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September 2010, 10. Jahrgang, Ausgabe 09 Ausgabe: Nr. 9 » September 6, 2010

Verschwörungen im Zeitalter der «Flexnets»

Von Stephen M. Walt, September 6, 2010
Gerüchte von geheimen Umtrieben haben Konjunktur. Aber politische Netzwerke führen Verschwörungstheorien auch im Kampf um die Meinungshoheit ins Feld.
OKLAHOMA CITY 1995 Der bis 2001 verlustreichste Anschlag auf US-amerikanischen Boden war Folge eines Denkes in verschwörungstheoretischen Mustern

Im Mai 2003 erklärte der «New York Times»-Kolumnist Tom Friedman seinem Kollegen Ari Shavit von der ­israelischen Zeitung «Haaretz», der amerikanische Einmarsch in Irak sei «der Krieg, den die Neokonservativen gewollt haben, der Krieg, für den
sie die Werbetrommel gerührt haben. Ich könnte Ihnen die Namen von
25 Leuten nennen – alle befinden sich in diesem Augenblick im Umkreis von fünf Strassenzügen um unser Washingtoner Büro–, ohne die der Irak-Krieg nicht stattgefunden hätte.»
Hat Friedman damit eine «Verschwörungstheorie» verbreitet, um die Irak-Invasion zu erklären? Ist es angemessen, die neokonservative Bewegung, und speziell jene Neocons, die am lautesten für den Einmarsch geworben haben, als Verschwörung oder Kabale zu beschreiben? Etliche Autoren haben dies getan. Ich teile diese Auffassung nicht. Ich lehne die aussenpolitischen Positionen der Neocons aus einer ganzen Reihe von Gründen ab und es bestehen in meinen Augen keine Zweifel daran, dass sie wesentlich zum amerikanischen Einmarsch in Irak beigetragen haben. Aber sie als Kabale oder Verschwörung zu charakterisieren ist irreführend, kontraproduktiv und womöglich sogar gefährlich.

Eine alte Tradition

Wie wir aus einer ganzen Reihe bedeutender Bücher wissen, haben Verschwörungstheorien in den USA (und andernorts) eine lange, traurige Geschichte. Zu den Titeln gehören Richard Hofstadters «The Paranoid Style in American Politics», «Voodoo Histories» von David Aaronovitch und
Kathryn Olmsteds «Real Enemies: Conspiracy Theories and American Democracy». Populäre Verschwörungstheorien zirkeln um die Freimaurer oder unterstellen der Juden grossen Einfluss im Verborgenen. Hier sind an erster Stelle die notorischen «Protokolle der Weisen von Zion» zu nennen. Daneben wird Franklin D. Roosevelt unterstellt, den japanischen Angriff auf Pearl Harbor bewusst in Kauf genommen zu haben, während die CIA John F. Kennedy ermordet und die US-Regierung 1969 die Mondlandung fingiert haben soll. Heute behaupten «9/11-Enthüller», dass Washington für die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon verantwortlich ist und der rechtsradikale Politiker Lyndon LaRouche versorgt seine Anhänger gleich mit einem ganzen Bündel von Verschwörungstheorien. Auch der Radio- und TV-Moderator Glenn Beck bringt ständig ebenso absurde wie Furcht erregende Theorien über die amerikanische Politik unter die Leute.
Verschwörungstheorien treten in vielerlei Gestalt auf, aber meist teilen sie eine Handvoll Komponenten. Erstens nehmen sie häufig in Anspruch, die geheimen Machenschaften einer kleinen Gruppe von Individuen zu enthüllen, die ein übles, aber grösstenteils im Verborgenen liegendes Ziel verfolgen. Zweitens schreiben sie diesen Gruppen gewaltige und weit reichende Macht zu, darunter eine geheimnisvolle Fähigkeit, eine Fülle von Institutionen zu kontrollieren (statt diese lediglich zu beeinflussen). Aber im Gegensatz etwa zu akademischen Untersuchungen identifizieren Verschwörungstheorien niemals die Mechanismen, über die der von ihnen unterstellte Einfluss ausgeübt wird und bleiben generell konkrete Belege für ihre ausschweifenden Behauptungen schuldig. Stattdessen behaupten Verschwörungstheoretiker, «die Regierung» betreibe irgendein ausserordentlich folgenschweres, aber verdecktes Unternehmen. Dazu zählen die angeblich auf dem militärischen Sperrgebiet «Area 51» versteckten Weltraumvehikel ausserirdischer Herkunft oder die Zerstörung des World Trade Center, die dann angeblich al-Qaida unterstellt worden ist. Nahezu alle beliebten Verschwörungstheorien behaupten, dass allgemein als gesichert geltendes Wissen über die Welt absolut falsch ist – dies, weil die Verschwörer uns davon überzeugt wollen, dass oben in Wirklichkeit unten und Schwarz tatsächlich Weiss ist.

