Zur Universalität des Verschwörungsdenkens
Vermutlich ist ein Denken in Verschwörungen die älteste und universellste Form, sich bedrohliche und beängstigende Entwicklungen im eigenen politischen oder gesellschaftlichen Umfeld zu erklären. Alle Religionen dienten primär der Bannung böser Geister. In monotheistischen Religionen bedurfte es als Antipoden Gottes eines Oberteufels oder Scheitans, der schwache Menschen verhext und in sie hineinfährt, während Ungläubige oder fahrende Fremde ihm ohnehin dienen. Bis heute fällt es selbst den areligiösesten, «aufgeklärtesten» Menschen schwer, ohne den Teufel (notfalls eben in Menschengestalt) auszukommen.
Natürlich sind Verschwörungen auch historische Realitäten, um nicht zu sagen der Normalfall in vordemokratischen Gesellschaften. Jede Thron- oder Erbfolge und noch mehr ihre Durchbrechung erfordert eine (blutige oder unblutige) Verschwörung, jeder Sturz eines Regierenden oder hohen Beamten bedarf zumindest einer ausgedehnten Intrige. Aber auch jeder grösseren sozialen Auflehnung und jeder politischen Revolte geht eine Verschwörung voraus. Auch in Demokratien gibt es reale Verschwörungsnetze innerhalb gegebener, als zu schwach empfundener Staatsapparate, wie etwa die Loge P2 im Italien der sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts oder der ultranationalistische Ergenekon-Geheimbund im türkischen Militär- und Beamtenapparat.
In modernen, strukturierten und demokratisierten Gesellschaften verlieren Verschwörungen alten Stils zwar tendenziell ihre frühere Bedeutung. Umso fiebriger blüht aber die Produktion moderner Verschwörungsmythen. Darin spiegelt sich die immer grössere Anonymisierung und Abstraktheit gesellschaftlicher Prozesse, nicht zuletzt durch die wachsende globale Verflechtung, die eine Abhängigkeit aller von allen produziert, ohne dass der gemeine Verstand der Betroffenen das in eine plausible Verbindung bringen könnte. Noch so abstruse Verschwörungstheorien können im Zweifelsfall dann plausibler und eingängiger sein als alle rationalen Erklärungen.
Verschwörungstheorien im Westen
Gerade Europa, der grosse Motor der industriellen Globalisierung seit dem 19. Jahrhundert, ist denn auch der «Schnelle Brüter» der modernen Weltverschwörungstheorien gewesen, gefolgt von den USA, also der ältesten und grössten Demokratie der Welt. Wenn wir etwa im antisemitischen Schrifttum des Zeitalters eine Reaktion gegen die Moderne und die Entzauberung der Welt sehen, also gegen die anonymen Mächte von Geld und Markt, Information und Wissenschaft, Demokratisierung und Medialisierung, dann artikulierte sich das am ersten und virulentesten innerhalb der bürgerlich-kapitalistischen Welt des Westens selbst.
In diesem Sinne war und ist der moderne Antisemitismus kein blosser, für sich stehender, perennierender «Judenhass», sondern er liefert ein komplettes Bild der Welt und der Geschichte. Der äussere Anhaltspunkt für seine Virulenz war der Abstieg aller traditionellen Eliten und fest gefügten Lebenswelten vor und nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert. Diesem Niedergang entsprach die prominente, wenn auch transitorische Rolle, die jüdische Bankiers, Industrielle, Wissenschaftler, Künstler, Anwälte, liberale oder sozialistische Politiker, Arbeiterführer, Medienmogule und so weiter in dieser Entwicklung der modernsten Moderne, scheinbar als ihre Demiurgen, tatsächlich gespielt haben.
