Von Wahnsinnigen für Verrückte
Verschwörungstheorien sind eines der ältesten Genres der Weltliteratur. Sie sind sogar älter als die ihnen verwandten Kriminalromane, die es bekanntlich erst gibt, seit Polizei und Detektive existieren. Der Glaube daran, dass ausserordentliche Ereignisse (und manchmal auch ganz gewöhnliche) keine einfache Erklärung haben können, dass Dinge nie so sind, wie sie scheinen, dass irgendwelche geheimen (manchmal okkulten) Mächte am Werk sind, ist wahrscheinlich so alt wie der Neandertal-Mensch. Psychologen und Anthropologen halten dieses Denken für einen Teil der menschlichen Psyche. Für Politwissenschaftler sind sie ein anthropologisch konstanter Faktor. Natürlich gibt es auch wirkliche Verschwörungen – nur kommen auf eine wirkliche Verschwörung eben 50 oder 100 Gerüchte über Verschwörungen, die keine waren oder nicht existierten.
Manche dieser Theorien sind so komisch und unsinnig, dass sie zum Vergnügen von Menschen beitragen, die sowohl ihre Vernunft als auch Sinn für Humor bewahrt haben. Andere Leute jedoch sind nach dem Motto «Es wird schon etwas Wahres daran sein» bereit, auch dem grössten Unsinn Glauben zu schenken. In skrupellosen Händen können Verschwörungstheorien durchaus wichtige politische Faktoren werden. Es gibt in jedem Land der Welt Menschen, die an solche Theorien glauben, in einem Land mehr, in anderen weniger. Eine Geopolitik der Verschwörungstheorien gibt es noch nicht. Ein solches Unterfangen wäre lohnend. Wahrscheinlich würde sich dabei herausstellen, dass dieses Genre der politischen Literatur im Nahen Osten und in Russland am Weitesten verbreitet ist und am intensivsten geglaubt wird. Aber auch im Mittelmeerraum ist es stark vertreten und wohl in keinem Land der Welt fehlt es gänzlich.
Breit untersucht und extrem einflussreich
Die Literatur über Verschwörungstheorien ist riesig. Es gibt sogar Enzyklopädien, die sich damit befassen. Wohl das bekannteste Machwerk auf diesem Gebiet sind die «Protokolle der Weisen von Zion». Und sie waren es auch, die mich zum ersten Mal in nähere Bekanntschaft mit dieser Thematik gebracht haben. Dabei ging es nicht darum, wer die «Protokolle» verfasst hat. Diese Frage ist bis heute nicht gelöst, obwohl alle paar Jahre Nachrichten durch die Presse gehen, dass irgendjemand nun endgültig und über alle Zweifel erhaben den Verfasser ausfindig gemacht hat. Der Wahrheit am nächsten scheint Cesare de Michelis gekommen zu sein («The Non-Existent Manuscript: A Study of the Protocols of the Sages of Zion»). Er hat auf Grund einer linguistischen Analyse etwa festgestellt, dass das ursprüngliche Manuskript viele Ukrainismen enthielt.
Ein anderer, wichtiger Beitrag kam von Vadim Skuratovski, der eine linguistische Analyse unternahm und darauf hinwies, dass der Verfasser erhebliche Anleihen bei Dostojewski («Der Grossinquisitor») gemacht hatte. Doch wie der wohl bedeutendste «Protokolle»-Forscher, Michael Hagemeister in München, gezeigt hat, kam am Ende bei all diesen Anstrengungen lediglich heraus, dass man mit ziemlicher Sicherheit das Umfeld kennt, in dem die «Protokolle» entstanden. Doch bis heute ist der Forschung nicht gelungen, die Urheberschaft der «Protokolle» bestimmten Personen eindeutig zuzuschreiben. Dafür wurde jüngst etwa ein gewisser Golowinski genannt.
