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9. September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 36 Ausgabe: Nr. 36 » September 8, 2010

Ein Trotzkist erinnert sich

Andreas Mink, September 8, 2010
70 Jahre nach der Ermordung Leo Trotzkis in Mexiko spielen seine Anhänger als politische Kraft in den USA keine Rolle mehr. Doch bei einem Gespräch mit dem ehemaligen Berufsrevolutionär Gus Horowitz wird deutlich, wie Trotzkisten zwischen 1930 und 1975 die amerikanische Gesellschaft beeinflusst haben.
VON REVOLUTIONÄREN ÜBERZEUGUNGEN GEPRÄGT Gus Horowitz heute in Deep River, Connecticut

Als Gus Horowitz 1958 auf das Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston kam, war er weniger an Technik oder Politik interessiert als am Pokerspielen und an Pool Billard. Doch diese Leidenschaften brachten den Sohn eines Flüchtlings aus Österreich in Kontakt mit einer zukünftigen Schlüsselfigur der amerikanischen Linken: Peter Camejo (1939–2008), dessen Eltern aus Venezuela stammten, und der 2004 als Vizekandidat neben Ralph Nader bei den US-Präsidentschaftswahlen angetreten ist. «Peter war einer der besten Redner der sechziger und siebziger Jahre. Damals hatte er am MIT zwei Zimmergenossen. Den einen lernte ich beim Billard kennen, den anderen beim Koscher-Essen.» Horowitz war in der Gegend von Bridgeport, Connecticut, in einem religiösen Haushalt mit zwei Brüdern und einer Schwester aufgewachsen: «Wir standen zwischen der konservativen und der orthodoxen Strömung, die damals bei Weitem kleiner war als heute. In der High School hielten ich und ein anderer Junge als einzige die religiösen Gebote ein.»



Ideen und moralische Standards

Beim tachles-Interview würdigt der kräftige Mann von kleiner Statur, dem seine 70 Jahre nicht anzusehen sind, die Rolle seines Vaters für seine weitere Entwicklung: «Er hat mir grossen Respekt vor Prinzipientreue und der Hingabe an Ziele mit auf den Weg gegeben, die über die unmittelbare persönliche Befriedigung hinausweisen. Für meinen Vater waren Ideen und moralische Standards wichtiger als die Befolgung von Glaubensregeln.»
Von daher, so Horowitz weiter, sei es gar kein so grosser Schritt zu revolutionären Überzeugungen und Zielen gewesen. Diese führten ihn zu einer Karriere als Berufsrevolutionär in der trotzkistischen Bewegung, die 1980 mit seinem Austritt aus der Socialist Workers Party (SWP) zu Ende ging. Seither betreibt Horowitz mit seiner Frau Suzanne Haig den Hightech-Dienstleister Two Rivers Computing mit Standorten in Yonkers, New York, und Deep River, Connecticut. Obwohl er im Gespräch Humor und eine gewisse Abgeklärtheit an den Tag legt, hat Horowitz die Ernsthaftigkeit seiner jungen Jahre nicht abgelegt. Diese führte zu langen Diskussionen mit Camejo, nachdem der «Billardspieler» aus dessen Zimmer ausgezogen und Horowitz seinen Platz eingenommen hatte. Camejo hatte damals mit dem etwas älteren MIT-Studenten Barry Sheppard den Greater Boston
Socialist Club gegründet.

Ein Kampf für Gerechtigkeit

Das Diskussionsforum zog auch den jungen Michael Walzer an. Der berühmte Philosoph stand damals «im rechten Flügel des Clubs», schmunzelt Horowitz. Sheppard, Camejo und Horowitz wandten sich jedoch von sozialdemokratischen Postionen zunehmend den Lehren Leo Trotzkis zu. Ausschlaggebend für diese Radikalisierung war die Bürgerechtsbewegung im amerikanischen Süden. Dieser «Kampf für Gerechtigkeit» führte Horowitz zu einer grundsätzlichen Infragestellung der bestehenden Ordnung in den USA: «Unter dem Einfluss von Peter habe ich sehr viel gelesen und gründlicher nachgedacht.»
Horowitz lässt keinen Zweifel daran, dass er und seine Freunde damals eine Aussenseiterposition vertraten. 1958 hatte die amerikanische Linke lange Jahre des Niedergangs hinter sich. Die Enthüllungen über Josef Stalins Schreckensherrschaft nach dessen Tod 1953 und die sowjetische Intervention in Ungarn 1956 erschütterten die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Kommunistischen Partei (KP) nachhaltig. Doch die Roosevelt-Regierung hatte bereits 1940 ein Gesetz gegen Sozialisten und Kommunisten erlassen. Der während des Zweiten Weltkriegs einsetzende Wirtschaftsboom und die Kommunistenjagd der McCarthy-Ära marginalisierten Linksradikale vor allem in der Gewerkschaftsbewegung weiter. Wie Sheppard in seinen Erinnerungen «The Party» erklärt, waren die Mitgliederzahlen der KP in den USA von 20 000 Anfang 1956 auf deutlich unter 5000 im Jahr 1958 gefallen. 1939 füllten rund 100 000 Amerikaner das Parteibuch.