Ein Produkt der «Welt von gestern»
Das eben findet sich dann zum Beispiel gebannt in die Vorstellung einer globalen Verschwörung der «Weisen von Zion». So primitiv die Rahmenerzählung dieser in einem französisch-russischen Kontext kompilierten «Protokolle» ist, so abgründig sind ihre aus einer hoch intelligenten republikanischen Kampfschrift geschöpften philosophischen Implikationen, die in vielem auch an Dostojewskis antikatholische Parabel vom Grossinquisitor gemahnen. Die jüdische Weltherrschaft, die am Ende aller mittels Teuerung, Seuchen, Kriegen und Bürgerkriegen absichtsvoll erzeugten Konvulsionen steht, ist keineswegs eine brachiale Diktatur über die Gojim, sondern ein Wohlfahrtsregime in Form einer aristokratischen Wahlmonarchie, deren dankbare Subjekte dem hoch gebildeten und moralisch untadeligen Davidsohn als ihrem Wohltäter und Retter die Hand küssen werden – also das vollendete Bild einer «freiwilligen Knechtschaft». Das war eine geläufige Zwangsvorstellung dieses Zeitalters.
Dass diese ominösen Protokolle mit ihrer antiliberalen, antikapitalistischen und antidemokratischen Tendenz ganz und gar ein Produkt der «Welt von gestern», vor 1914, waren und auf die Entwicklungen danach, die Ära der Weltkriege und Revolutionen, nur sehr mühsam oder gar nicht passten, macht die historische Wirkung dieser Schrift umso fraglicher. Für Hitler hatte sie jedenfalls nur eine periphere Bedeutung; der Nationalsozialismus war ein sehr viel zeitgemässerer Mix aus vielerlei Zutaten. Als das intelligenteste Antisemiticum des Zeitalters, das auf die Protokolle losen Bezug nimmt, ragt Henry Fords «The International Jew» heraus. Darin geht es um das jüdische Finanzkapital, das jüdische Hollywood, um frivole Moden, Jazztänze und Bubiköpfe, um schlechthin alles, was die Entwurzelung und Entfremdung eines idealisierten «middle America» von einer gesunden, gottesfürchtigen und bodenständigen Lebensweise vorantrieb. Auch das war eine aus der Zeit geschöpfte, innerwestliche Kritik des modernen Kapitalismus.
Soweit in den Verschwörungstheorien des Zeitalters der «jüdische Bolschewismus» eine Rolle spielte (was viel seltener der Fall war, als gemeinhin angenommen), dann in einer sehr spezifischen Aufstellung. Entstanden war die warnende Formel vom «jüdischen Bolschewismus» während des Weltkriegs in alliierten Publikationen, allen voran der Londoner «Times», die in der russischen Revolution von 1917 eine «deutsch-bolschewistische Verschwörung» am Werk sah, bei der deutsch-jüdische Wall-Street-Finanziers (wie die Schiffs und die Warburgs) eine zentrale Vermittlerrolle gespielt haben sollten. Nach dem Sieg der Bolschewiki im russischen Bürgerkrieg legten sowohl deutsche wie westliche Antisemiten einen eigentümlichen Akzent auf die Tatsache, dass die Mehrzahl der führenden Revolutionäre – allen voran Leo Trotzki, der «jüdische Bolschewik» par excellence – aus den USA und Grossbritannien eingeschleust worden seien. Darin steckte die implizite oder explizite Feststellung, dass der ganze Bolschewismus so oder so nur ein Instrument des internationalen jüdischen Finanzkapitals zur Unterminierung und Kolonisierung Russlands sei, und von dort ausgehend der übrigen Welt. Oder allgemeiner gesprochen: dass die «Rote Internationale» nur ein betrügerisches Instrument der «Goldenen Internationale» sei – die also in Wirklichkeit die Fäden zog.