Wirkungsgeschichte
Immerhin steht fest, dass die «Protokolle» zum ersten Mal im Jahre 1903 in der Zeitschrift «Znamja» in russischer Sprache erschienen und dass die russische Geheimpolizei in Frankreich wahrscheinlich dabei eine Hand im Spiel hatte. Der Verfasser war und blieb aber anonym; möglicherweise war mehr als eine Person für die Autorenschaft verantwortlich. Der Einfluss der «Protokolle» war bis zum Ersten Weltkrieg beschränkt. Auch in radikal antisemitischen Kreisen Russlands war man häufig skeptisch und behandelte das Dokument mit erheblicher Vorsicht. Dazu kam, dass der Text sich häufig änderte und dass Jahr um Jahr Verbesserungen und «Verschönerungen» vorgenommen wurden. Um nur ein Beispiel zu nennen: Als in einer Neuauflage behauptet wurde, dass die Untergrundbahnen, die immer häufiger in europäischen Grosstädten gebaut wurden, dem Zwecke dienen sollten, diese Städte und ihre Einwohner im Interesse des internationalen Judentums in die Luft zu sprengen, fühlten sich die ursprünglichen Herausgeber geneigt, sich von dieser Behauptung zu distanzieren. Dieses Projekt schien ihnen eher unwahrscheinlich – sie wollten es aber als Allegorie durchgehen lassen. Mit Zionismus hatte die ursprüngliche Version übrigens nichts zu tun. Die Zentrale der Verschwörer sollte zunächst die in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts in Paris gegründete Alliance Israelienne sein, eine Abwehrorganisation gegen Judenverfolgungen.
Mich interessierte eine eher nebensächlich Frage – wie waren die «Protokolle» kurz nach dem Ersten Weltkrieg von Russland nach Deutschland und dem Westen gelangt? Zusammen mit meinem Freund Norman Cohn, der einige Jahre später ein Standardwerk über die «Protokolle» schrieb («Warrant for Genocide: The Myth of the Jewish World Conspiracy and the Protocols of the Elders of Zion»), forschte ich in verschiedenen europäischen Archiven. Ich erinnere mich gut, wie wir nach stundenlanger Recherche in Kellern oder Lesesälen den Heimweg antraten und Norman Cohn mich, den Jüngeren, warnte: Eine zu intensive Beschäftigung mit diesem Gegenstand sei nicht ratsam – von Wahnsinnigen für Verrückte geschrieben, seien die «Protokolle» möglicherweise ansteckend. Vielleicht sollte man es halten wie fromme Juden mit der Kabbala – nur Männern in einem gewissen Alter und einem völlig ausgeglichenen Gemütszustand sollte es erlaubt sein, sich auf diesen gefährlichen Boden zu begeben. Sonst könnte das Studium solchen Materials zu paranoiden Krisen, Neurosen oder gar Psychosen führen.
Ich konnte bei mir eine Gefahr der Ansteckung nicht bemerken, vielleicht weil ich die für mich relevanten Tatsachen recht mühelos ausfindig machen konnte: Die «Protokolle» waren von Offizieren der besiegten Weissen Armeen in Russland mit Hilfe einiger der jungen NSDAP nahe stehenden Deutschbalten nach Deutschland gebracht worden. Darunter war Alfred Rosenberg, der NS-Chefideologe, dessen wirre Ideen selbst für Hitler zu verstiegen waren, Max Scheubner-Richter, der bei dem Marsch auf die Feldherrenhalle 1923 getötet wurde, sowie Otto von Kursell, den ich noch in München für mein Buch «Deutschland und Russland» (1965) befragen konnte.
Die Hauptquellen der Protokolle
Wie allgemein anerkannt wird, haben die «Protokolle» zwei Hauptquellen: ein politisches Pamphlet von Maurice Joly und den historischen Roman
«Biarritz» von 1867/68 von Sir John Redcliffe. Ein Kapitel in «Biarritz» mit dem Titel «Die Rede des Rabbiners» beschreibt in allen Einzelheiten, wie es zwei beherzten Männern gelang, in einem Versteck auf dem Prager jüdischen Friedhof die Versammlung des jüdischen Sanhedrin zu belauschen. Der eine dieser Kundschafter ist Dr. Faustus, der andere ein getaufter Jude namens Lasali – wohl eine Anspielung auf Ferdinand Lassalle. Im Gegensatz zu Dr. Faustus und Lasali ist der Verfasser in jüdischen Dingen nicht sehr bewandert. So spricht er von dem jüdischen Kirchhof (!) und von den 12 Stämmen Israels, obwohl es bekanntlich nur zehn gibt, da zwei von ihnen bereits längst spurlos verschwunden waren. Oberrabbiner Levitt, dem Führer der Juden, geht es um die Errichtung der jüdischen Weltherrschaft in spätestens den nächsten 100 Jahren.
