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17. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 37 Ausgabe: Nr. 37 » September 17, 2010

«Falastin war der wirkliche Name»

Shlomo AvinerI zur Lage in Israel, September 17, 2010
Das folgende Szenario wird so nicht stattfinden, doch sollte es doch dazu kommen, dann würde es sich wahrscheinlich wie folgt abspielen: Eines Tages beschliesst die Knesset nach vielen Jahren der Diskussionen und Streitereien aus einem Gefühl der Rücksichtnahme auf Israels arabische Bürger heraus und im Bestreben, sich für eine gleichberechtigte Bürgerschaft einzusetzen, auf jeden Hinweis der jüdischen Identität in Bezug auf Israel zu verzichten. «Wir sind alle Israeli, gleichberechtigte Bürger in unserer gemeinsamen Heimat», erklärt der Knessetsprecher. «Von nun an wird es in Israel nur Israeli geben. Jeder Gemeinschaft bleibt es selbstverständlich überlassen, eine separate Identität für sich selbst zu entwickeln, doch das wird eine private Angelegenheit ohne öffentlichen Charakter sein.» Es wird entschieden, in der Rubrik «Nationalität» in den Identitätskarten von nun an nur noch «Israeli» anzuführen.

An der ersten Knessetsitzung nach dem feierlichen Beschluss könnte ein arabischer Abgeordneter das Entfernen von Theodor Herzls Bild von der Wand der Kammer verlangen. Sollte seinem Vorschlag nicht stattgegeben werden, könnte er damit drohen, an den Obersten Gerichtshof zu gelangen, denn «das Bild des Begründers des Zionismus in der von uns allen geteilten Legislative verletzt die Gefühle der arabischen Bürger und zementiert ihre Diskriminierung. Für diesen österreichisch-ungarischen Journalisten, der nie in unserem Land gelebt hat, ist kein Platz in der Knesset», könnte der arabische Abgeordnete zu bedenken geben.



Zur gleichen Zeit könnte ein anderer arabischer Abgeordneter eine Gesetzesvorlage zur Änderung des Symbols des Staates, seiner Flagge und Nationalhymne einreichen. «Hierbei handelt es sich um ausgesprochen jüdische und zionistische Symbole, die heute keinen Platz mehr haben in diesem Land. Der siebenarmige Leuchter, der im jüdischen Tempel gestanden haben mag oder nicht, kann nicht die staatsbürgerliche Gleichberechtigung von uns allen zum Ausdruck bringen. Auch der Tempel mag existiert haben oder nicht.» Es könnte darüber hinaus auch einen Vorschlag geben, den Namen der Knesset zu ändern, fusst er doch auf den Begriffen «beit haknesset» (Synagoge) und «knesset hagdola» (Grosse Versammlung). Der Vorschlag würde fürs Erste aber zurückgewiesen werden.

Im Vorfeld des jüdischen Monats Tischri würde die Israelische Rundfunkbehörde (IBA) verschiedene Sendungen über die Vorbereitung auf die Feiertage ausstrahlen. Wie seit jeher üblich, würde darauf hingewiesen, dass die Massen von «am Israel» (Volk Israel) sich auf die Festtage vorbereiten und dass «bet Israel» (Haus Israel) an Sukkot in Mengen die Strände der Türkei bevölkern würden. Eine arabische Menschenrechtsorganisation würde in einer Eingabe an das Oberste Gericht fordern, es möge die IBA anweisen, den Begriff «am Israel» in diesem Zusammenhang nicht mehr zu gebrauchen: «Der Begriff ‹am Israel› darf in einer öffentlichen Sendung zu den Feiertagen der einen oder anderen religiösen Gruppe nicht mehr gebraucht werden. Es gibt nur ein ‹am Israel›, das uns alle einschliesst – Juden, Muslime, Christen und die Menschen ohne Religion. Jede andere Benutzung des Begriffs ist rassistisch und diskriminierend.» Sieben Richter würden aufgeboten werden, um sich des Falles anzunehmen.

Eine Gruppe der nördlichen Niederlassung der Islamischen Bewegung würde an den Obersten Gerichtshof mit der Forderung gelangen, den Namen Oberrabbinat von Israel abzuschaffen. «Das Rabbinat mag das Rabbinat der Juden sein, nicht aber des Staates Israel.» Es würde auch Stimmen geben, die für die Auflösung des jüdischen Nationalfonds Keren Kayemeth Leisrael eintreten und die Integration der Organisation ins Finanzministerium befürworten.

Mit Unterstützung einiger Juden der radikalen Linken und von Veteranen der Kanaanitischen Bewegung würden in den Medien arabische Sprecher vorschlagen, mit Rücksicht auf die Gefühle arabischer Bürger fortan in jüdischen Gebeten auf den Begriff «Gott Israels» zu verzichten: «Wir wollen auf keinen Fall das Recht auf freie Ausübung des Gottesdienstes durch die Mitglieder der jüdisch-religiösen Gemeinschaft einschränken, doch der Gebrauch des Begriffs «Gott Israels» im Zusammenhang mit einem spezifischen jüdischen Gebet läuft dem Geist der soeben verabschiedeten Gesetze zuwider.» Auch das Konzept «Erez Israel» (Land Israels) mit Hinweis auf die jüdische Geschichte des Landes würde Gegenstand der Kritik sein.
Ein radikaler jüdischer Linker, der die Schritte unterstützt hatte, die zu dieser Gesetzgebung führten, würde sich mit folgender Frage an den Vorsitzenden einer arabischen Organisation wenden: «Wir haben getan, was ihr wolltet, doch ihr seid noch immer nicht zufrieden. Wie sollen wir denn das Land nennen, damit ihr euch endlich gleichberechtigt fühlt?» Mit einem breiten Lächeln auf seinem Gesicht würde der Vorsitzende der arabischen Organisation erwidern: «Ich sehe das Problem nicht: Falastin. Das war stets der wirkliche Name, und so wird es immer bleiben.»   

Shlomo Avineri, ehemaliger Generaldirektor des israelischen Aussenministeriums, ist Politologe an der Hebräischen Universität in Jerusalem.



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