Erfolgreiche Arbeitskämpfe

Doch die kleine Gruppe um Camejo und Sheppard stiess in Boston mit dem Drucker Larry Trainor auf einen Veteranen, der aus erster Hand über die Erfolge der Trotzkisten bei den «Kämpfen» der dreissiger Jahre berichten konnte. Damals hatten die trotzkistischen Gruppen Communist League of America (CLA) und American Workers Party (AWP) in der Transportgewerkschaft der Teamsters in Milwaukee und beim legendären «Autolite-Streik» in Toledo, Ohio, eine entscheidende Rolle bei erfolgreichen Arbeitskämpfen gespielt. Die CLA war 1928 als Abspaltung der KP entstanden, als Trotzki den Kampf um die Macht im Kreml endgültig verloren hatte und ins Exil gehen musste. CLA und AWP vereinigten sich 1940 in der Socialist Workers Party (SWP). Diese gründete mit der Young Socialist Alliance (YSA) eine Jugendorganisation, deren Leitung in Boston Sheppard übernahm. Obwohl oder weil sie nie die Mitgliederzahlen der sowjettreuen KP erreichten, sind die als «Vierte Internationale» organisierten Trotzkisten bis heute chronisch von Flügelkämpfen geplagt. Die SWP zählte laut Sheppard um 1960 knapp 600 Mitglieder in den USA, konnte diese Zahl jedoch in den folgenden Jahren in den niedrigen fünfstelligen Bereich erhöhen. 

Keine Heldenverehrung

Neben dem «klassischen Arbeiter-Intellektuellen» Trainor traf Horowitz in Boston mit dem Ex-Gewerkschafter Farrell Dobbs und mit Joseph Hansen auch ältere SWP-Kader mit einer persönlichen Verbindung zu Trotzki. Dobbs hatte den grossen Revolutionär in Mexiko besucht, während Hansen ihm als Leibwächter gedient hatte. Um 1960 erschien zudem die massive Trotzki-Trilogie von Isaac Deutscher, die Horowitz «drei- oder viermal gelesen hat – das gab einen recht guten Eindruck von Trotzkis Persönlichkeit». Deutscher trat in den folgenden Jahren in den USA auf, unter anderen bei Massenkundgebungen gegen den Vietnamkrieg an Universitäten. Obwohl die Gruppe in Boston Trotzki als «die grosse Figur» betrachtete, will Horowitz dies nicht als «Heldenverehrung» verstanden wissen: «Wir haben ihn als einen der intellektuellen Köpfe des Marxismus angesehen. Dazu lag er unserer Zeit mit seinem Leben und seinen Schriften näher als Karl Marx oder Friedrich Engels.» Die SWP-Theoretiker griffen vor allem Trotzkis Idee der «permanenten Revolution» auf: Nachdem die Arbeiterschaft in fortgeschrittenen Industrienationen als die klassische Basis marxistischer Umsturztheorien kein Interesse mehr am «Klassenkampf» zeigte, schöpften die Trotzkisten aus gesellschaftlichen Konflikten wie der amerikanischen Bürgerrechts- und Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt neue Hoffnungen.

Ikone Malcolm X

Horowitz hat diesen Ansatz 1971 in seiner Einleitung des SWP-Sammelbandes «Towards an American Socialist Revolution: A Strategy for the 1970s» zusammengefasst. Danach stellen Kämpfe von Frauen, Homosexuellen, rassischen Minderheiten und Völkern der Dritten Welt gegen «neue Formen reaktionärer, institutioneller und ideologischer» Unterdrückung die Saat dar, aus der die «kommende Revolution in Amerika» aufgehen würde. Diese hat daher neben «sozialistischen Aufgaben wie der Nationalisierung der Industrie unter Kontrolle der Arbeiterklasse» auch «überfällige demokratische Aufgaben» vor sich, so Horowitz 1971. Als Organisation verstand sich die SWP nicht als «Vorhut» dieser Bewegungen, sondern bescheidener als Nukleus einer noch aufzubauenden Partei mit einer breiteren Basis. Dennoch haben sich Horowitz und seine Genossen schon Anfang der sechziger Jahre stark in der Bürgerrechtsbewegung engagiert und etwa Veranstaltungen mit Malcolm X ausgerichtet: «Heute ist Malcolm X natürlich längst
eine Ikone der Popkultur, aber damals haben ihn selbst die meisten Linksradikalen abgelehnt. George Breitman, einer unserer älteren Anführer, hat 1965 die bahnbrechende Aufsatzsammlung ‹Malcolm X Speaks› publiziert, ehe er eine 14-bändige Werkausgabe der Schriften Trotzkis herausgegeben hat. Diese enthält einen Aufsatz zur Lage der Schwarzen in den USA.» Horowitz erinnert sich auch an einen umjubelten Auftritt Fidel Castros in Boston, der kurz nach der Revolution in Kuba noch nicht ins Fahrwasser der Sowjetunion geraten war.

