, Kanalisation, Elektrizität oder Gesundheitsversorgung. Oft handelt es sich um informelle Siedlungen, welche von offizieller Seite nicht anerkannt werden und auf keiner Landkarte auftauchen. UN-Habitat definiert Slums als Siedlungen, in denen «mehr als die Hälfte der Einwohner in unzumutbaren Unterkünften ohne grundlegende Versorgungseinrichtungen leben». Oft entstehen Slums an den Rändern der Grossstädte auf herrenlosem Gebiet. Auf der Suche nach Wohnraum siedeln sich die Menschen in allen nur erdenklichen noch zugänglichen Nischen an.
Der Journalist Max Rodenbeck berichtet von Siedlern, welche in Kairo ehemalige jüdische Friedhöfe besetzen und sich in pharaonischen Gruften niederlassen. Auch Kairos «Totenstadt» sorgte schon oft für Schlagzeilen: Auf einem riesigen Friedhof leben zurzeit mehr als 300 000 Menschen dicht gedrängt in Wohngräbern zusammen mit den Verstorbenen. Gaza – eigentlich eine urbanisierte Anhäufung von Flüchtlingscamps – könnte mit seinen etwa 750 000 Einwohnern heute als grösster Slum der Welt betrachtet werden. Zahllose Grossstädte Asiens, Afrikas, Amerikas und auch Europas sehen sich vermehrt mit wuchernd wachsenden, informellen Siedlungen konfrontiert.
Weggeworfene Menschheit
Städte der Zukunft werden gerade in der Dritten Welt nicht Zentren des Wohlstands und Wachstums sein, sondern eher letzte Zufluchtsstätte für eine immer grösser werdende, überschüssige Bevölkerung, für welche es im modernen Kapitalismus keinen Platz mehr gibt. Ein Proletariat ohne Fabriken, Werkstätten und Arbeit. Slums werden mit den Worten Zygmunt Baumans zur Müllhalde für diesen «menschlichen Abfall». Oft genug entstehen Elendsquartiere in unmittelbarer Nähe zu – oder gar auf tatsächlichen Entsorgungsstätten, so dass dieser Vergleich sich tragisch bewahrheitet. Diese überwiegend junge Bevölkerungsschicht ist eine historische Neuerscheinung. Zwar überlebten etwa in Neapel, Dublin oder im Londoner East End des 19. Jahrhunderts ebenfalls zahlreiche überschüssige Arbeitskräfte durch Schattenwirtschaft und geniale Improvisationskunst, das Ventil, das diese Katastrophe zu lindern vermochte, war jedoch die Emigration, die ein massloses Anwachsen der Slums verhinderte. Heute ist das überschüssige Proletariat mit beispiellosen realen und symbolischen Mauern konfrontiert. Von offizieller Seite gibt es keinerlei Vorstellung darüber, wie diese überflüssigen Arbeiter in die formelle Wirtschaft eingegliedert werden könnten. Die einzig tatsächlich angewandte Strategie ist der Aus- beziehungsweise der Wegschluss und die Verdrängung in Elendsviertel und Gefängnisse.
Architektur der Sicherheit
In Israel, den USA oder Lateinamerika boomen auf der anderen Seite sogenannte Gated Communities, Inseln des Wohlstands in einem Meer der Unsicherheit, auf welche sich die privilegierten Bevölkerungsschichten zurückziehen. Mauern und Zäune umgeben Israel, Europa oder die USA und eine immer restriktivere Einwanderungspolitik lässt die reichen Länder zu Gated Communities im grossen Massstab werden. Zudem sorgt eine durch die neoliberale Rhetorik der Selbstverantwortung legitimierte Politik der Kriminalisierung von Armut und Elend dafür, dass ein beachtlicher Teil dieser neuen urbanen Armen in Gefängnissen weggesperrt wird. So verbuchen die USA mit heute über zwei Millionen Gefangenen eine absurd hohe Inhaftierungsrate und die Sicherheitsbranche avancierte zum drittgrössten Arbeitgeber im Lande.
Die Strategie der Nulltoleranz, wie sie der ehemalige Bürgermeister New Yorks Rudolph Giuliani Anfang der 1990er-Jahre lancierte, wird trotz nachhaltigen Fehlschlagens auch heute fleissig in aller Welt nachgeahmt. So sind brutalste Vorgehensweisen der Armee in den Favelas von Rio de Janeiro, San Salvador oder Manila an der Tagesordnung. Armut wird zum Verbrechen, und das Pentagon sieht in den Slums der Dritten Welt derweil die Schlachtfelder der Zukunft. Der Stadtforscher Mike Davis zitiert eine Zeitschrift des Army War College, in welcher es heisst: «Die Zukunft der Kriegsführung liegt in den Strassen, Abwasserkanälen, Hochhäusern und dem Häusermeer, aus denen die zerstörten Städte der Welt bestehen.» Es bleibt abzuwarten, ob die «weggeworfene Menschheit» nicht letztlich zu Marxens Träger der Geschichte avanciert.


