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22. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 38/39 Ausgabe: Nr. 38 » September 22, 2010

Das ungarische «Gulasch-Judentum»

Von Ruth Ellen Gruber, September 22, 2010
Nicht weniger als 90 000 Juden leben heute in der ungarischen Hauptstadt Budapest, mehr als in irgendeiner anderen zentraleuropäischen Stadt. Die überwiegende Mehrheit dieser Menschen gehört keiner Gemeinde an und hat nicht die Absicht, daran etwas zu ändern. Ein Gang durch die zahlreichen Synagogen von Budapest.
JÜDISCHES LEBEN IN BUDAPEST In der ungarischen Hauptstadt gibt es 15 aktiv betriebene Synagogen

Wer sich heute in Ungarn als Jude identifiziert, hat eine immer grössere Auswahl an öffentlichen oder privaten, kulturellen und säkularen Möglichkeiten, diesem Wunsch stattzugeben. Das gilt auch für die gastronomische Szene: So buk einer meiner Freunde dieses Jahr zu Rosch Haschana erstmals überhaupt Challot (geflochtene Brote) für das Festtagsdinner, und ein Restaurant im Stadtzentrum offerierte ein spezielles Menu für den Feiertag. Man kann die jüdische Gemeinschaft in Budapest als «Gulasch-Judentum» bezeichnen – als ein vor sich hinköchelndes Gemisch, dessen verschiedene Komponenten sich zu einem wohl gewürzten Ganzen zusammenfinden. Darüber hinaus legen die zahlreichen jüdischen Anlässe in der ungarischen Hauptstadt Zeugnis für das wachsende Spektrum der Möglichkeiten ab, sich sowohl in- als auch ausserhalb des traditionellen Rahmens zu bewegen.



Synagoge wiedereröffnet

In der Woche vor Rosch Haschana beispielsweise ging in Budapest das 13. jährliche jüdische Sommerfestival zu Ende, das während zehn Tagen Vorstellungen und andere Anlässe wie eine Buch- und Kunstmesse offerierte. Tausende von Besuchern kamen an das Festival. Einer der Höhepunkte des Festivals war zweifelsohne das Konzert des chassidischen Reggae Rappers Matisyahu. In der gleichen Woche öffnete ein anspruchsvolles israelisches Kulturzentrum in Anwesenheit von Natan Sharansky, Präsident der Jewish Agency, in einem renovierten Gebäude am Rande des alten jüdischen Viertels im Zentrum seine Tore. Im Obuda-Viertel im Norden der Stadt schliesslich wurde eine 190 Jahre alte Synagoge, die während Jahrzehnten als staatliches TV-Studio gedient hatte, erneut als Gotteshaus eröffnet. Chabad Lubavitch hat die Synagoge restauriert, die nun Bestandteil des stetig wachsenden Netzes dieser chassidischen Organisation ist. Unter den Ehrengästen bei der Einweihung war auch Yonah Metzger, der aschkenasische Oberrabbiner von
Israel. «Das ist die bestmögliche Antwort auf die Taten der Nazis», meinte Metzger vor gut 1000 Anwesenden, unter ihnen politische und religiöse ungarische Persönlichkeiten. «50 Jahre nachdem hier zum letzten Mal Rosch Haschana gefeiert worden ist, werden wir in Zukunft solche Feierlichkeiten regelmässig erleben können.»

Zahlreiche jüdische Angebote

Auch das Angebot an Aktivitäten über Rosch Haschana in Budapest waren vielseitig, auch innerhalb der 15 aktiv betriebenen, zu den Hauptströmungen gehörenden Synagogen der Stadt. Die meisten von ihnen gehören zur Neologen-Be-wegung, der ungarischen Variante der Reformbewegung, die das jüdische Geschehen im Land dominiert. Daneben gibt es aber auch einige traditionell orthodoxe Synagogen sowie drei oder vier von Chabad Lubavitch betriebene Häuser. Man konnte die hohen Feiertage aber auch bei zwei kleineren Alternativgruppen verbringen: bei Bet Orim, einer von zwei im amerikanischen Stil geführten Reformsynagogen von Budapest, oder Dor Chadash, einem konservativeb Minjan für junge Leute. Da weder die Reformbewegung noch die Konservativen von der Jüdischen Föderation in Ungarn anerkannt sind, operieren beide ausserhalb der Dachorganisation des etablierten Judentums. Beide Gruppen haben rund 30 bis 35 Mitglieder und offerieren einen egalitär-jüdischen Gottesdienst im amerikanischen Stil, der der zentralen Strömung des ungarischen Judentums fremd ist.
In Bet Orim fungierte die junge Flora Polnauer als Kantorin für die hohen Feiertage. Zum ersten Mal habe damit nach Meinung von Ferenc Raj, dem Rabbiner von Bet Orim, eine ungarische jüdische Frau diese Rolle erfüllt. Der in Ungarn grossgewordene Raj wanderte vor Jahrzehnten in die USA aus, wo er lange Rabbiner der Gemeinde Beth El in Berkeley, Kalifornien, war. Flora Polnauers Auftritt nannte er «historisch». Neben der Verpflichtung zu den Feiertagen tritt die Tochter eines Rabbiners mit verschiedenen lokalen Musikensembles auf, einschliesslich einer jüdischen Hip-Hop-Band. 



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