Je unbeweisbarer, desto glaubwürdiger

Zudem neigen Verschwörungstheorien dazu, «Ockhams Rasiermesser» zu ignorieren, also die Idee, dass schlichte und direkte Erklärungen in allen Fragen stets vorzuziehen sind. Stattdessen bieten sie komplizierte Begründungen an, die vor allem dazu dienen, störende Tatsachen wegzureden. Derlei Theorien neigen überdies dazu, die Welt als sehr viel konsistenter und besser organisiert zu betrachten, als sie es tatsächlich ist. So erheben sie den Anspruch, den Schlüssel zur Enttarnung einer eigentlichen Realität zu besitzen: Wer diese Wahrheit einmal erkannt hat, für den verflüchtigen sich alle Widersprüche. Dazu pressen Verschwörungstheoretiker gerne alle möglichen Phänomene in ein Muster und halten die Kreation dann mit unbewiesenen oder weit hergeholten Verbindungen zusammen. Auch auf diesem Gebiet ist Beck derzeit der unbestrittene Meister.
Verschwörungstheorien mangelt es in der Regel an klaren und eindeutigen Beweisen. Dies erklärt aber auch, warum es mitunter so schwierig ist, sie zu widerlegen. Anhänger dieser Theorien führen das Fehlen stichhaltiger Belege gerne auf den Einfluss der allmächtigen, geheimen Kreise zurück, die sich nach Kräften um das Verwischen ihrer Spuren bemühen und dafür auch allen Anlass haben. So wird eine Verschwörungstheorie für ihre Anhänger gerade deshalb umso glaubwürdiger, je weniger Beweise dafür existieren! Als Senator Joseph McCarthy seine Anklage gegen eine gewaltige kommunistische Verschwörung innerhalb der amerikanischen Regierung erhob, hatte er gerade deshalb Erfolg, weil seine Beschuldigungen nur mit Schwierigkeiten widerlegt werden konnten: Wenn wir keine wirklichen Kommunisten im Aussenministerium dingfest machen können, dann liegt das womöglich daran, dass diese diabolischen Bolschewiken ihre wahren Loyalitäten so ausserordentlich geschickt zu tarnen verstehen.
Es sollte eigentlich klar sein, dass die auf den Irak-Krieg drängenden Neokonservativen nicht als «Verschwörung» betrachtet werden können und die verschiedenen Stimmen, die ihnen eine Mitverantwortung für die Invasion vorwerfen, damit keine sonderlich kontroverse These vorbringen. Die für das Wachstum der neokonservativen Bewegung entscheidenden Think Tanks, Komitees, Stiftungen und Publikationen operieren keineswegs im Verborgenen, sondern haben von Anfang an die Öffentlichkeit gesucht, so wie das andere politische Netzwerke auch tun. Statt Ziele wie die Entmachtung von Saddam Hussein zu verbergen, haben sie ausdrücklich dafür geworben. Es wäre schon eine sehr seltsame «Verschwörung», die ihre führenden Köpfe ständig im Fernsehen auftreten lässt, um ihre Ziele zu verkünden und deren Mitglieder offene Briefe unterschreiben, in denen sie der Regierung aussenpolitische Ratschläge unterbreiten. Und damals, in der euphorischen Stimmung des Frühsommers 2003, als Präsident George W. Bush den «erfolgreichen Abschluss der Mission» in Irak verkündete, waren Neokonservative rasch zur Stelle, um ihren Beitrag an diesen Triumph hervorzukehren. So benimmt sich eine «geheime Kabale» eigentlich nicht.