Spiegelbilder
Schauen wir auf die Gegenseite hinüber, also auf die Seite der Bolschewiki selbst, dann findet man allerdings Vorstellungen, die eine erstaunliche strukturelle Ähnlichkeit mit diesen Weltbildern haben. Überhaupt stösst man bei dem von ihnen kreierten Marxismus-Leninismus auf ein Phänomen, das schon bei vielen Aufklärern des 18. ebenso wie bei den sozialistischen Revolutionären des 19. Jahrhunderts zu beobachten war: nämlich dass eine strikt vernunftgemässe, sogar wissenschaftliche, historisch-materialistische Welterklärung das Bedürfnis keineswegs ersetzte, naturalistisch bezeichnete Feinde und ihre verschwörerischen Umtriebe als das insgeheime Movens aller katastrophalen Entwicklungen ihres Zeitalters zu identifizieren. Marx und Engels etwa verwandten einen erheblichen Teil ihrer Lebenszeit darauf, eine Art Weltverschwörung des russischen Zarentums seit den Tagen Peters des Grossen nachzuweisen, vorangetrieben von einer kosmopolitischen Clique hergelaufener Diplomaten und gekaufter Literaten in moskowitischen Diensten, sekundiert von den Führern der britischen Liberalen, die ihrerseits auf eine grosse Weltteilung aus waren.
Bei Lenin lag der Gedanke, seine ideologischen Gegner im eigenen antizaristischen Lager, von den gemässigten Liberalen über die militanten Sozialrevolutionären bis zu den reformistischen Menschewiki, a priori für Agenten des Kapitals zu halten, sehr früh schon sehr nahe. In der Zeit nach dem bolschewistischen Machtcoup wurden denn auch gerade sie als Handlanger des (westlichen) Imperialismus gebrandmarkt und verfolgt. Mehr noch: Alle Streiks und Oppositionen, alle Widerstände der Bauern gegen die Zwangsrequirierungen oder Meutereien der Arbeiter und Matrosen wie 1921 in Kronstadt, wurden von den Bolschewiki als ein allumfassendes Komplott des Weltimperialismus gegen die Sowjetmacht gezeichnet, dem mit allen Mitteln eines sozialen und physischen Terrors zu begegnen war.
Paranoides Grosskonstrukt
Unter Stalin war dieser Gedanke – erst recht in der gewaltsamen Kollektivie-rungskampagne ab 1929 – bereits axiomatisch. Jedes Kulakenweib, das sich an seine Kuh klammerte, und jeder bürgerliche Ingenieur, der über absurde Planvorgaben den Kopf schüttelte, war schon ein Agent des Weltimperialismus. Erweitert wurde der Radius dieser Weltverschwörungsvorstellungen durch die Einbeziehung der innerparteilichen Gegner. Schon 1927 sprach Stalin das erste Mal von einer Art «Einheitsfront von Chamberlain bis Trotzki» zur Unterminierung der Sowjetmacht. In den Kampagnen gegen die ehemalige «linke Opposition» und insbesondere den angeblich allgegenwärtigen Trotzkismus in den dreissiger Jahren steigerte sich diese Vorstellung zu einem paranoiden Grosskonstrukt, worin der «Judas Trotzki» als der globale Gegenpol zur lichten Schöpfergestalt Stalins selbst firmierte. Und so wie der Faschismus in den Theorien der Komintern zur Speerspitze und Prätorianergarde des Weltkapitals stilisiert wurde, so mutierte der Trotzkismus im stalinistischen Weltbild zur zentralen Agentur der imperialistischen Weltreaktion – was wiederum strukturelle Ähnlichkeiten (wenn auch spiegelverkehrt) zur Rolle des «jüdischen Bolschewismus» in der NS-Propaganda hatte, der ebenfalls ein Instrument des plutokratischen Weltjudentums war.
