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22. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 38/39 Ausgabe: Nr. 38 » September 22, 2010

Der Etrog von Neuseeland

Von Emanuel Cohn, September 22, 2010
Der Etrog, die gelb-grüne Zitrusfrucht des Sukkot-Feststrausses, hat eine besondere Bedeutung. Diese soll durch die folgende Geschichte, welche sich vor zehn Jahren in Neuseeland zugetragen hat, veranschaulicht werden.
DIE ZITRUSFRUCHT ZU SUKKOT In Australien ist koscherer Etrog Mangelware

Am Sukkotfest werden die «arba minim», vier Pflanzenarten, beim Gebet feierlich gehalten und geschwungen. Diese bestehen bekanntlich aus einem Etrog (Zitrusfrucht), einem Lulav (Palmenzweig), drei Hadassim (Myrtenzweige) und zwei Arawot (Bachweiden). Im Talmud wird betont, dass diese vier Pflanzenarten des Lulav-Gebots sich gegenseitig bedingen, dass also, wenn sie nicht vollständig sind, die Mizwa nicht erfüllt werden kann.
An dieser Stelle erlaube ich mir, eine persönliche Anekdote zu erzählen. Jedes Jahr, wenn Sukkot vor der Tür steht, muss ich mich an jenen Sukkot in Neuseeland erinnern, welchen ich vor genau einem Jahrzent erlebt habe. Damals, kurz nach unserer Hochzeit, sprach meine frischgebackene Frau: «Wir fahren dieses Jahr für die Feiertage zu meiner Familie nach Neuseeland. Du musst meine Grossmutter kennenlernen.» Diese müsse schliesslich ihre Zustimmung für die (mutige) Wahl ihrer Enkelin geben. Gesagt, getan.
Neuseeland ist ein geografisch isolierter Inselstaat im südlichen Pazifik. Um die Flora und Fauna – darunter 80 Millionen Schafe – ihres Landes vor unbekannten Krankheiten zu schützen, haben die Einheimischen strikte und höchst bürokratische Vorbeugemassnahmen bezüglich des Imports von Pflanzen und Tieren getroffen. Die berüchtigte Ministry of Agriculture and Forestry (MAF) steht im Volksmund für eine «agrikulturell-bürokratische Schlagtruppe», deren heilige Aufgabe es ist, die Neuseeländer vor illegalen und gefährlichen Brombeeren, Ameisen, Blättern und Salamischeiben zu schützen.



Keine Feststräusse

Meine Frau und ich planten, die ersten zwei Sukkotfeiertage in Auckland und eine Woche später Simchat Thora in Wellington zu verbringen. Zwischendrin, an Chol Hamoed Sukkot, wollten wir in diesem wunderschönen Land herumreisen. Also bestellten wir ein Arba-Minim-Set bei der Jüdischen Gemeinde. Diese besitzt eine spezielle Erlaubnis – vom MAF, versteht sich –, eine gewisse Anzahl «arba minim» aus Israel alljährlich zu importieren. Alsbald jedoch liess uns die Jüdische Gemeinde Aucklands wissen, das MAF erlaube es nicht, die Feststräusse aus der Synagoge herauszunehmen, da letztere als «Quarantänestation» betrachtet werde. Sofort nach dem Sukkotfest würden MAF-Gesandte erscheinen, jede einzelne der vier Pflanzen aller registrierten Feststräusse zählen, um sicherzustellen, dass keine einzige das Areal verliess und somit das Land in Gefahr brächte – und schliesslich allesamt vernichtete.

«Made in Neuseeland»

Diese Einschränkungen hätten jedoch einen Strich durch unsere Reisepläne gemacht. Da ich zu jener Zeit immerhin schon einige Jahre lang die israelische Mentalität verinnerlicht hatte, war mir klar, dass ein «Nein» nicht wirklich als Endstation bewertet werden muss. Also baten wir das MAF direkt in einem «dringenden Gesuch», uns das Transportieren eines einzigen Feststrausses für religiöse Zwecke zu gestatten. Natürlich wurde unser Anliegen abrupt und in streng bürokratischer Höflichkeit abgewiesen. Auch unser grosszügiger Vorschlag, die «religiösen Pflanzen» stets in einer geschlossenen Plastikhülle zu bewahren, stiess auf taube Ohren. Man versuche einmal, einem nicht jüdischen neuseeländischen Beamten klarzumachen, dass man dieses Grünzeug weder zu essen noch zu riechen gedenke, sondern es lediglich bei einem religiösen Ritual halten und vielleicht etwas schütteln wolle. Nachdem wir realisiert hatten, dass Verhandlungen mit dem MAF ziemlich bis sicher aussichtslos waren, entschieden wir uns, unser Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen und unseren eigenen Feststrauss «Made in Neuseeland» zu kreieren.
Arawot waren die einzigen der vier «Zutaten», die man problemlos besorgen konnte. Einen Lulav fanden wir im Garten der Tante meiner Frau. Nun stelle man sich vor, wie schwer es ist, einen – koscheren! – Etrog auf einer Insel im Pazifischen Ozean aufzutreiben, deren Jahreszeiten entgegengesetzt zu jenen unserer Region verlaufen. Zufällig hörten wir von einem jüdischen Mann namens John Goldwater, der einige Tage zuvor verstorben war. Er soll versucht haben, einen Etrogbaum auf seiner Farm auf den Waihiki-Inseln, eine Stunde Bootsfahrt von Auckland entfernt, zu pflanzen. Zufällig erfuhren wir, dass Goldwaters Neffe auf Besuch sei und das Wochenende vor Sukkot auf der Farm zu verbringen gedenke. Wir knüpften mit ihm Kontakt und baten den sichtlich überraschten jungen Mann, nachzuschauen, ob es noch Etrogim auf dem Baum in der Farm seines verstorbenen Onkels gebe. Ein Wunder geschah. Ein einziger Etrog war noch auf dem Baum übriggeblieben! Er hatte zwar die Grösse einer Melone und war zerbeult wie ein israelisches Auto, aber er war koscher …