Verschwörungstheorien als politische Gefahr

Dass Verschwörungstheorien so unverwüstlich sind, ist aus zwei ganz unterschiedlichen Gründen besorgniserregend. Erstens schieben echte Verschwörungstheorien die Verantwortung für alle oder die meisten gesellschaftlichen Missstände dem verborgenen Wirken übler Bürokraten oder irgendeiner unloyalen Gruppe zu. Damit schüren die «Theoretiker» Hass und Gewalt gegen ethnische oder religiöse Minderheiten, oder populistische Gewalt gegen öffentliche Angestellte oder Mandatsträger. Der Hinweis auf die Nazi-Ära oder den Bombenanschlag in Oklahoma City 1995 sollte eigentlich genügen, um die Konsequenzen dieses Denkens zu verdeutlichen.
Zweitens erschwert der Fokus auf Verschwörungstheorien die ernsthafte Diskussion über die diversen Methoden und Wege, mittels derer Interessengruppen oder politische Netzwerke ihre Ziele verfolgen. Verschwörungstheorien sind Erfindungen. Aber das bedeutet nicht, dass «privates politisches Zusammenspiel» nicht existiert. Tatsächlich geht politische Aktivität in hohem Masse auf kleine Gruppen von Personen zurück, die sich zusammentun, um eine Agenda voranzutreiben. Da im politischen Geschäft ein harter Wettbewerb betrieben wird, verdecken miteinander konkurrierende Gruppen häufig ihre Ziele und Strategien, um ihren Gegnern keine Vorteile in die Hand zu geben. Doch durch die Linse der Verschwörungstheoretiker betrachtet waren die amerikanischen Revolutionäre, die Bürgerrechtsbewegung, das christlich-fundamentalistische Council for National Policy, das konservative Committee on the Present Danger und die Bolschewiki allesamt «Verschwörungen»: Bei allen handelt es sich um kleine Gruppen, die zusammenkamen, um privat politische Aktionen zu planen.
Der Begriff «Verschwörung» wird zudem etwa im Zusammenhang mit den Neokonservativen als Keule in der politischen Auseinandersetzung benutzt. In der seriösen Debatte trägt «Verschwörung» negative Assoziationen und weckt unvermeidlich die Vorstellung von Spinnern, die erfundene Theorien propagieren. Daher kommt es nicht selten vor, dass jemand, der behauptet, dass bestimmte Gruppen oder Netzwerke einen bedeutenden politischen Einfluss ausübten und dabei nicht völlig offen über ihre Absichten oder Pläne seien, als «Verschwörungstheoretiker» abgetan wird. In anderen Worten: Leute, die tatsächlich ein «privates politisches Zusammenspiel» betreiben, können die Theorien von Spinnern zur Diskreditierung ihrer Kritiker benutzen und darauf hoffen, dadurch eine ernsthafte Untersuchung oder Debatte ihrer Aktivitäten zu verhindern. Ironischerweise erschweren es bizarre und schädliche Ideen wie die «Protokolle», die «9/11-Enthüller» oder die Leute, die behaupten, Barack Obama sei nicht auf amerikanischem Territorium geboren worden, Wissenschaftlern, Journalisten und normalen Bürgern, das Zusammenspiel und die Wirkung all der verschiedenen Gruppierungen zu untersuchen, die klassische politische Einflussarbeit betreiben.

«Flexnets»: ein anderer Erklärungsansatz

Glücklicherweise bietet die Anthropologin Janine Wedel in ihrem neuen Buch «Shadow Elite» ein brauchbares Modell für die Untersuchung des Phänomens «privates politisches Zusammenspiel» an. Sie widmet ein Kapitel dem «Kern der Neocons», den sie als Netzwerk gut verbundener und gleich gesinnter Eliten beschreibt, die gleichzeitig in verschiedenen Sektoren der Gesellschaft operieren. Demnach konnten die Neokonservativen so nicht nur im Privaten politische Kampagnen planen, sie waren auch in der Lage, sich in entscheidenden Momenten gegenseitig zu unterstützen und in verschiedenen gesellschaftlichen Sektoren Aktivitäten zu mobilisieren (etwa in der Regierung, der Wissenschaft, den Medien oder der Wirtschaft). Dieses Vorgehen ist jedoch keineswegs ungewöhnlich oder gar «verschwörerisch». Im Gegenteil: Wedel behauptet, dass von ihr als «Flexnets» bezeichneten Gruppierungen in einer ganzen Reihe von Sachgebieten auf dem Vormarsch sind. Unter «Flexnets» versteht sie die flexiblen, professionellen Identitäten vieler Mitglieder dieser Netzwerke, die mal in der Regierung, mal bei Stiftungen, mal im akademischen Bereich oder der Wirtschaft tätig sind.
Dieser Ansatz vermeidet die irreführende Terminologie von «Verschwörung» oder «Kabale» und damit all jene negativen (und irreführenden) Konnotationen, die mit diesen Begriffen einhergehen. Gleichzeitig hilft uns dieser Ansatz zu verstehen, wie relativ kleine Gruppen dauerhaft Einfluss auf verschiedene politische Felder ausüben können, auch wenn ihre Ratschläge bereits wiederholt verheerende Folgen gezeitigt haben. Wenn Eliten mit guten Beziehungen weitgehend von Fehlschlägen isoliert sind und normale Bürger die verschiedenen Beziehungen und Interessen nicht kennen, welche die Mitglieder der Elite verbinden, dann sind die Öffentlichkeit und sogar manche Politiker nicht in der Lage, die Ratschläge dieser Persönlichkeiten akkurat zu beurteilen oder ihren Einfluss zu unterbinden. Wenn Wedel Recht hat, dann untergräbt der zunehmende Einfluss dieser «Schattenelite» das Prinzip der Verantwortlichkeit, das für eine gesunde Demokratie unverzichtbar ist.    ●


Stephen M. Walt ist Professor für Internationale Beziehungen an der Kennedy School of Government der Harvard University. Er ist durch sein Buch «Taming American Power: The Global Response to U.S. Primacy» (2005) und als Koautor (mit John J. Mearsheimer) von «The Israel Lobby» (2007) international bekannt geworden. Dieser Beitrag erschien zuerst auf seinem Blog unter www.foreignpolicy.com.


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