Familiengeschichte und Judenmission
Der Klappentext informiert: «In diesem Buch erzählt Theophil Spoerri in Form einer sich über drei Generationen hinweg erstreckenden Familiensaga das letzte Kapitel der Geschichte der protestantischen Judenmission.» Das stimmt und stimmt nicht. «Perlen für Messias» ist inhaltlich nicht auf das Ende der Judenmission ausgerichtet; diese geht nur lokal und kommentarlos im Buch unter, ob sie damit als solche zu Ende gegangen sei, wird nicht erörtert. Dennoch wird der dem Phänomen der Judenmission viel Raum gewährt: nicht nur durch die Geschichte der Figur, die dem Vater des Autors entspricht, der als konvertierter Jude in Rumänien Juden missionierte, 1941 jedoch im Deportationszug mit anderen Juden zu Tode gequält wurde, sondern auch in Form ausführlicher Zitate missionarischen Gedankenguts.
Von Feinstein zu Spoerri
Der Autor Theophil Spoerri, pensionierter reformierter Basler Seelsorger, wurde 1939 in Jassy in Rumänien nicht als Spoerri, sondern als Feinstein geboren und nennt sich als Sänger jiddischer Lieder Ben-Jizchak Feinstein. So stellt er sich auch in die Linie seines als Jude geborenen Vaters Isak Feinstein, der sich als Prediger mit seiner Frau, der in der Schweiz geborenen Lehrerin Lydia Spoerri (Spross einer ebenfalls missionierenden Methodisten-Familie), für die Judenmission engagieren liess.
In einem ersten Teil wird, mit jiddischen Ausdrücken gespickt, die väterliche Seite vom chassidischen Urgrossvater über die Assimilation bis zum Missionar dargestellt, ein zweiter zeichnet die mütterliche Schweizer Linie nach, im dritten liest man von ihrer Verbindung in der Familie mit sechs Kindern, von denen das jüngste, Philipp, den Autor darstellt, und auch der älteste Bruder David ist kaum von Theophils Bruder, dem Künstler Daniel Spoerri, unterscheidbar. Das Paar, das 1928 heiratete, lebte in einer zunehmend judenfeindlichen Welt, und schliesslich wird der noch junge Vater deportiert. Er überlebt die Deportation nicht. Der Mutter gelingt es, 1942 mit den Kindern in die Schweiz zurückzukehren. Ihre Rettung vor Verfolgung war mit der Einreise in die Schweiz besiegelt (die nach der Schliessung der Schweizer Grenze für jüdische Flüchtlinge durch Einwirkung des Onkels und Namensvetters Theophil Spoerri, Rektor der Universität Zürich, bei Heinrich Rothmund ermöglicht wurde), jedoch auch das endgültige Auseinanderbrechen der vaterlos gewordenen Familie. Die Kinder wurden in verschiedenen
Familien untergebracht.
«Sohn eines Märtyrers»
In Vorwort und Nachwort klingt etwas von den Beweggründen an, die den Autor zum Verfassen der Saga geführt haben. Es ist nicht nur das fiktive Zusammenführen der Familie, es ist wohl auch die Aufklärung jener Verklärung des Mordes an seinem Vater zu einer Heiligenlegende, die die 1984 verstorbene fromme Mutter dem jüngsten Sohn, der sich an seinen Vater nicht erinnert, erzählte, sodass er sich als «Sohn eines ‹Märtyrers›» sah, der «furchtlos mit seinen jüdischen Brüdern den Todeszug bestiegen und dadurch ein Zeugnis seines unerschütterlichen [christlichen] Glaubens» abgelegt haben soll – als «freiwillige Opfertat zugunsten seiner Kinder und als Beweis von Gottes unerforschlichem, aber letztlich gnädigem Handeln». – Um das Dilemma historischer Romane, denen diese Saga ähnelt, kommt auch «Perlen für Messias» nicht herum: dass die Leser dazu gebracht werden, sich für die historischen Ereignisse zu interessieren, aber nie wissen können, wo die Fiktion beginnt. Es gibt keinen Ich-Erzähler im Buch, keinen Kommentar aus dem Off – dennoch ist die um Ausgewogenheit in jeder Hinsicht bemühte Stimme des Autors überall vernehmbar. Katarina Holländer
Theophil Spoerri: Perlen für Messias. Die Goldstein-Hufschmid-Saga. Verlag Huber, Frauenfeld 2010.