Gegen den Vietnam-Krieg

Die Hoffnung auf die «kommende Revolution» erhielt dramatisch Auftrieb, als die USA ab 1965 ihr militärisches Engagement in Vietnam in schnellen Schritten vertieften. Die Trotzkisten hatten bereits zuvor Protestveranstaltungen gegen den Krieg abgehalten. Aber mit der Entsendung von Bodentruppen nach Indochina gab die damals noch bestehende Wehrpflicht rasch ersten Demonstrationen Auftrieb, etwa in Washington im April 1965. Dazu hatten die obskuren Students for a Democratic Society eingerufen, die schnell zu einer Massenbewegung an den Universtitäten anwuchs, aber schon 1969 an inneren Konflikten zerbrach. Die schwer überschaubare Entwicklung der Protestbewegung hätte den Rahmen des Gesprächs mit Horowitz gesprengt. Aber er betont die grosse Rolle von YSA und SWP bei der Organisation der Anti-Kriegs-Demonstrationen, die 1969 und 1971 bis zu einer Million Menschen auf die Strassen von San Francisco, New York und Washington brachten.

Gewaltloser Protest

Im Gegensatz zu anderen linksradikalen Gruppen lehnten die Trotzkisten dabei «spektakuläre Protestaktionen» (sprich: gewaltsame) ab. Sie waren stattdessen klug genug, sich in der Protestbewegung auf drei Prinzipien zu beschränken, die Horowitz folgendermassen beschreibt: «Um eine möglichst breite Ausstrahlung zu erzielen, haben wir uns auf das Thema Vietnam beschränkt und alle ideologischen Differenzen mit anderen Gruppen darüber hintangestellt. Zudem traten wir – im Gegensatz etwa zur KP, die Druck auf den linken Flügel der Demokraten bevorzugte – strikt für Massenaktionen auf der Strasse ein. Unser Slogan ‹Out Now› (‹Abzug sofort›) hat sich schliesslich durchgesetzt.» Bei der Erinnerung an gemeinsame Sitzungen, vor allem aber an die gewaltigen Demonstrationen verliert Horowitz seine abgemessene Haltung und seine Augen leuchten, als er von einem Auftritt Camejos erzählt, der «schon auf dem Weg zum Podium mit seiner Rede begann und eine riesige Menge von Leuten zum Umkehren brachte, die schon dabei waren, diese Veranstaltung zu verlassen».

Berufsrevolutionäre

Die Radikalisierung vieler junger Amerikaner in diesen Jahren motivierte Horowitz 1966, sein ganzes Dasein der SWP zu widmen: «Wir verstanden uns als Berufsrevolutionäre.» Dabei musste er von «einem Einkommen weit unter dem Mindestlohn» existieren, wie er lachend auf die Frage nach seiner damaligen Lebensgrundlage antwortet. Für ihre Bereitschaft zur Askese, die auch im betont konservativen Habitus der damaligen SWPler sichtbar ist, wurden er und seine Genossen durch die Aufmerksamkeit des FBI belohnt. Die Bundesploizei schleuste im Rahmen der berühmt-berüchtigten Operation «Cointelpro» von 1956–1971 auch zahlreiche Spitzel in die SWP ein. Die Trotzkisten waren sich dessen bewusst und hielten auch deshalb Distanz zu «Drogen und diesem ganzen Hippie-Phänomen», so Horowitz – der sich deshalb zumindest gut an die Epoche von Pot und LSD erinnern kann. Seine Gruppe hat 1971 eine der Klagen gegen das FBI betrieben, die zur Aufdeckung dieses enorm aufwändigen Überwachungsprogamms und zur Einsetzung eines Untersuchungsausschusses im US-Kongress geführt haben.

Erloschene Hoffnungen

Das Drama und die unbestreitbaren Erfolge jener Tage hielten Horowitz noch ein gutes Jahrzehnt in der Partei. Nach 1975 war er meist in Europa, wo er eng mit Ernest Mandel zusammengearbeitet hat, einem der führenden Köpfe der «Vierten Internationale». Von den Nazis als Sklavenarbeiter ausgebeutet, wurde Mandel (1923–1995) in der alten Bundesrepublik immerhin als so gefährlich betrachtet, dass er bis zum Mauerfall nicht nach Westdeutschland einreisen durfte. Doch allmählich erloschen die Hoffnungen von Horowitz. Am Ende des Gesprächs ist aber offenkundig, dass er seine Zeit als Berufsrevolutionär nicht bereut. Allerdings will er der heutigen Jugend keine konkreten Ratschläge anbieten: «In den USA erleben wir eine Zeit der Angst, die von der Rechten ausgenutzt und geschürt wird. Darauf muss die Linke eine Antwort finden, und unsere Erfahrungen könnten dabei hilfreich sein. Doch historisch betrachtet hat die Linke meist erst in Zeiten wirtschaftlicher Erholung einen Aufschwung erlebt.»



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