Die Frage des Sinns
In den letzten Jahrzehnten ist in der westlichen Welt das Zeitalter des Individualismus und des Konsums angebrochen. Die Jugend interessiert sich wenig für jene Studien, die sich nicht in bare Münze umsetzen lassen. Und wir begegnen oft der Verlockung des Gedankens, dass das Leben zu kurz sei, um sich mit solchen Fragestellungen herumzuschlagen. Im Buch Kohelet scheint für den Materialismus aller Zeiten formuliert zu sein: «Lasset uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot.» Ohne das Bewusstsein dafür, was uns von Grund auf fehlt – nämlich der Sinn des Lebens – kann die Antwort weder bereichernd sein noch eine Veränderung bringen.
Der Sinn der Frage
Warum ist uns der Sinn der Frage abhanden gekommen? Weshalb sind so grundlegende Fragen wie «Hat mein Leben einen Sinn? – Welche Ausrichtung soll ich meiner Existenz geben?» aus der Mode gekommen? Denn vor dem Bewusstsein des Wunders, das daraus besteht, zu leben, zu atmen und zu sehen, haben wir als Wert der Zuflucht den ungezügelten Konsum entdeckt. Noch dazu leben wir in einer «Gesellschaft des Spektakels», in welcher der Beigeschmack des Sensationellen, die Inszenierung des täglichen Lebens die Grundlage von vielem bilden.
Der Mensch ist kontinuierlich nach aussen gewandt. Der Konsum befriedigt nicht mehr nur unsere Bedürfnisse und Wünsche, sondern er formt sie, er weckt sie durch die Verzerrungen der Werbung. Die Werbekommunikation durchdringt unseren mentalen Raum. Guy Debord erklärt es wortgewandt: «Damit die modernen Sklaven ihre Situation akzeptieren und sogar danach verlangen, muss man ihnen fortwährend die Droge der Bilder und des Geredes verabreichen (...). Ununterbrochen aufgereizt, ununterbrochen deprimiert, das wird der Betrachter des Spektakels sein. Er ist nur eine Reproduktion.»
Die Überflutung mit Bildern und Informationen, die uns einhüllt, verbannt den Menschen aus seiner inneren Welt. Das Original geht verloren. Diese Verbannung entfernt uns vom Fluss des Lebens, der in uns ist und der eine Quelle des Entzückens sein sollte. Die Fähigkeit, zu gehen, zu atmen, zu sehen, die uns umgebenden Düfte zu riechen, den reichen und einfachen Geschmack einer Frucht zu geniessen, das Rascheln der Blätter im Wald oder das Brechen einer Welle auf einem Felsen zu hören, sollte uns mit Staunen vor dem Geheimnis dieses Lebens erfüllen, das vom Menschen und von der Welt ausgeht. Den das Leben ist immerwährende Geburt, es ist Erneuerung, Unschuld und Reinheit. Das Gesicht des Kindes erzählt uns davon.
Es ist die Tatsache der vollen Fülle des Lebens, welche die Frage erzeugt. Es ist das Mysterium des sprühenden Lebens, welches uns dazu anregt, nach der Quelle und dem Grund zu suchen. Doch abgeschnitten von dieser Tiefe und Einfachheit des Lebens ist uns der Sinn der Frage verloren gegangen. Und im Gegensatz zu René Descartes, der bekräftigte: «Ich denke, also bin ich», halten wir es mit Jean-Paul Sartre und sagen: «Ich bin, also denke ich.»
Die Thora oder das Glück des Daseins
Die Gebete von Rosch Haschana bis Jom Kippur scheinen von dieser Problematik durchdrungen zu sein: «Gedenke unser zum Leben, König, der du am Leben Wohlgefallen hast; und schreibe uns ein in das Buch des Lebens.» Wir bitten Gott, uns die Reinheit des Lebens zurückzugeben, die sich durch den Alltag verfinstert hat, uns unsere Einzigartigkeit zurückzugeben, die sich in der Anonymität einer Gesellschaft aufgelöst hat, hinter die das Individuum zurückgetreten ist. Aber um in das Buch des Lebens eingeschrieben zu werden, müssen wir uns ohne Unterlass mit der Thora beschäftigen, die die Quelle des Lebens ist. Jeden Abend sagen wir im Maariv-Gebet: «Wir werden uns der Worte deiner Thora erfreuen, denn sie sind unser Leben.» Aus diesem Text geht hervor, dass die Thora mit dem Leben gleichzusetzen ist und deshalb ein unübertreffliches Glück und eine unerreichte Freude erzeugt. Rabbiner Yitzchak Hutner, ein zeitgenössischer Denker, stellt sich dazu die Frage: Wie soll man sich des schieren Daseins erfreuen? Wie erreicht man dieses Glück? Als Teil der Antwort verwendet er die folgende Allegorie: Ein Mann, der sich ertränken will, wird im allerletzten Moment gerettet. Noch während er wiederbelebt wird, verspürt er das intensive Glück aufleuchten, wieder ins Leben zurückzukehren.
So erlaubt uns das Studium der Thora, aus unserem Inneren ungeahnte Gefühle des Lebens aufsteigen zu lassen. Weil die Thora in die Tiefen unseres Seins eingeschrieben wurde, ist ihr Studium der Auslöser, der es jenem innerlichen Leben erlaubt, auf die Ebene des Bewusstseins hervorzutreten. Und so können wir sagen, die Thora zu studieren bedeute, intensiv zu existieren und voll zu leben.
Erleuchtende Antworten
Dann werden die Fragen einen Sinn erhalten und dann werden wir unseren Weg zu den Horizonten bereichernder und erleuchtender gestalten können. Ich bete dafür, dass dieses Jahr für das Leben steht, für das Erforschen, das Studium und das immer wieder neue Stellen der Frage. Und dass die gemeinsam eingeschlagene Richtung sich um die Fragen bewegen möge, die mit dem Sinn und dem Leben der Thora verbunden sind. Dies wird die Bürgschaft für unsere Lebenskraft, unsere Offenheit und unsere Fähigkeit sein, miteinander den Dialog zu führen. Seid eingeschrieben und besiegelt im Buch des Lebens!
Der Autor ist Direktor der Stiftung Racines et sources in Genf.


