Architektonische Selbstporträts
Viele dieser Häuser sind erhalten, darunter die Wirkungsstätten und Lebensräume jüdischer Künstler wie Max Liebermann. Künstler haben zu ihren Häusern eine besondere Beziehung. Sie sind oftmals zugleich Arbeitsplatz und Refugium, Ort der Musse und Kreativität – und soziale Bühne. Sie fordern ihre Bewohner selbst zur Gestaltung heraus. Damit werden sie zu eigenen kreativen Schöpfungen, zu einem weiteren Medium des Künstlers und manchmal zum eigenständigen Gesamtkunstwerk. Immer aber verraten Künstlerhäuser viel über ihre Besitzer und deren Auffassung von Kunst.
Malerfürst und armer Schlucker
Lässt man die Jahrhunderte Revue passieren, so spiegelt sich in diesen Wohnstätten die ganze Vielfalt des Künstlertums wider. Im 19. Jahrhundert fächerte sich das Bild des Künstlers zwischen erfolgreichem Karrieristen und verkanntem Talent weiter auf: Dachkammern bei der Pariser Bohème oder fast aristokratische Paläste für Malerfürsten wie Francisco de Goya, der 1819 den prächtigen Landsitz Quinta del Sordo erwarb. Und «Malfabriken» wie die ab 1887 errichtete Münchner Renaissancevilla Franz von Lenbachs, die alles bisher Gebaute in den Schatten stellte. Eugène Delacroix konnte sich ein Atelier nach eigenen Plänen in Paris errichten lassen, Frederic Lord Leighton integrierte einen maurischen Saal in sein Londoner Luxushaus, Arnold Böcklin leistete sich gleich mehrere Wohnsitze und Franz von Stuck setzte Massstäbe in München. Francesco Paolo Michetti verwandelte ein Kloster bei Francavilla al Mare in ein Kunstheiligtum.
Vor allem die Impressionisten prägten das Bild vom armen Künstler in bescheidener Behausung, dessen Mobiliar sich auf das Notwendige beschränkte und immer ein Provisorium zu sein schien. Für andere, etwa Claude Monet, wurde ein Garten zur bevorzugten Stätte ihrer Freuden und ihres Schaffens an der Staffelei. Aus dem Nomadentum der Künstler, die vom Licht angezogen, vor allem in der freien Natur malten, entwickelte sich eine neue Lebensform: die Künstlerkolonie, in der oftmals kleine Bauernkaten wie in Fontainebleau, Barbizon oder Worpswede den ideale Raum boten.
Surrealisten auf der Farm
Mit dem Aufbruch in die Moderne nahm auch die Vielfalt der Lebensformen weiter zu. Ateliergemeinschaften entstanden, und eine Reihe von Avantgardisten gestaltete ihre Wohnhäuser zu begehbaren Kunstwerken um – darunter Salvador Dalí in Spanien und Friedensreich Hundertwasser in Wien. Gabriele Münter prägt das oberbayerische Murnau. Der von Franz Kafka bewunderte tschechische Bildhauer František Bílek schuf für sein Landhaus in Böhmen ein Relief – die Architektur des Hauses war so neuartig, dass es als eines der ersten Bauwerke des Jugendstils gilt. Im ehemaligen Atelier des Franzosen Gustave Moreau, Sohn eines Architekten, befindet sich das nach dem Künstler benannte Museum – er selbst hatte die Idee dafür und verwirklichte sie 1895.
Ob idyllisches Cottage auf dem Lande, ob elegantes Stadthaus oder luxuriöses Palais – die Häuser spiegeln das Selbstverständnis und die Weltsicht derer, die ihnen Leben einhauchten: kühle Sachlichkeit bei René Magritte, schwülstiges Durcheinander bei Alfons Mucha, ein Spukschloss beim depressiven Alfred Kubin und blaue Pasta mit rosa Sauce im Landhaus der Surrealisten.