Während die Nationalsozialisten mit den deutschen Kommunisten (deren Widerstandspotenzial sie jenseits des Gespenstes eines «Weltbolschewismus» sehr realistisch einschätzten) rasch fertig waren, verstrickten sich die Stalinisten auf der Gegenseite in einen Furor terroristischer Massensäuberungen, in denen es erfolterten Geständnissen zufolge von fantastischen Komplotten zur Ermordung Stalins sowie von Brunnenvergiftungen, Brandstiftungen und anderen Apokalypsen nur so wimmelte. Hunderttausende fielen diesem Grossen Terror zum Opfer, darunter das Gros der eigenen Parteielite und des militärischen Führungskorps. In solch akuter Weise haben vielleicht noch niemals paranoide Wahnvorstellungen, die sich zentral auf den eigenen Machtapparat richteten, von einer Staatsführung Besitz ergriffen.
Eine verheerende konspiratorische These
Aber schlimmer: Gerade diese paranoide Disposition ermöglichte es Stalin im Frühjahr 1939, nur Tage vor dem Einmarsch deutscher Truppen in Prag, den Westalliierten zu erklären, dass er nicht vorhabe, sich von ihnen in einen Konflikt mit den «jungen Mächten» Deutschland, Italien und Japan verwickeln zu lassen – eine neuerlich verdrehte konspirationistische These, die im direkten Gegenzug zum Kriegspakt mit Hitler im August 1939 führte. Die Deutschen, erklärte Stalin dem Komintern-Chef Georgi Dimitroff eine Woche nach dem Überfall der Wehrmacht auf Polen, würden gute Dienste bei der Zerschlagung des Weltkapitalismus leisten. Womöglich noch verheerender war seine abermals von paranoiden Projektionen geprägte Lagebeurteilung, als er im Frühsommer 1941 die in dichtem Strom eintreffenden Informationen über einen deutschen Aufmarsch als «britische Provokation» verwarf. Von hier führt wiederum eine stringente Linie zu den stalinistischen Ideologemen des Kalten Kriegs, in denen ein subversiver Kosmopolitismus und Zionismus eine herausgehobene Rolle als Instrument des (westlichen) Weltimperialismus spielte. Mit anderen Worten: Der Marxismus-Leninismus stalinistischer Prägung war über weite Strecken und bis in die Ära Breschnews hinein eine alles umfassende Weltverschwörungstheorie ganz eigener Observanz.
Wir könnten an diesem Punkt noch eine neue, nächste Runde eröffnen und den «paranoid style» der US-amerikanischen Weltpolitik dieser Jahre, von Joe McCarthy bis John F. Kennedy, der 1961 das Phantom einer «monolithischen und ruchlosen Verschwörung» des Weltkommunismus an die Wand malte, zitieren. Wir könnten auch davon sprechen, dass viele von denen, die sich allzu sehr in die Entstehungs- und Verbreitungsgeschichte der «Protokolle» vertieft haben, am Ende beim Bild einer antisemitischen Weltverschwörung angekommen sind, die der Fabel der «Protokolle» und ihrer angeblichen «Entdeckung» spiegelbildlich ähnlich sieht, wie zuerst der französische Geheimdienstoffizier Henri Rollin 1939, am Vorabend des Weltkriegs, und wie zuletzt der grossartige Cartoonist Will Eisler. In dieser immer ausgefeilteren Gegenerzählung kommen die apokryphen, gefälschten «Protokolle» gleichsam wie ein Virus in die Welt und lösen eine geistige und politische Pandemie aus.
Aber das alles zeigt nur die hypnotische Suggestivkraft solcher Verschwörungskonstrukte – und ihre Universalität. Nicht in Verschwörungskategorien zu denken, ist eine grosse und schwierige Kulturleistung. ●
Gerd Koenen ist Historiker und Publizist mit Wohnsitz Frankfurt a. M. Er hat eine Reihe von Sachbüchern zur Geschichte des Kommunismus und der Neuen Linken veröffentlicht. Zuletzt erschienen von ihm «Was war der Kommunismus? Ein historischer Essay» und «Traumpfade der Weltrevolution Das Guevara-Projekt».


