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17. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 37 Ausgabe: Nr. 37 » September 17, 2010

Ein lebendiges Judentum zeigen

von Ruth Ellen Gruber, September 17, 2010
Die elfte Auflage des europäischen Tags der jüdischen Kultur Anfang September stiess in ganz Europa auf grosses Interesse. Organisatorischer Spitzenreiter des Anlasses war unbestritten Italien, aber auch in der Schweiz fanden zahlreiche Veranstaltungen statt.

DIE SYNAGOGE IN PITIGLIANO Ein Kleinod aus dem 16. Jahrhundert, in dem heute Informationen über das Judentum vermittelt werden

In Italien leben unter rund 60 Millionen Menschen nur rund 25 000 Juden, die einer Gemeinde zugehörig sind. «Es ist bedauerlich», sagte der italienisch-jüdische Aktivist Sira Fatucci, «doch in Italien kennt man Juden vorwiegend durch den Holocaust.» Fatucci ist der nationale Koordinator für den alljährlich abgehaltenen europäischen Tag der jüdischen Kultur, der dieses Jahr am 5. September in über 20 Ländern stattfand. Synagogen, jüdische Museen und sogar rituelle Tauchbäder und Friedhöfe waren der Öffentlichkeit zugänglich. Zudem standen zahlreiche Seminare, Ausstellungen, Vorlesungen, Buchmessen, Konzerte, Aufführungen und Besichtigungen auf dem Programm.
Zentrales Ziel des Kulturtags ist es, das Wissen der nicht jüdischen Bevölkerung über die Juden und das Judentum zu vertiefen und zu erweitern, um die jüdische Welt so zu entmystifizieren und antijüdische Vorurteile zu bekämpfen. «Wir wollen den lebendigen Teil des Judentums zeigen», sagte Fatucci. «Wir benutzen dabei Kultur als Gegenpol zu Ignoranz und Antisemitismus.»



Offene Türen

In Pitigliano, einem Dorf in den Hügeln der südlichen Toskana, besuchen jedes Jahr rund 700 Menschen den Kulturtag. Einst blühte das jüdische Leben in diesem Dorf derart, dass es als «Klein-Jerusalem» bekannt war. Die meisten Juden sind schon vor dem Zweiten Weltkrieg aus Pitigliano weggezogen. Heute gibt es dort in der Bevölkerung von 4000 Personen nur noch vier Juden. In den letzten Jahren hat sich aber die aus dem Mittelalter stammende Ghettozone zu einer wichtigen lokalen Attraktion entwickelt. Die Stadt produziert koscheren Wein, und in einem neuen Laden werden Souvenirpakete von Matza und jüdischem Gebäck verkauft. Am Kulturtag gab es in Pitigliano koschere Speise- und Weindegustationen, geführte Besichtigungen, Kunstausstellungen und ein Klezmerkonzert unter freiem Himmel. «Die Leute wissen wenig über Juden, doch sind sie sehr wissbegierig», sagte Claudia Elmi, die am Jüdischen Museum von Pitigliano arbeitet. Das 1990 eröffnete Haus zieht heute jährlich 22 000 bis 24 000 meist nicht jüdische Besucher an. Weil Juden als eine geschlossene Gesellschaft empfunden werden, seien laut Elmi die offenen Türen des Kulturtags besonders wichtig.
Touristen standen in Warteschlangen vor dem Jüdischen Museum und der Synagoge, einem Kleinod aus dem 16. Jahrhundert, das nach dem Zweiten Weltkrieg zerstört war, aber wieder aufgebaut und 1995 neu eröffnet worden ist. Die Besucher stiegen steile Treppen hinunter in die ehemalige Mikwa (rituelles Tauchbad) und in die Matzebäckerei in unterirdischen, in den soliden Felsen gehauenen Kammern. «Bevor wir hierher kamen, wussten wir nichts über das Judentum», sagten Rosanna und Paolo aus Padova, die Pi­tigliano eine Woche vor dem Kulturtag besucht hatten. «Wir haben hier viel gelernt, vor allem über die religiösen Rituale und die koschere Nahrung.»

Ein reiches jüdisches Erbe

Der Kulturtag, der dieses Jahr zum elften Mal stattfand, wird vom B’nai B’rith Europa und der spanischen Red de Juderias, koordiniert. Zu den teilnehmenden Ländern zählten Belgien, Kroatien, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Italien, Holland, Norwegen, Polen, Rumänien, Serbien, die Slowakei, Slowenien, Spanien, Schweden und die Schweiz. Das Thema lautete dieses Jahr «Kunst und Judentum». Jedes Land stellte sein eigenes Programm zusammen. Dessen Umfang war ganz unterschiedlich. Gab es etwa in Norwegen nur ein Klezmerkonzert und eine Vorlesung in Oslo und in Bosnien nur eine Kunstausstellung in Sarajevo, dauerten die Kulturtage in Grossbritannien bis zum 15. September an und zählten in London und 20 weiteren Städten Dutzende von Anlässen. Jüdische Kunst sei «sowohl spezifisch als auch universell», wie Lena Stanley-Clamp, Direktorin der in London domizilierten European Association for Jewish Culture, es formulierte. «Jedenfalls fühlen sich Menschen mit den verschiedensten Hintergründen angesprochen.»
Von allen europäischen Staaten machte Italien mit der grössten Begeisterung am jüdischen Kulturtag mit. Dank Fatucci und seinen Mitstreitern ist der Tag zum «Jour fixe» im Spätsommer-Veranstaltungskalender geworden, und die Veranstaltungen ziehen sich über den ganzen italienischen «Stiefel» hinweg. Die Ergebnisse des laufenden Jahres liegen noch nicht vor, doch 2009 zählte man in Italien 62 000 Besucher, rund ein Drittel aller auf dem europäischen Kontinent am Kulturtag Interessierten. Dieses Jahr fanden in Italien Anlässe in 62 Städten, Ortschaften und Dörfern statt. Einen Teil des Erfolgs in Italien führt Fatucci auf die perfekte Organisation zurück sowie auf die Unterstützung und Anerkennung, die der Tag durch die Regierung geniesst. Gleichzeitig betont Fatucci aber, dass das jüdische Erbe in Italien auf die Epoche der Römer zurückgeht und aussergewöhnlich reich ist.  



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