Sir John Redcliffe (der angebliche Verfasser) war keineswegs ein englischer Lord, sondern ein schlesischer Postbeamter namens Hermann Goedsche, der gleichzeitig Agent der politischen Polizei Preussens war und wohl auch einmal wegen Fälschung verurteilt worden ist. Er schrieb Dutzende von politisch-historischen Romanen (Kolportage-Literatur wäre eine genauere Bezeichnung gewesen) mit zeitgeschichtlichen Themen wie die Meuterei in Indien gegen die Briten («Nena Sahib») oder den Krieg in Oberitalien («Magenta und Solferino») und den Krimkrieg («Sebastopol»). Diese Bücher waren zu ihrer Zeit sehr beliebt, ähnlich denen des späteren Karl May, nur dass dieser sich nicht mit der hohen Politik befasste. Das Niveau dieses Grossmeisters hat Goedsche allerdings nie erreicht. Er war, wenn man Theodor Fontane glauben darf (der ihn von den Redaktionssitzungen der «Kreuzzeitung» kannte), ein ganz umgänglicher Mann, der von den Kollegen nicht sehr ernst genommen wurde und sich auch selber nicht sehr ernst nahm. Er war nach eigener Aussage ursprünglich kein Antisemit, sondern respektierte den altehrwürdigen jüdischen Glauben. Aber im Laufe der Zeit schien ihm dann doch der Gedanke einer jüdischen Weltverschwörung unwiderstehlich.
Es gibt bei Goedsche nicht nur viele Sensationen, sondern immer wieder viel Blut und Grausamkeit. Er beriet sich häufig mit seinen Kollegen, wie er sich von diesen schrecklichen Phantasien wieder auf den Boden der Realitäten zurückarbeiten konnte. Karl May war auch der originellere Schreiber. Man kann ihm vieles vorwerfen, aber ein Plagiator war er nicht. Goedsches Roman «Biarritz» dagegen hat starke Anleihen beim älteren Dumas gemacht, dem Verfasser des «Grafen von Monte Christo». In seinem dem Zyklus «Memoiren eines Arztes» (1846–1855) hat Dumas eine der Verschwörungen von Cagliostro thematisiert, dem berühmtesten internationalen Schwindler des 18. Jahrhunderts.
Die angebliche «Rede des Rabbiners» wurde jedenfalls bis hinein in die Nazizeit in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitet und wurde ein wichtiger Bestandteil der antisemitischen Propaganda. Auch die kürzlichen Enthüllungen über die jüdische Lobby in Amerika gehören in gewissem Masse zu dieser Tradition, nur eben dass sich die heutigen «Verschwörungen» im Offenen und nicht auf dem «Prager Friedhof» abspielen.
Eco und die Verschwörung
Warum, kann man fragen, diese alten Geschichten heute wieder aufwärmen? Die Mär von der jüdischen Weltverschwörung ist immer noch aktuell. Im Oktober dieses Jahres erscheint bei Bompiani in Milano ein neues Buch, der sechste Roman eines der bekanntesten Schriftsteller unserer Zeit – Umberto Eco. Viele Übersetzungen werden folgen. Der Roman trägt den Titel «Il cimitero di Praga»: die Geschichte einer von einem verlogenen Intriganten angezettelten Verschwörung. Eco hat bereits in der Vergangenheit grosses Interesse für die «Protokolle» gezeigt und darüber geschrieben. Carl Gustav Jung hat einmal festgehalten, dass die grosse Zeit der Astrologie und anderer «okkulter Wissenschaften» nicht im Mittelalter war, sondern heute von uns erlebt wird. Das könnte auch auf die Verschwörungstheorien zutreffen. ●
Walter Laqueur, 1921 in Breslau geboren, zeichnet sich durch ein breites Spektrum von Interessen aus. Jüngst erschien seine politische Autobiografie «Mein 20. Jahrhundert» im Propyläen Verlag.