«Orthodoxer Grössenwahn?»

Das einzige, was jetzt noch fehlte, waren Hadassim. Nachdem wir die Gärten aller Verwandten meiner Frau sowie die Gärten der Nachbarn abgesucht hatten, jedoch nicht fündig geworden waren, waren wir dabei, unser nobles Vorhaben aufzugeben. Erev Sukkot, am Nachmittag vor dem Eintritt des Feiertags, wartete ein Cousin meiner Frau mit einer überraschenden Idee auf: Wieso versuchen wir es nicht im Botanischen Garten? Sofort fuhren wir dorthin, begleitet vom mitfühlenden, aber nicht minder amüsierten Familientross meiner Frau. Nach zweieinhalbstündiger erfolgloser Suche jedoch hatte ein atheistisch-säkularer Gross-onkel voll und ganz genug von diesem «orthodoxen Grössenwahn». Eine weitere Verwandte zeigte
ungeduldig auf irgendeine Pflanze und schlug vor: «Können wir nicht einfach sagen, dies sei ein Hadass?» Inmitten dieser Wellen der Resignation rief Tante Judy aus einer entfernten Ecke im Botanischen Garten: «Schaut her, ich glaube, letztes Jahr haben sie so ausgesehen!» Ich spurtete sogleich zu ihr und traute meinen Augen nicht: Aus dem Gebüsch lachte mir in der Tat ein kleiner Myrtenstrauch entgegen. Zu unserer zusätzlichen Erleichterung erhielten wir von der Direktion des Botanischen Gartens die Erlaubnis, drei Myrtenzweige abzuschneiden. Unser Set war somit komplett, und mit unserer kostbaren Beute zogen wir kurz vor Feiertagsbeginn zurück nach Hause.
Als wir am Morgen, dem ersten Sukkottag, in die Synagoge gingen, immer noch ausgelaugt von der Suche nach «religiösen Pflanzen» in der neuseeländischen Natur, stellte sich heraus, dass das MAF tatsächlich alle Hadassim, die für die jüdische Gemeinde aus Israel eingetroffen waren, konfisziert und «wegen agrikultureller Risiken» zerstört hatte. So war ich am Ende der einzige Jude in ganz Neuseeland, der einen kompletten Sukkot-Feststrauss in den Händen hielt! Der Rabbiner erzählte der anwesenden Gemeinde meine Geschichte und bat mich, für die ganze Gemeinde den Segensspruch auf meine selbstgebastelten «arba minim» laut zu sprechen. Gemeindemitglieder kamen zu mir, um meine Hand und meinen Lulav zu schütteln, und ein älterer Herr sagte mir mit Tränen in seinen Augen, dass sein alter Freund John Goldwater, der Etrog-Züchter, bestimmt stolz gewesen wäre, wenn er gewusst hätte, dass einer seiner Etrogim am Sukkot benutzt würde.

Ein Symbol der Tradition

Meine Gedanken flogen zu Rabbiner Samason Raphael Hirsch, der eine den Ertrogbaum auszeichnende Eigentümlichkeit so charakterisiert, dass «der Baum nie ohne Frucht ist; die Frucht bleibt zwei, drei Jahre bis zur vollen Reife am Baume; es sind daher die alten Früchte vorheriger Jahrgänge noch am Baume, wann die jungen neuen kommen»  (3. B. M. 23:40). Der Ertrog steht also gewissermassen als Symbol der Tradition, die die alte, schwindende Generation der jungen hinterlässt, um sie weiterzutragen. Diese «Traditionenkette» gilt es am Sukkot zu feiern.
Ich hätte zwar meinen riesigen, warzigen Etrog gegen einen schöneren umtauschen können – die Etrogim aus Israel hatten ja die MAF-Kontrolle schadlos überstanden –, aber ich brachte es nicht fertig. Ich fühlte, das ich John Goldwaters letzten Willen in meinen Händen hielt.   



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