Auf Farley Farm, einem von aussen trutzigen Gemäuer in den grünen Hügeln der Sussex Downs in Südengland, wurde surrealistisch gekocht. Zu Gast bei der progressiven Fotografin und Muse der Surrealisten Lee Miller waren bedeutende Maler wie Pablo Picasso und Max Ernst, zeitweise Ehemann der Kunstmäzenin Peggy Guggenheim. Ebenso der Karikaturist Saul Steinberg: Er wässerte mit Vorliebe den Garten. Lee Miller, die als Kriegsberichterstatterin der Alliierten 1944 über die Befreiung der Konzentrationslager Buchenwald und Dachau berichtet hatte, und ihr Mann Roland Penrose kauften das Anwesen 1949. Der britische Maler und seine Gattin verwandelten es in einen gastlichen Ort. Heute ist es ein begehbares Kunstwerk für Liebhaber des Surrealismus.
Europäische Bohème in Berlin
Der Rolle Berlins als einer der führenden Kunststädte Europas entsprechend, arbeiteten viele Künstler seinerzeit in der deutschen Metropole. Eines der heute berühmtesten Künstlerhäuser Berlins ist das des Malerfürsten Max Liebermann. Eigentlich gab es zwei Häuser. Eines am Pariser Platz direkt am Brandenburger Tor und eines im Grünen am Wannsee. Das prachtvolle städtische Atelierhaus Liebermanns, des Mitbegründers und ersten Präsidenten der Berliner Secession, ist architektonisch von einer «oppositionellen Haltung» bestimmt, wie es in einem vom Georg-Kolbe-Museum herausgegebenen Atelierführer durch die Berliner Künstlerateliers formuliert wird. Der Architekt Hans Grisebach – der sich selbst in der Fasanenstrasse ein bis heute erhaltenes Künstlerhaus errichtete – hatte für den erfolgreichen Maler auf dem elterlichen Palais ein schlichtes und helles Atelier entworfen. 1909 liess Liebermann sich in der Colonie Alsen am Wannsee noch eine Sommerresidenz errichten. Dabei legte der etablierte Künstler weniger Wert auf eine repräsentative Architektur als vielmehr auf die Gestaltung der Gartenanlage. Für die Anordnung der Pflanzen zog er den Direktor der Hamburger Kunsthalle Alfred Lichtwark als Berater hinzu.
Mit beiden Häusern distanzierte sich Liebermann vom Bild des sogenannten Künstlerfürsten. Gleichwohl befand er sich in bester Künstlergesellschaft. Nicht nur die Villenkolonie am Wannsee, auch der Grunewald sowie Charlottenburg und Umgebung entwickelten sich zu Beginn des
20. Jahrhunderts zu bevorzugten Gegenden begüterter Schichten und damit auch zu Vierteln, in denen Künstler sich ihre Häuser errichten liessen. Erich Mendelsohns Räumlichkeiten in Berlin nehmen eine Sonderrolle unter den Künstlerhäusern ein. Sein Architekturbüro zählte in den zwanziger Jahren zu einem der grössten auf dem Kontinent. Mendelsohn konstruierte etwa den Einsteinturm in Potsdam.
Der Maler Felix Nussbaum wirkte ebenfalls in Berlin. Der hervorragende jüdische Künstler gehörte zu denen, die in den Atelierräumen der Berliner Hochschule für Bildende Künstler arbeiteten. Er studierte in den Jahren 1922 bis 1931 bei Hans Meid im ersten Stock des Hauptgebäudes. 1932 fuhr er nach Italien – und sollte nicht mehr nach Deutschland zurückkehren. Nussbaum wurde 1944 im KZ Auschwitz ermordet.
Der Zweite Weltkrieg setzte auch in der Geschichte der Künstlerhäuser eine brutale Zäsur. Doch schon vorher kündigte sich ein Wandel an. Die Künstlerhäuser wurden in den zwanziger Jahren kleiner und weniger repräsentativ ausgeführt. Der gestalterische Schwerpunkt lag nicht mehr auf historischen Reminiszenzen an Kunst und Kultur, sondern in der Auseinandersetzung mit der Moderne. Doch auch unter diesen Umständen blieb das Haus des Künstlers weiterhin Ausdruck einer Haltung, die dem Zeitgeist entsprechend in veränderter Weise inszeniert wurde. Dies ist vielerorts bis heute spürbar.


